Rückkehr zu alter Wirkungsstätte: Uwe Neuhaus stand mehrere Jahre als Co-Trainer von Borussia Dortmund an der Seitenlinie. © imago images/Joachim Sielski
Exklusiv-Interview

Bielefeld-Coach Neuhaus: „Beim BVB ist in dieser Saison etwas zu holen“

Seinen ersten großen Trainer-Job hatte Bielefelds Coach Uwe Neuhaus beim BVB. Im Interview erinnert er sich an lustige Abende mit Michael Zorc und gibt Edin Terzic einen Tipp für die Zukunft.

Arminia Bielefelds Trainer Uwe Neuhaus ist ein Kind des Ruhrgebiets. Hier spielte er für viele Traditionsklubs und machte in seiner Geburtsstadt Hattingen in der Heinrichshütte eine Ausbildung zum Elektriker. Danach überlegte er als Berufssoldat zur Bundeswehr zu gehen, zog dem dann aber doch vor, Fußballprofi zu werden. Auch nach seiner Karriere blieb er dem Sport als Trainer treu. Mit Rot-Weiss Essen, Union Berlin und Dynamo Dresden feierte er Aufstiege in die dritte und zweite Liga, ehe ihm in dieser Saison der Aufstieg mit Arminia Bielefeld in Deutschlands höchste Spielklasse gelang.

Seinen ersten großen Trainer-Job hatte er jedoch beim BVB an der Seite von Michael Skibbe. Von 1998 bis 2004 saß er als Co-Trainer der Schwarzgelben auf der Bank und wurde mit Matthias Sammer 2002 Deutscher Meister. Vor dem Gastspiel seiner Arminen bei Borussia Dortmund (Samstag 15.30 Uhr, live bei Sky), sprach er über seine Zeit in Schwarzgelb, lustige Abende mit Michael Zorc und die aktuelle Situation von Edin Terzic beim BVB.

Herr Neuhaus, als Spieler gelang Ihnen der Bundesliga-Aufstieg relativ spät mit 30 Jahren, als Trainer standen sie mit 60 Jahren das erste Mal an der Linie, wenn wir mal weiterrechnen…

Was mache ich mit 90?

Genau, was machen Sie mit 90?

Da werde ich Journalist (lacht).

Und was würden Sie als Journalist bezogen auf den Fußball anders machen?

Da habe ich ja noch 30 Jahre Zeit zu überlegen (lacht). Nein, es ist schon eine lange Zeit. Man sieht aber etwa an Jupp Heynckes, der dann noch mal reaktiviert wurde, dass man trotzdem oder vielleicht erst recht erfolgreich sein kann.

Sie haben ja nun auch schon einiges erlebt. Woran erinnern Sie sich in Ihrer Trainerkarriere besonders gerne zurück?

Jede Station hatte irgendwie etwas Schönes, aber natürlich war der Einstieg in den Profibereich beim BVB besonders. Ich habe gerade den Nicht-Abstieg mit dem Oberligisten VfB Hüls gefeiert, als der Anruf von Michael Skibbe kam. Das war natürlich ein Quantensprung. Wir waren ja beide recht unbekannt und unerfahren. Es war gleichzeitig sehr herausfordernd, hat aber auch total viel Spaß gemacht. Ich hatte Michael damals auf dem Fußballlehrer Lehrgang 1996 kennengelernt und ihm danach gesagt: Wenn du irgendwo mal was im Amateurbereich oder in der Jugend für mich hast, kannst du gerne mal durchklingeln. Und das hat er einen Tag nach dem Spiel, in dem wir uns gerettet haben, gemacht, aber nicht gesagt, worum es geht. Spätestens als dann Gerd Niebaum und Michael Meier dort gesessen haben, ahnte ich schon, dass es nicht um die U19 geht. Ich brauchte nicht zu überlegen und habe sofort Ja gesagt.

Haben Sie noch Kontakt zum BVB?

Das ist im Laufe der Jahre natürlich weniger geworden, aber ich freue mich am Samstag auf die wenigen, mit denen ich früher zusammengearbeitet habe – auf Michael Zorc, auf Teddy de Beer, auf Otto Addo, Sebastian Kehl.

Uwe Neuhaus als Co-Trainer bei einer Einheit des BVB. Von 1998 bis 2004 unterstützte er in dieser Rolle drei Cheftrainer, ehe er die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund übernahm. © picture-alliance / dpa © picture-alliance / dpa

Also ist es auch ein besonderes Spiel für Sie?

Auf jeden Fall.

Vor diesem Interview habe ich mit Ingo Preuß gesprochen, Ihrem damaligen Co-Trainer in der zweiten Mannschaft. Er erinnerte sich an eine Situation mit Ihnen und dem Spieler Kosi Saka. Klingelt es da schon bei Ihnen?

