Borussia Dortmund gegen Schalke: Das Derby der Enttäuschenden

dzMeinung

Der BVB verspielt beim 1:3 in Rom viel Kredit, der FC Schalke 04 wartet seit Januar auf einen Sieg: Im Revierderby treffen zwei Mannschaften aufeinander, die liefern müssen.

Dortmund

, 24.10.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Revierderby zur exklusiven Anstoßzeit um 18.30 Uhr am Samstagabend, das hat es schon lange nicht mehr gegeben. Grund für die ungewohnte Terminierung sind die wegfallenden Sicherheitsbedenken, seit Saisonbeginn war klar, dass nur wenige Zuschauer und vor allem keine Gästefans zum Schlagerspiel des Ruhrpotts anreisen werden. Seit Dienstagabend herrscht auch die unwillkommene Gewissheit, dass nur 300 Fans ins Stadion gelassen werden. 35.000 hatten sich um Karten beworben.

Revierderby: Kohlenpott-Klassiker ohne Kulisse

Ähnlich wie beim Re-Start der Bundesliga am 16. Mai, als das früher emotionalste aller Spiele gänzlich ohne Publikum auskommen musste und zu einer für den Profifußball wichtigen, aber atmosphärisch traurigen Veranstaltung verkam, wird der Kohlenpott-Klassiker also eine Art von Geisterspiel. Diese unglücklichen Begleitumstände passen (leider) ganz gut zur aktuellen Verfassung der beiden Platzhirsche im Ruhrgebiet.

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Der FC Schalke 04 wartet seit 20 Spielen auf einen Sieg, der BVB bekam beim völlig verbockten Champions-League-Auftakt in Rom (1:3) einen heftigen Schlag ins Kontor verpasst. Die Borussen wirkten danach konsterniert, ratlos und niedergeschlagen. Kaum hatten eine Reihe von Siegen und weniger Gegentore für eine gefühlte Tendenz zu Konstanz gesorgt, holten die Geister der Vergangenheit die Schwarzgelben wieder ein. Für eine Spitzenmannschaft, die um Titel kämpfen will, gibt es zu viele Ausschläge nach unten zu verzeichnen, eine Haltung mit unbedingtem Siegeswillen ist nicht dauerhaft zu erkennen. Weil dies auch die ersten beiden Spieljahre unter Trainer Lucien Favre kennzeichnete, erschöpft sich die Zuversicht im Dortmunder Lager schnell. Appelle, Lippenbekenntnisse, immer wieder Rückschläge zur Unzeit. Und jetzt kommt Schalke.

Revierderby: Kommt Schalke zum richtigen Zeitpunkt zum BVB?

Genau zum richtigen Zeitpunkt, oder in einem denkbar ungünstigen Moment? BVB-Skeptiker könnten anführen, dass der FC Augsburg und Lazio ausreichend Anschauungsmaterial geliefert hätten, wie die Gelsenkirchener um ihre neuen Trainer Manuel Baum der Dortmunder Startruppe ohne adäquates Gedankenkostüm beizukommen ist. Wer unerschrocken und aggressiv zu Werke geht, wer den rein technisch angelegten und abwartenden Ballbesitzfußball der Borussen bremsen und aushalten kann, für den steigen die Chancen, Favres Elf zu verunsichern, sie in physischen Duellen auf Augenhöhe herunterzuziehen. Dann werden aus den Poster-Boys normale Fußballer mit einem latenten Unwillen zur Basisarbeit. „Wir müssen uns besser konzentrieren, wir müssen kämpfen und wir müssen präsent sein“, forderte Lucien Favre nach der Pleite bei Lazio. Es spricht ja Bände, dass er das sagen muss.

Die Aussprache nach dem missglückten Betriebsausflug nach Italien hat unmissverständliche Anteile beinhaltet. Der Rückschlag in Rom ist in der Champions League noch auszubügeln, und in der Bundesliga liegen die Borussen nach vier Spieltagen auf Kurs. Gerade das Revierderby bietet die nächste und allerbeste Gelegenheit, sich zu rehabilitieren, und in Heimspielen hat der BVB in den vergangenen Spielzeiten nur in Ausnahmefällen enttäuscht. So lässt sich auch argumentieren, dass Schalke zur rechten Zeit den kurzen Weg ins Dortmunder Stadion antritt.

BVB muss im Revierderby gegen Schalke Wiedergutmachung leisten

Die harsche Kritik und damit einhergehend die Verpflichtung, Wiedergutmachung zu betreiben, muss auch der mitunter apathischen Elf Ansporn genug sein. Alles andere als ein überzeugender Sieg gegen den Erzrivalen, derzeit Vorletzter der Bundesligatabelle, würde als Kompensation für die berechtigterweise anspruchsvoll gewordenen Fans nicht ausreichen.

Sportlich spannende Wochen stehen bevor, sofern der Spielbetrieb denn den hohen Infektionszahlen inmitten der Covid-19-Pandemie zum Trotz fortgeführt werden kann. Nach Schalke kommt am Mittwoch Zenit St. Petersburg an die Strobelallee, in den Auswärtsspielen in Bielefeld und beim Club Brügge muss sich der BVB schadlos halten, ehe vor der nächsten Länderspielphase im November der FC Bayern München zum Bundesliga-Topspiel nach Dortmund kommt.

Nur Siege können beim BVB für Ruhe sorgen

Für Trainer Lucien Favre und seine Mannschaft gilt bereits jetzt, dass bis dahin eigentlich nur Siege für Ruhe sorgen können. Und vor allem gegen die Königsblauen würde alles andere weder von den Fans noch von der Chefetage hingenommen. Im Derby der Enttäuschenden ist ein Sieg für Borussia Dortmund Pflicht. Dass der Druck so groß geworden ist, haben sich Team und Trainer selbst zuzuschreiben. Vom FC Schalke erwartet niemand mehr Wunderdinge. Nicht auszudenken, wenn die epische Sieglos-Serie ausgerechnet im Derby enden würde.

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