Ein ungepflegter Parkfriedhof ist ein Ärgernis, das in Bergkamen der Vergangenheit angehört. Dafür sorgen acht Menschen, die mit ihrer Tätigkeit noch ganz andere Probleme gelöst haben.

von Werner Wiggermann

Bergkamen

, 19.10.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seinen Namen verdient der Bergkamener „Parkfriedhof“ immer mehr. Spaziergänger, auch Walker, genießen die gepflegte Grünlandschaft – und die besonders Aufmerksamen unter ihnen sehen und achten auch die Menschen, die täglich an diesem Erscheinungsbild arbeiten.

Menschen wie Stephan Köhler: „Die Friedhofsbesucher freuen sich und sagen uns das auch“, berichtet der 40-Jährige. Bei ihm selbst löst das ein Gefühl aus, das er lange entbehren musste – und das aus dem ehemals Langzeitarbeitslosen praktisch einen neuen Menschen gemacht hat.

Wie ehemalige Langzeitarbeitslose auf einem Friedhof zu neuen Menschen werden

Saubere Wege sind ein Ziel, das täglich angestrebt und auch erreicht wird. © Marcel Drawe

Stephan Köhler und seine sieben Kollegen haben sichtlich Spaß an ihrer Arbeit. Zwar könnten sie den knallharten Leistungserwartungen des „1. Arbeitsmarkts“ nicht mehr gerecht werden – aber sie liefern dennoch täglich eine sichtbar gute Leistung ab.

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Obwohl sie lange Zeit arbeitslos waren, gefangen in dem Teufelskreis aus Enttäuschungen, Krankheit und Mangel an Selbstvertrauen. Ohne Hilfe wären sie nie rausgekommen. Erst der „Soziale Arbeitsmarkt“ öffnete ihnen das entscheidende Tor zurück in die Gesellschaft.

Kooperation von Werkstatt, Kommunen und Jobcenter

Die acht Friedhofsgärtner sind im Rahmen eines Programms beschäftigt, das ihre etwas geringere Leistungsfähigkeit ausgleicht. Die Kommunen im Kreis Unna, die Kreisverwaltung und das Jobcenter haben es gemeinsam aufgelegt. Träger des Programms ist die Werkstatt im Kreis Unna.

Den größten Teil der Finanzierung sichert das „Teilhabechancengesetz“ des Bundes. Ein Rahmen, der fünf Jahre verlässlich ist – und vor allem das stärkt die Teilnehmer sehr viel effektiver als eine „Karriere“ aneinander gehängter Arbeitsbeschaffungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen sowie neuer Zeiten von Arbeitslosigkeit.

Deshalb wirbt Werkstatt-Chef Herbert Dörmann auch so ausdrücklich für das gemeinsame Programm. Nicht auszudenken, wenn es diese Chance, diese Kontinuität nicht gäbe. Das Gefühl, nützlich zu sein, gebraucht zu werden, dürfe nicht nach ein paar Jahren wieder enden – nur weil ein Programm auslaufe, so Dörmann. Stephan Köhler meint das Gleiche, wenn er sagt: „Dann bin ich wieder auf der Straße.“

16,5 Millionen Gesamtkosten

Chancen für 170 Menschen

  • Neben der achtköpfigen Gruppe, die sich täglich um das Erscheinungsbild des Hauptfriedhofs verdient macht, gibt es in Bergkamen noch zwölf weitere Arbeitsplätze im Rahmen des Sozialen Arbeitsmarkts, die beim Entsorgungsbetrieb der Stadt angesiedelt sind.
  • Die Programm-Partner im Kreis Unna investieren zusammen 16,5 Millionen Euro in diese Beschäftigungsinitiative.
  • Der Löwenanteil der Gesamtkosten – 12 Millionen Euro - wird durch das Bundesprogramm „Teilhabechancengesetz“ aufgebracht.
  • Kreisweit wird durch das Programm 170 „Langzeitarbeitslosen“ eine Chance für mindestens fünf Jahre gegeben.

Oder auf dem Sofa, oder irgendwo, wo der Tag sind quälend lang zieht und ein schlechtes Gefühl macht. Warum man dahin gekommen ist, da unterscheiden sich die Geschichten der acht Parkfriedhofspfleger stark. „Als mein Vater starb, bin ich in ein tiefes Loch gefallen“, sagt Markus Bilinsky. Bis dahin hatte er als Maschinenführer bei 3M lange Zeit gutes Geld verdient.

Weit mehr als jetzt und völlig unbelastet von Grübeleien über die eigene Nützlichkeit oder den manchmal brüchigen Sinn des Lebens. Wenn der 42-Jährige heute über sich selbst nachdenkt, dann sind die Vorzeichen wieder positiv: „Ich wusste gar nicht, dass ich einen grünen Daumen habe“, lacht er. Beim Rückschneiden von Sträuchern, Unkrautjäten oder der Säuberung der Wege verbinden sich Freude an der Tätigkeit, Zufriedenheit mit dem Produkt und der Nachklang des Besucher-Lobs, das ihn und seine Kollegen immer wieder erreicht.

„Dann setzt man sich eben eine Mütze auf“

„Man weiß eben, wofür man aufsteht“, beschreibt der 50-jährige Devid Gast dieses Gefühl. Fast schon ein Traumjob, so schildert Devid sein Tun auf dem Bergkamener Park- und Hauptfriedhof. Und wenn die Sonne mal nicht so schön scheint wie an diesem freundlichen Oktobermorgen? „Ja meine Güte, dann setzt man eben ne Mütze auf“, sagt er. Ein bisschen nass werden – was ist das schon gegenüber dem Gefühl quälender Langeweile in der Arbeitslosigkeit.

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Manuela Fuchs ist mit ihren 39 Jahren die Erfahrenste in der Truppe. Bevor sie arbeitslos wurde, war sie in der Lagerlogistik beschäftigt. „Ich wollte aber immer lieber draußen arbeiten“, sagt sie. Und in der Friedhofstruppe fand sie genau das Richtige: Vielfalt bei den täglichen Aufgaben, aber eine für sie überschaubare Vielfalt, die nicht überfordert. Manuela gefiel es so gut, dass sie auch ihren Ehemann Andy in die Truppe lockte. Und jetzt ist der Job irgendwie für beide noch etwas traumhafter.

Wie ehemalige Langzeitarbeitslose auf einem Friedhof zu neuen Menschen werden

Oft ist die Hacke schon die Verlängerung des „grünen Daumens“ geworden. © Marcel Drawe

Eine „Win-Win-Situation“ ist die Zusammenarbeit mit der Werkstatt-Truppe übrigens auch für Stephan Polplatz, Chef des Bergkamener Baubetriebshofs. Die Qualität der Parkpflege ist so gut geworden, wie es früher nicht zu leisten gewesen wäre. Finanziell geht die Rechnung für die Stadt auch auf. Und dass acht Menschen mehr Sinn in ihrem Leben gefunden haben, lässt sich in Euro und Cent gar nicht ausdrücken.

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