(lacht) Es gab mehrere, also brauche ich einen kleinen Tipp.

Ingo Preuß meinte, er habe in einem Spiel zu Ihnen gesagt: Kosi Saka spielt heute unterirdisch, nimm ihn runter. Sie hätten daraufhin gemeint: Ich weiß, aber der schießt gleich ein Tor – und dann hat er den Siegtreffer in der 90. Minute geschossen. Waren das hellseherische Fähigkeiten oder Gottvertrauen in Ihren Spieler?

Hellseherische Fähigkeiten sicherlich nicht. Ich glaube, dass man ein Gespür dafür bekommt, wer Qualität hat, wer ein Spiel noch entscheiden kann, auch wenn er an dem Tag nicht so gut drauf ist. So genau kann ich mich aber gar nicht mehr erinnern. Das eine Mal habe ich mehr Glück als das andere Mal. Als Trainer macht man auch genug Fehler bei den Wechseln und bei der Aufstellung.

Sie sagten gerade, es habe mehrere Geschichten mit Kosi Saka gegeben, wollen Sie noch eine erzählen?

Nein (lacht).

Haben Sie eine andere Geschichte, an die Sie sich beim BVB gerne zurückerinnern?

In erster Linie erinnere ich mich an die Erfolge, die wir gefeiert haben. Wir standen gegen AC Mailand im Europapokal-Halbfinale. Im Hinspiel haben wir 4:0 gewonnen. Im Rückspiel in Mailand lagen wir relativ schnell 2:0 hinten. Da hatten wir richtig Fracksausen, bis Lars Ricken dann in der Nachspielzeit zum 1:3 getroffen hat. Von Mailand aus sind wir direkt nach Kaiserslautern zum Auswärtsspiel gefahren. Bei Bad Dürkheim hatten wir unser Hotel. Da haben wir natürlich den Erfolg genossen. Zwei Tage später war das Spiel auf dem Betzenberg. Das war eine tolle Zeit. Wir hatten viele lustige Abende. Michael Zorc war ja auch immer mit dabei.

Matthias Sammer, Uwe Neuhaus und Michael Zorc auf der Borussen-Bank bei einem Bundesliga-Spiel gegen Werder Bremen im Jahr 2001. © picture-alliance / dpa/dpaweb © picture-alliance / dpa/dpaweb

Auch ganz vorne mit dabei?

Gaaaanz vorne (lacht). Damals haben wir mit dem Stab zusammengesessen und ein Fläschchen getrunken. Aber Einzelheiten möchte ich nicht preisgeben.

Wissen Sie denn noch, wie das Spiel gegen Kaiserslautern ausging?

(überlegt länger) Nein (lacht).

Das lag aber nicht am Alkohol?

Nein, wir haben ja auch nicht so viel getrunken, dass wir überhaupt nicht mehr funktionsfähig waren.

Sie gelten als akribischer Arbeiter. Sie haben in vielen Traditionsmannschaften im Ruhrgebiet gespielt. Lernt man dort, dass Fußball harte Arbeit ist?

Ich glaube, das kann man überall lernen. Das hat auch weniger mit den Vereinen zu tun, in denen ich gespielt habe. Ich wusste immer, wo ich herkam und weiß das heute noch. Das war immer die Grundlage meines Daseins und meiner Arbeit. Ich habe immer versucht, ehrliche Arbeit abzuliefern. Dass ich immer bei Traditionsvereinen war, liegt an meiner Herkunft. Im Pott gibt es nun mal viele. Ich denke aber schon, dass ich vom Charakter zu den Vereinen gepasst habe – auch später zu Union Berlin oder Dynamo Dresden. Das hat geprickelt. Ich glaube, dass da das Schicksal meine Stationen übernommen hat. Da finde ich keine Begründung für.

Prickelt auch – die Bierdusche, die Uwe Neuhaus 2009 nach dem Aufstieg in die zweite Bundesliga mit Union Berlin bekam. © picture-alliance/ dpa © picture-alliance/ dpa

Würden Sie sagen, Sie sind in gewisser Weise auch Fußballromantiker?

Was ist denn ein Fußballromantiker?

Jemand, der daran glaubt, dass Fußball mehr ist als ein Sport und definitiv mehr als ein Geschäft. Macht die Vermarktung der Vereine den Fußball aus Ihrer Sicht kaputt?

