Mit 60 Jahren kann Lucien Favre beweisen, dass er ein Weltklasse-Trainer ist. In seinen ersten 100 Tagen beim BVB arbeitet er rastlos für den Erfolg. Er findet immer etwas zu verbessern.

Dortmund

, 09.10.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Diese Liebesgeschichte endet nicht. Beinahe zärtlich fährt Lucien Favre (60) mit der Fußspitze um den Ball herum, lupft ihn hoch in die Luft, kickt ihn neben dem schlanken Körper mit der Ferse wieder nach vorne. Fängt ihn mit dem Spann auf, lässt ihn ruhen. Lächelt. Er sei, sagt der Schweizer, früher selbst ein mehr als passabler Spielmacher gewesen, ganz vernarrt in den Ball. Borussia Dortmunds Trainer liebt und lebt den Fußball. Nach 100 Tagen Favre beim BVB ist Zeit für eine erste Bestandsaufnahme.

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Am Trainingsgelände in Brackel, wo der Wind auch mal bitterkalt über die grünen Flächen pusten kann, lässt sich oft erspüren, wie es dem Klub geht. Haben die Profis sportlich einen Schnupfen, hustet der ganze Laden. In den vergangenen zwei Jahren wurden viele Taschentücher gereicht. Eisiges Klima unter Thomas Tuchel, eine Herbstdepression unter Peter Bosz. Rettungssanitäter Peter Stöger half mit einer schützenden Decke. Aber warm geworden sind die Fans nicht mehr mit ihrem BVB. Identität und Identifikation litten, intern in diesem riesigen Verein mit seinen mehr als 800 Mitarbeitern, und bei Millionen Anhängern in der Republik.

Die Stimmung beim BVB ist so gut wie seit Jahren nicht mehr

Nun also Favre. Dieser „knuffige Kauz“ (kicker). Kein Unterhaltungskünstler, kein Jungmann auf lebensphilosophischer Mission, keiner zum Schunkeln. Abgekürzt: Im Moment ist die Stimmung in Brackel so gut wie seit Jahren nicht mehr.

Lucien Favre und den weiteren Verantwortlichen ist es in erstaunlich kurzer Zeit gelungen, beim BVB wieder ein Wohlfühlklima zu schaffen. Leistungsorientiert, mit viel Gefühl in den Fingerspitzen. „Die Zusammenarbeit mit ihm und dem gesamten Trainerteam ist unheimlich kollegial, herzlich und offen“, berichtet Co-Trainer Edin Terzic (35).

100 Tage Lucien Favre – wie er tickt, wie er kickt

„Ich glaube, wir sind alle sehr fleißig und detailverliebt.“ Es wirke, als hätte man dem Klub „neues Leben eingehaucht“, sagt Lizenzspieler-Leiter Sebastian Kehl (r.). Edin Terzic (l.) lobt die Stimmung im Trainerteam mit Co. Manfred Stefes und Lucien Favre. © imago

Favre verkörpert seine Werte auf die ihm eigene, zurückhaltende Weise. Der menschliche Aspekt, das ist unumstößlich, steht im Vordergrund. Er zollt allen Respekt. Jenen Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle, denen er sich persönlich vorgestellt hat ebenso wie den Rasenpflegern am Trainingsplatz, die ihm den idealen Boden bereiten für seine Arbeit. Dem introvertierten, fokussierten ersten Eindruck zum Trotz ist er ein Beziehungsmensch.

Watzke: „Er geht respektvoll mit den Spielern um“

„Er geht sehr respektvoll mit den Spielern um, vermittelt seine Anweisungen aber mit Nachdruck“, sagt Klubchef Hans-Joachim Watzke. Schlechte Worte über den Trainer hört man nicht. Eher Bonmots und kleine Witzchen, die Favre mit weltoffenem Charme und feinem Humor einstreut. Das geschieht ohne Kalkül, doch es hilft, dass er die Menschen für sich einnimmt. Denn als Perfektionist kann er auch anstrengend sein.

Kaum ein Gespräch mit und über Favre vergeht, ohne dass das Wort „Details“ fällt. Kleinigkeiten, die er bei der Videoanalyse entdeckt und die es zu verbessern gilt. Nuancen, die Spieler verbessern könnten, sei es aus taktischen Gründen die Position 50 Zentimeter nach vorne zu verschieben oder den Winkel zwischen Ball und Fuß bei der Annahme zu öffnen, um gleich in die nächste Bewegung zu starten. „Er sieht und denkt an die kleinsten Kleinigkeiten und findet Details, die nur ihm auffallen“, staunt Watzke.

