Julian Schwermann spielt sein erstes Seniorenjahr beim BVB II in der Regionalliga West. Dass man davon auf dem Platz nichts merkt, liegt an seinem Naturell. Sein Ziel ist die Bundesliga.

Dortmund

, 15.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Es ist noch nicht so lange her, da war Julian Schwermann wirklich schlecht zu erreichen. Zu Hause im Sauerland gibt es keinen Handy-Empfang, das Haus seiner Eltern steht in einem der vielen Funklöcher Deutschlands und vielleicht ist damit die Ursache seiner außergewöhnlichen Begabung schon gefunden. Denn es ist ja so: Wer nicht mit seinem Smartphone spielen kann, der nimmt vielleicht einen Fußball. Auf Julian Schwermann trifft das jedenfalls zu. „Ich spiele Fußball seit ich denken kann“, sagt der 19-Jährige aus Brenschede bei Sundern im Hochsauerlandkreis, der gerade seinen Vertrag beim BVB II bis 2020 verlängert hat. „Immer wenn ich frei hatte, sind wir direkt auf den Bolzplatz.“

Aus der Kreisliga zum BVB

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Die Geschichte von Julian Schwermann zeigt, dass man selbst dann bei Borussia Dortmund auf dem Radar auftauchen kann, wenn nicht mal ein Satellit dazu imstande ist, einen zu orten. „Er kam ja aus der Kreisliga“, sagt sein ehemaliger BVB-Jugendtrainer Benjamin Hoffmann, „aber er hat unsere Scouts damals sofort überzeugt.“

Bei einem U13-Turnier spielte sich der Mittelfeldspieler vom TuS Sundern in die schwarzgelben Notizbücher, Hoffmann lud ihn daraufhin zum Probetraining ein und war sofort „schwer begeistert“. Nicht nur von seiner Brille, die zwar Bügel nach hinten hatte, aber für Sport eigentlich ungeeignet war: „Ich hatte damals schon Kontaktlinsen“, sagt Schwermann, „aber vergessen sie reinzumachen.“ Der damals 13-Jährige war einfach angespannt: „Man weiß ja: Es ist Borussia Dortmund. Ein ganz anderes Niveau.“

Hoffmann ist nicht überrascht

Das mit dem veränderten Niveau ist etwas, was ihn schon sein ganzes Leben lang begleitet und was seine sportliche Laufbahn bis heute prägt. Hoffmann sagt: „Er kann sein Niveau sehr schnell anpassen.“ Von der U15 kam er direkt in die U17, wurde Deutscher Meister, ging von da direkt in die U19, wurde wieder Deutscher Meister und wechselte dann ohne Probleme in die U23: „Dass er dort schon so einen hohen Stellenwert hat, überrascht mich überhaupt nicht“, sagt Hoffmann.

In der Mannschaft von Trainer Jan Siewert gehört er in der Regel zum Stammpersonal. Ob auf der Sechs, auf der Acht oder wie zuletzt in der Dreierkette als Innenverteidiger: „Am Wohlsten fühle ich mich auf der Sechs“, sagt Schwermann, „aber es ist immer gut, wenn man flexibel ist.“

Auch zu Hause hat er das mit dem Niveau relativ schnell hinbekommen. Seit diesem Sommer wohnt er in einer eigenen Wohnung in Dortmund: „Es ist schon eine Umstellung, es gibt kein Hotel Mama mehr, man muss sich selbst um sein Essen kümmern“, sagt Schwermann, „das ist komplett neu für mich.“ Aber natürlich hat er sich schnell daran gewöhnt, weil das sein Ding ist. Alleine in Dortmund kann er sich nun voll auf seinen Traum vom Profifußball konzentrieren. Denn das ist, bei aller ihm von seinen ehemaligen und aktuellen Trainern zugeschriebenen Bescheidenheit, Bodenständigkeit und Dankbarkeit das was er will: „Für die erste Mannschaft des BVB zu spielen. Dafür arbeite ich jeden Tag.“

Profi beim BVB? „Warum sollte das nicht klappen?“

Dass das schwer wird, ist ihm natürlich bewusst, aber er weiß ja, wie das mit dem höheren Niveau so ist, und außerdem: „Warum sollte das nicht klappen?“

Es klingt einfach und leicht, wenn Julian Schwermann das sagt. Und wer ihn spielen sieht, der wird bestätigen, dass vieles von dem, was er tut, nach Leichtigkeit aussieht. Seine drei Saisontore, die er alle von außerhalb des Strafraums erzielte zum Beispiel: „Er hat eine überragende Schusstechnik“, sagt Hoffmann. „Ich hatte schon von kleinauf immer einen guten Schuss, aber da steckt schon viel Training drin“, sagt Schwermann. Es sind aber nicht nur die großen, spielentscheidenden Aktionen, sondern vor allem die kleinen vor der Abwehr oder ein genau temperierter Flügelwechsel.

Bei Toni Kroos schaut er sich manchmal ab, wie sich ein Weltmeister in bestimmten Situationen verhält. Vielleicht merkte man ihm deshalb schon bei seinen ersten Schritten im Seniorenfußball – in der Saisonvorbereitung – nicht an, dass er noch gar kein fester Bestandteil der Mannschaft war. Auf die Frage nach dem Gewinner dieser Vorbereitung sagte sein Trainer Jan Siewert aber wie Selbstverständlich: „Jules Schwermann!“

Seinen Spitznamen hat er übrigens von Hannes Wolf bekommen, irgendwann mitten in einem Spiel während der legendären B-Jugend-Saison, die mit dem Meistertitel endete: „Wir hatten Augenkontakt, ich wusste also schon, dass er mich meint. Jedenfalls hat von da an jeder beim BVB Jules gesagt.“ Der Wechsel zum BVB hat nicht nur seinen Namen verändert, seit acht Jahren trägt er den schwarzgelben Kreis auf der Brust, die Gefahr, abzuheben besteht allerdings nicht: „Klar, es ist was Besonderes für den BVB zu spielen, aber meine Familie hält mich ganz gut auf dem Boden.“

Kein anderer Mensch

Seine Eltern und oft auch sein Bruder sind bei seinen Spielen meistens dabei, „dass mein Vater ein Spiel verpasst hat, kann ich an einer Hand abzählen“, sagt Schwermann. Mit ein paar Kumpels aus seiner Zeit beim TuS Sundern hat er noch Kontakt, sein bester Freund hat mit ihm beim SV Endorf gespielt. „Ich bin kein anderer Mensch, nur weil ich beim BVB spiele.“ Trotzdem hat er sich natürlich weiterentwickelt und tut das immer noch „in jedem Training“. Dass er das fußballerisch bei Borussias U23 am besten kann, davon ist er überzeugt: „Ich habe nicht lange überlegt. Es war für mich immer eine gute Option, noch ein Jahr zu bleiben.“

Doch danach soll es dann nach oben gehen. Hoffmann sagt: „Ich traue ihm sehr viel zu. Julian wird auch den nächsten Schritt meistern. Wie hoch es geht, das kommt aber immer auch darauf an, wie viel Glück man hat.“

In seiner Heimat jedenfalls ist man zukünftig für die Besuche von potenziellen Arbeitgebern vorbereitet. „Genau jetzt wird der Handy-Empfang dort eingerichtet“, sagt Schwermann, „das Problem gibt es also bald nicht mehr.“

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