Friedrich Potthoff lebt in Oberaden. Dort verbrachte er auch seine Kindheit, in der der Zweite Weltkrieg wütete. Seine Erinnerungen zeigen, wie sehr das Leben von einer Prise Glück abhängen kann.

27.11.2019, 16:26 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schrille Sirenen, die durch die Luft heulen, Bomben, die auf den Erdboden prallen und mit Wucht explodieren, stundenlanges Ausharren im Keller: Friedrich Potthoff hat den Zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt. Der Oberadener wohnt noch immer in dem Haus, in dem er im Jahr 1934 geboren wurde – und in dessen Keller er sich einst vor Bomben verstecken musste.

„Wenn es ganz schlimm war, gingen wir zum Bunker der Zeche“, erinnert sich Potthoff. Vom seinem Garten aus sieht er heute noch den verbliebenen Förderturm der einstigen Zeche Haus Aden. Eine Zeche, die ihm als Junge vielleicht das Leben rettete. „Besucher von außerhalb haben immer gesagt, dass sie nicht gerne so nah an der Zeche wohnen wollen. Meine Tante hat dann gesagt: Das ist nicht schlimm. Zechen greifen die Engländer nicht an.“ Statt der Zeche waren im Zweiten Weltkrieg die Chemischen Werke – heute Bayer – das Ziel der Alliierten. Doch es gab natürlich auch Bomben, die ihr Ziel verfehlten und auf andere Teile Bergkamens trafen. Noch heute werden ständig Bomben in Bergkamen aus der Erde geborgen.

Beinahe hätte sie alles zerstört: Bombe traf den Kamin – und blieb stecken

Die Zeche Haus Aden kurz nach der Stilllegung im Jahr 2001. Sie dominierte einst das Stadtbild. Mittlerweile steht nur noch der linke Förderturm – und auch er soll abgerissen werden. © Milk (Archiv)

Potthoffs Haus in Oberaden blieb aber verschont. Haus Aden sei für die Familie ein Schutz gewesen, sagt Potthoff heute. Die Engländer wollten die reinen Steinkohlezechen nach dem Krieg noch nutzen und verschonten sie. Potthoff hat tatsächlich keine nahen Verwandten im Zweiten Weltkrieg verloren. Doch sind einige nur haarscharf dem Tod entkommen – wie zum Beispiel Potthoffs Großmutter Henriette Dörholt.

An diese Oma erinnert sich Potthoff gut. Besonders ein Tag ist ihm noch genau in Erinnerung geblieben. „Ich weiß noch, wie Papa mit dem Fahrrad losgefahren ist. Als wäre es heute gewesen.“ Die Familie hatte im Jahr 1944 von einem schweren Luftangriff auf Lünen-Beckinghausen erfahren – dort wo Henriette Dörholt lebte. Potthoffs Vater fuhr mit dem Rad sofort nach Lünen, um dort nach dem Rechten zu sehen.

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Mutter und Tochter fahren sich gleichzeitig besuchen

Doch Oma Dörholt war nicht zu Hause. Sie hatte sich auf den Weg nach Witten gemacht, wo eine ihrer Töchter lebte – die wiederum war aber nach Lünen gefahren, um dort nach ihrer Mutter zu sehen – ein Zufall, der letztlich beide Frauen rettete.

Am dritten Advent

Neues Zeitzeugenheft auf dem Weihnachtsmarkt

Das neue Zeitzeugenheft zum Thema „Glück und Pech liegen beieinander“ gibt es ab Mitte Dezember zu kaufen. Die ersten Verkaufstage sind auf dem Oberadener Weihnachtsmarkt am dritten Advent – am Samstag 14. und Sonntag, 15. Dezember. Das Heft ist auf dem Markt im Stadtmuseum erhältlich.

Denn Henriette Dörholt verpasste so den Angriff nahe ihres Hauses in Lünen und auch die Tochter blieb verschont. Sie war zu ihrer Schwester – Potthoffs Mutter – nach Oberaden weitergefahren, nachdem sie ihre Mutter Henriette Dörholt zu Hause nicht antraf.

Wie genau sich der Tag ereignet hat, beschreibt Potthoff in seinem Zeitzeugenbericht mit der Überschrift „Glück und Pech liegen beieinander“. Er ist ein Beitrag im neuen Heft des Zeitzeugenkreises. Der Kreis hat sich dieses Mal dem Thema „Geschichten von Glück und Leid“ gewidmet. Enthalten sind Texte über das große und das kleine Glück, erklärt Gabriele Scholz, die Leiterin des Kreises.

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Auf 90 Seiten und in 12 Beiträgen beschreiben die Autoren persönliche Schicksalsschläge und Glücksmomente. Sie sind teils banal und teils dramatisch. Nicht nur Kriegsgeschichten sind enthalten, sondern auch Erlebnisse aus der DDR. „Für uns ist deutlich geworden, dass unser Leben nicht immer in geraden oder gewünschten Bahnen verläuft, wir aber auch gestärkt durch Krisensituationen kommen können“, sagt Gabriele Scholz über die Schaffensphase des Heftes.

Der Höhepunkt kommt am Ende der Geschichte

Und genau so ist es auch in Potthoffs Geschichte. Seine Familie blieb verschont und auch seine Großmutter erreichte ihr Zuhause in Lünen nach dem Ausflug nach Witten wieder heile. Doch damit endet die Geschichte des Oberadeners noch nicht. Das Beste bzw. das Dramatischste hat sich der erfahrene Autor, der seit etwa zehn Jahren Geschichten für den Zeitzeugenkreis schreibt, für den Schluss aufbewahrt.

„Meine Oma bat den Schornsteinfeger, doch einmal den Rauchabzug zu kontrollieren, da kein Zug im Kamin sei und sie den Kochherd nur sehr schwer anheizen konnte“, schreibt Potthoff. Das war sechs Wochen nachdem in der Nähe ihres Hauses Bomben niederfielen, sie aber nicht daheim war.

Beinahe hätte sie alles zerstört: Bombe traf den Kamin – und blieb stecken

Die kriegswichtigen Chemischen Werke Bergkamen, wo Benzin aus Kohle hergestellt worden war, waren im Zweiten Weltkrieg das Ziel der Bomberverbände. © Archiv

Der Meister habe den Schornstein überprüft und eine schockierende Entdeckung gemacht: „Frau Dörholt! Da haben Sie wirklich Glück gehabt! Ich habe im Schornstein eine Brandbombe gefunden, die sich aber durch die Abschottung des Kamins nicht entzündet hat!“ Hätte die Bombe den Kamin verfehlt, wäre sie im Haus explodiert und hätte es sehr wahrscheinlich zerstört. „Rund einhundert Bomben waren zum gleichen Zeitpunkt in Beckinghausen gefallen. Und eine Brandbombe hatte nur die Mitte des Kamins getroffen.“

Der damals erst zehn Jahre alte Friedrich Potthoff hat erst später von seiner Familie erfahren, was sich genau an und nach dem Bombenangriff zugetragen hat. Dass er sich so gut an die Erzählungen seiner Familie erinnerte, trifft sich freilich gut. Denn die Story passt perfekt zu dem Titel des neuen, mittlerweile 35. Zeitzeugenheftes. Das sieht auch Potthoff so: „Glück und Pech, Freud und Leid waren an diesem Tag eng beieinander, vielleicht nur wenige Zentimeter voneinander getrennt.“

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