Züge von Besessenheit, von Rastlosigkeit

Favres Liebe zum Fußball, heißt es über ihn auf seinen vorherigen Stationen, könne auch Züge von Besessenheit, von Rastlosigkeit annehmen. Entdecke er Verbesserungspotenzial, könne er nicht ruhen. Manches Mal musste seine Frau Chantal kurzfristig Spiele auf DVD aufzeichnen. Nichts soll verborgen bleiben vor Favre. Sein Berater Reza Fazeli sagt: „Lucien Favre lebt für seine Aufgabe, egal wie zeitintensiv das auch ist. Er steht mit Gedanken an Fußball auf und nimmt diese Gedanken fast noch mit ins Bett.“

100 Tage Lucien Favre – wie er tickt, wie er kickt

„Wir wussten, was wir bekommen. Er hatte mit allen seinen Mannschaften Erfolg, er hat sie besser gemacht.“ - BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke © dpa

Beim lernwilligen Dortmunder Kollektiv fallen Favres Akribie und seine Schweizer Präzision auf äußerst fruchtbaren Boden. Das trifft die Erwartungen, die Dortmunds Bosse hatten, als sie Favre, jahrelang ein Wunschkandidat, endlich unter Vertrag nehmen konnten. „Wir wussten, was wir bekommen. Er hatte mit allen seinen Mannschaften Erfolg, er hat sie besser gemacht“, sagt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. „Er hat überall das Potenzial voll ausgeschöpft.“

Favre macht Spieler besser und damit die gesamte Mannschaft

In Dortmund schickt er sich an, das zu bestätigen. Auch wenn es für ein belastbares Zwischenfazit nach sieben Ligaspielen zu früh ist. Sportdirektor Michael Zorc setzt grundsätzlich große Hoffnungen in den Aus-, Fort- und Weiterbilder Favre. „Er entwickelt Spieler, er macht sie besser. Und damit am Ende die gesamte Mannschaft.“

Kein Trainingstag vergeht, ohne dass der Trainer oder einer seiner Assistenten in die individuelle Beratung einsteigen. Das Ohr ist nah dran an den Spielern, das Auge übersieht keine Einzelheit. „Wir führen jeden Tag Einzelgespräche über Taktik, defensives Verhalten, Torabschluss“, verriet Jacob Bruun Larsen. Der Däne, gerade 20 Jahre alt geworden, gehört zu den aufstrebenden Jungen.

100 Tage Lucien Favre – wie er tickt, wie er kickt

Jacob Bruun Larsen liefert eine Erklärung für den Leistungssprung mit Bezug auf den Trainer: „Er geht in jedes Detail, und ich versuche so viel wie möglich davon zu verstehen. Das macht mich als Fußballer besser.“ © imago

Der Großteil der Spieler glaubt an Favre. Er hat sie von sich überzeugt, das Vertrauen wirkt gegenseitig. „Wir haben einen klaren Plan, wir wissen, was auf dem Platz zu tun ist“, sagt Marco Reus. Borussias Kapitän strahlt seit dem Sommer einen noch größeren Hunger nach Erfolg aus. Die Fortsetzung der Liaison Favre/Reus, die einst in Mönchengladbach ihren Anfang nahm, gehört zu den spannendsten Projekten im deutschen Fußball.

Manchmal mit moderner Technik, manchmal reicht Stift und Block

Favre wird sich dafür einen Plan zurechtgelegt haben. Wie für alles andere. Die Gedanken müssen in höchstem Tempo durch sein Fußballhirn fließen wie die Bälle beim Tiki-Taka. Manchmal nutzt er moderne Technik, um sie zu präsentieren, manchmal reichen Stift und Block, um sie zu sortieren und Blätter in einer Klarsichtfolie, um sie zu präsentieren.

Er will vorbereitet sein, alles durchdacht haben. Improvisieren ist die zweite Wahl, lieber setzt er als erfahrener Übungsleiter auf seine Intuition, aber „planen halte ich für noch wichtiger“, sagte er dem Magazin Socrates. Die Frage, was er noch besser machen kann, „stelle ich mir täglich“.

In Zürich, Berlin, Gladbach und Nizza nahezu das Optimum herausgeholt

Fazeli sieht in Favre „einen Weltklassetrainer“. Bei seinen bisherigen, nicht ganz so großen Klubs in Zürich, Berlin, Gladbach oder Nizza habe er jeweils nahezu das Optimum herausgeholt. Seit dem Frühjahr stellt sich der 60-jährige Favre die Frage, wie er den BVB besser machen kann, und liefert schnell schlüssige Antworten.