Nein, das muss es nicht unbedingt bedeuten. Ich glaube, dass der BVB, Union Berlin, Dynamo Dresden oder Arminia Bielefeld den Kontakt zur Basis immer aufrechterhalten haben. Dortmund hat beispielsweise viele Ex-Spieler in die Verantwortung genommen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wenn man nicht weiß, wo man herkommt und wem man das alles zu verdanken hat, dann macht man einen großen Fehler. Das war bei den Vereinen, in denen ich war, nie der Fall, deshalb werden diese Vereine immer romantisch bleiben.

Sie sind als Co-Trainer von Matthias Sammer Deutscher Meister geworden. Sie mussten dann aber im Verein irgendwann zurück ins zweite Glied, als Bert van Marwijk mit seinem Trainerteam kam. Jetzt ist es vielleicht nicht ganz vergleichbar, aber Edin Terzic wird im Sommer ebenfalls wieder eine Reihe nach hinten rutschen. Kann das gelingen? Haben Sie vielleicht einen Tipp?

Ich glaube, dass man die Situationen wirklich nicht vergleichen kann. Er ist jetzt schon Cheftrainer, hat die Verantwortung und muss dann wieder zurücktreten. Mein Ziel war es immer, Cheftrainer zu werden. Wann und wo, das kann man nicht planen. Als ich Co-Trainer war, war ich Co-Trainer. Da war es dann auch egal, ob der Chefcoach Michael Skibbe, Bernd Krauss oder Matthias Sammer hieß. Ich habe meine Arbeit als Co-Trainer bestmöglich gemacht und habe keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich nachrutsche, wenn einer von ihnen weg ist. Ich glaube, dass es wichtig ist, die Rolle, die man gerade innehat, bestmöglich auszufüllen. Loyalität gehört dazu. Jeder Trainer, mit dem ich zusammengearbeitet habe, konnte sich sicher sein, dass ich die aufbringe.

Können Sie sich vorstellen, wie es wohl ist, wenn man Cheftrainer war und dann wieder Co-Trainer wird? Damit geht schließlich eine andere Rolle in der Mannschaft einher.

Das kann auch funktionieren, wenn er authentisch bleibt. Er muss mit sich selbst ausmachen, ob er das will und ob er das mit Haut und Haaren leben kann. Wenn es so ist, ist es kein Problem.

Am Samstag wird Edin Terzic definitiv als Cheftrainer an der Linie stehen. Macht Ihnen das 3:3 gegen München Mut im Hinblick auf das Spiel gegen den BVB?

Mut macht so ein Spiel auf jeden Fall. Wir konnten die Gunst der Stunde nutzen. Sie hatten viele Strapazen mit Corona, Verletzungen, der Reise zum Weltpokal. Da hatten wir vielleicht das Glück auf unserer Seite. Wir haben da aber auch viel für getan und dort eine ordentliche Vorstellung abgeliefert. Wir wissen, dass Dortmund genauso schwer wird. In der Champions League hat man gesehen, wie viel Qualität in der Mannschaft steckt. Die vergangenen beiden Spiele haben angedeutet, dass sie zurück in der Spur sind. Wir wissen, dass wir Außenseiter sind und eine außergewöhnliche Leistung zeigen müssen. Da muss wirklich alles zusammenpassen. Diese Saison hat aber gezeigt, dass beim BVB etwas zu holen ist.

Uwe Neuhaus‘ (l.) Arminen haben Bayern-Trainer Hansi Flick und seine Mannschaft vor zwei Spieltagen ordentlich geärgert und nahmen nach einem 3:3 einen Punkt aus München mit. © picture alliance/dpa/AP-Pool © picture alliance/dpa/AP-Pool

Sind Sie traurig, dass Sie ins BVB-Stadion zurückkehren und keine Fans da sind?

Ja, ich bin da aber grundsätzlich traurig drüber. Gerade für uns als Aufsteiger wäre es so wichtig gewesen, den Rückhalt unserer Fans bei den Spielen zu haben. Ich glaube, das hätte uns in der ein oder anderen Partie getragen und wir hätten vielleicht ein paar Pünktchen mehr geholt. Ich hätte es jedem gegönnt, die achtzigtausend Fans und diese Stimmung zu erleben.

Dann müssen Sie in der nächsten Saison wiederkommen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Bielefeld dann noch in der ersten Bundesliga spielt.

Das ist natürlich unser Ziel. Das haben wir von Anfang an gesagt. Wir wussten, was wir für eine Rolle spielen. Es ist genauso eingetroffen, wie wir gesagt und viele es erwartet haben. Vielleicht sogar ein kleines bisschen besser. Viele haben uns auf Platz 1 im Abstiegskampf gesehen. Wir haben es selbst in der Hand. Wir können es schaffen und müssen dafür in jedem Spiel an unsere Leistungsgrenze gehen und unsere Stärken in die Waagschale werfen. Wir geben uns nie auf.

Über den Autor
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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland
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