Als der BVB im Stuttgarter Glutofen gegen Mannheim die Deutsche Meisterschaft verpasste

Zeitspiel

Als der BVB vor 70 Jahren im Finale um die Deutsche Meisterschaft spielte, kämpfte das Team nicht nur gegen Gegner VfR Mannheim, sondern auch gegen die Hitze - am Ende ohne Erfolg.

Dortmund

von Gerd Kolbe

, 10.07.2019 / Lesedauer: 4 min
Als der BVB im Stuttgarter Glutofen gegen Mannheim die Deutsche Meisterschaft verpasste

Nach der Rückkehr der Mannschaft aus Stuttgart wurde der BVB gefeiert - obwohl die Borussia „nur“ Vize-Meister wurde. © Repro Kolbe

Über 90.000 Fußball-Begeisterte fanden sich am Sonntag, dem 10. Juli 1949, im Stuttgarter Neckarstadion ein, um das Endspiel um die Deutsche Fußball-Meisterschaft 1949 zwischen dem Westmeister Borussia Dortmund und dem VfR Mannheim, dem Meister des Süd-Westens, zu erleben.

Dortmund geht als leichter Favorit ins Spiel

Mannheim hatte sich gegen den favorisierten HSV und den amtierenden Deutschen Meister Kickers Offenbach, der BVB gegen BSV 92 Berlin und den renommierten 1. FC Kaiserslautern mit Fritz und Ottmar Walter an der Spitze durchgesetzt. Nach dem Sieg über die „Roten Teufel vom Betzenberg“ galt die Borussia als leichter Favorit.

Petrus meint es gar nicht gut mit den 22 Akteuren in schwarzgelb und blau-weiß und sendet sengende Sonnenstrahlen, die das Neckarstadion in einen regelrechten Glutofen verwandeln.

Der BVB ist vom Anstoß an hellwach und übernimmt sofort die Initiative. Bereits in der 6. Spielminute zieht „Spinne“ Max Michallek mit dem Ball am Fuß unnachahmlich los, düpiert Mannheims schläfrige Abwehr mit einem Hackentrick und im zweiten Nachfassen gelingt es Herbert Erdmann, das Leder über die Torlinie des von Jöckel gehüteten Mannheimer Kastens zu drücken. Der BVB mit seiner erkennbar reiferen Spielanlage führt 1:0. Mannheim, konditionell topfit, hält dagegen. Das Glanzstück des BVB ist die unermüdliche Läuferreihe, die praktisch überall auftaucht und in der insbesondere Erich Schanko brilliert.

In der ersten Halbzeit fallen keine weiteren Tore. Das Match entspricht nicht ganz den hohen Erwartungen. Dazu ist es mit etwa 45 Grad auf dem Spielfeld aber auch viel, viel zu heiß.

Torhüter sind nicht zu überwinden

Torschütze Erdmann, der sich bei seinem Treffer am Knie verletzt hatte, spielt mit Kniebandage weiter. Beide Teams erarbeiten sich Torchancen, beide Keeper- hie Jöckel und dort Bubi Rau - beweisen, dass sie zu recht zu den Besten ihres Metiers gezählt werden.

Als der BVB im Stuttgarter Glutofen gegen Mannheim die Deutsche Meisterschaft verpasste

Ein Plakat weist auf das Finale hin. © Repro Kolbe

Nach der Halbzeit trägt der BVB wieder stürmische Angriffe vor. Dann aber besinnt sich der VfR und attaktiert das Borussentor. Der BVB findet sich in der Defensive wieder. Ein Treffer von Michallek wird wegen Abseits annuliert. Der lange Max verletzt sich am Knöchel und muss von der 60. Minute an mit nur einem Schuh weiterspielen. Erich Schanko verliert bei einem Luftkampf durch Ellenbogencheck gleich vier Zähne. Das Spiel im Glutofen des Neckarstadions ist kräftezehrend. Jedem einzelnen Spieler wird alles, aber auch alles abverlangt.

In der 73. Minute halten die Anhänger des BVB den Atem an: De la Vigne setzt vorbildlich Löttke ein und der überwindet den 19-jährigen Borussen-Schlussmann Rau aus spitzem Winkel mit einem scharfen Flachschuss zum Ausgleich - 1:1!

Langholz trifft zum Ausgleich

Der immer eifrige Erdmann lässt sich zwölf Minuten später erneut nicht lumpen, überspielt Keeper Jöckel und und bringt seinen BVB wieder in Führung. Die schwarzgelbe Freude währt allerdings nicht lange, denn schon 120 Sekunden später fällt durch Langholz, der aus 22 Metern Distanz unhaltbar ins linke Eck zielt und trifft, der Ausgleich. Das heißt: Verlängeung. Und das bei diesen Temperaturen und den Blessuren von Erdmann, Michallek und Schanko.

In der 108. Minute fällt die Entscheidung zu Gunsten der Mannheimer. Rau verlässt seinen Kasten und sprintet in Richtung Eckfahne, Langholz ist den Bruchteil einer Sekunde eher am Ball, passt sofort auf den freistehenden Löttke, und der versenkt das Leder im verwaisten Tor des BVB - 3:2 für den VfR. Die Borussen sind jetzt angeknockt und ausgelaugt. Es gelingt ihnen nicht, das Blatt noch einmal zu wenden. Nach 120 Minuten pfeift Schiedsrichter Zacher aus Berlin die Partie ab, und die elf blau-weißen Recken des VfR Mannheim liegen sich in den Armen. Der BVB ist konsterniert. Er hat nach zweimaliger Führung unglücklich verloren und darf „nur“ als Vize-Meister nach Dortmund zurückreisen.

Die Dortmunder Fußballfans allerdings feiern die Borussen bei ihrer Ankunft zu Zehntausenden und bereiten ihnen zu recht einen Empfang, der eines Deutschen Meisters würdig gewesen wäre! Großartig.

Die Mannschaften
Borussia Dortmund: Rau, Ruhmhofer, Halfen, Buddenberg, Koschmieder, Schanko, Erdmann, Michallek, Kasperski, Preißler, Ibel
Mannheim: Jöckel, Rössling, Henninger, Müller, Keuerleber, Maier, Bolleier, Langlotz, Löttke, Stiefvater, dela Vigne
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