Seine eigene Mannschaft hat er dabei gründlicher unter die Lupe genommen, als es bei den Untersuchungen zum Skandal um das Sommermärchen 2006 je der Fall sein wird. Dem nächsten Gegner schenkt er reichlich Beachtung, da kann er Daten und Fakten dozieren, sportsmännisch lobt er dessen Stärken. In seine Übungsformen im Training baut er die besonderen Anforderungen ein, auf die seine Mannschaft treffen wird.

Viele Fragen in der Spielvorbereitung

Steht der Gegner tief, oder presst er hoch? Ist er mit Flanken verwundbar oder eher mit flachen Pässen in die Spitze? Wann und wie wechselt er seine Spielsysteme, 4-2-3-1 oder 4-3-3 oder 4-1-4-1 – dann spricht Favre wie ein Professor, der nur mit Verwunderung den Kopf schütteln könnte, wenn Laien nicht die Passion für sein Forschungsgebiet und seine Detailversessenheit teilen.

Für oberflächliche Themen hat er keinen Sinn. Manchmal noch haken seine Vermittlungskünste an seinen Defiziten in der deutschen Sprache, in der Öffentlichkeit, beim Team und im Umfeld. Auch das braucht seine Zeit. Sein größtes Augenmerk gilt jedoch immer den eigenen Spielern und deren Optimierung. „Es war okay“, sagt er mit sanftem französischen Akzent, das klingt nach einem „Ausreichend“, wenn der Lehrer sich ein „Sehr gut“ gewünscht hätte.

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Anders als mit einer Eins lässt sich der Start mit zehn Pflichtspielen ohne Niederlage allerdings gar nicht beschreiben. Die Ergebnisse stimmten von Beginn an, und nach leicht ruckeligem Auftakt auch die Erlebnisse für die Zuschauer. Auch das war einkalkuliert.

Weil er nicht alles auf einmal ändern konnte, setzten Favre und die Klubführung Prioritäten. Nach 63 Gegentoren in 46 Spielen 2017/18 musste der Schwerpunkt zunächst auf der Defensive liegen. Von im Schnitt 1,37 Treffern fiel der Wert auf 0,9 – das 4:3 gegen Augsburg eingerechnet. Mit Sicherheit und Stabilität im Rücken kommt der Ball ins Rollen. Zug um Zug setzt er hier seine Vorstellungen um.

Der BVB ist unter Favre ohne offenes Visier unterwegs

Der Trainer mag offensives Spiel, er genehmigt seinen kickenden Künstlern auch Freiheiten. Aber ohne offenes Visier. Sichere Pässe, Tempowechsel, Eins-gegen-eins-Duelle, Torchancen kreieren und effizient verwerten, bloß keine Konter zulassen. 18 Tore in den vier Spielen gegen Nürnberg, Leverkusen, Monaco und Augsburg dienen als hieb- und stichfester Beleg, dass die Angriffslust keinen Frust schieben muss.

100 Tage Lucien Favre – wie er tickt, wie er kickt

„Mein Wunsch ist es, dass wir das Spiel machen, dass wir das Feld beherrschen und im Spiel nach vorne intelligente Lösungen finden“, fasst Lucien Favre sein Credo zusammen. Und umgekehrt müsse seine Elf den Gegner sehr hoch anlaufen und pressen können. © Guido Kirchner

In rund drei Monaten hat sich Favre einen Status erworben, der ihm wie gewünscht „viel Zeit“ einräumt. Es gebe „viel zu tun“, pflegt er zu sagen. Perfekt ist nichts, selbst ein 7:0 oder ein 4:3 im Schlussakkord nicht. Terzic erklärt stellvertretend: „Wir haben schon viel gearbeitet, wir haben aber auch noch viel Arbeit vor uns. Und die packen wir an, damit wir mit dem BVB maximal erfolgreich sind.“

Was kann Favre mit dem BVB leisten?

Maximaler Erfolg – was kann das sein? Mit 60 Jahren hat Lucien Favre erstmals bei einem internationalen Spitzenklub angeheuert. „Wenn der BVB anfragt, kannst du als Trainer nicht ablehnen“, begründet er. Auf die gestiegenen Herausforderungen in einem so großen Verein antwortet er auf seine Art – mit noch mehr Arbeit. Mit dem traumhaften, weit über die Erwartungen hinaus gelungenen Neustart hat er in 100 Tagen eine Aufbruchstimmung in Dortmund erzeugt, deren Halbwertszeit deutlich höher liegt als die vor einem Jahr.

Favres Feuer für den Fußball wird sowieso nicht erlöschen. Und wenn er so weitermacht, wird aus dem Tête-à-Tête mit dem BVB womöglich auch noch echte Liebe.

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