Frank Vehlow vom Blinden- und Sehbehindertenverband testet, wie gut er am Busbahnhof und auf dem Weg zum Rathaus allein zurechtkommt. Sein Urteil fällt vernichtend aus.

Bergkamen

, 24.10.2019, 11:52 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn sich Frank Vehlow nicht einigermaßen auskennen würde am Bergkamener Busbahnhof und am Rathaus, dann wäre er wohl kaum in der Lage, den Weg allein zu finden. Der Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins Kreis Unna tastet sich mit seinem langen, weißen Stock vom Bussteig in Richtung Rathaus. Wenn er nicht wüsste, dass es eine Absenkung am Bussteig gibt, hätte er Probleme mit der Kante.

Wer nicht sehen kann, ist am Busbahnhof und am Rathaus verloren

Frank Vehlow orientiert sich auf dem Weg zum Rathauskreisel an den Fugen in den Gehwegplatten. Da es zum Zebrastreifen keine Orientierungshilfe gibt, würde er plötzlich mitten im Kreisverkehr stehen, wenn er weitergeht. © Stefan Milk

Orientierung an den Fugen der Gehwegplatten

Auf der anderen Straßenseite angekommen, orientiert er sich auf seinem Weg Richtung Rathaus an den Fugen der Gehwegplatten. Zu weit nach links darf er nicht kommen, denn da liegt Kleinpflaster, das die Orientierung erschwert.

Fast wäre Vehlow am Rathaus-Eingang vorbeigelaufen, wenn ihm ein Begleiter nicht gesagt hätte, dass er nach links muss.

Der 51-Jährige geht zügig durch die automatische Tür und tastet sich nach rechts zur Info vor. Eine Markierung, die ihm den Weg erleichtert, gibt es nicht. Fast wäre eine junge Frau über seinen Stock gestolpert, die es eilige hat und unbedingt schnell an ihm vorbei muss.

Wer nicht sehen kann, ist am Busbahnhof und am Rathaus verloren

Das Schaubild des Blinden- und Sehbehindertenverbandes zeigt eine besonders gefährliche Situation: Eine Baustelle, die nur mit Flatterband abgesperrt ist. Die Gefahr ist groß, dass der Sehbehinderte in das Loch fällt und sich schwer verletzt. © Stefan Milk

Keine Anweisung, Sehbehinderte zu begleiten

Vehlow bekommt das gar nicht mit und fragt an der Info, ob ihm jemand helfen kann, in den Fahrstuhl zu kommen und möglicherweise bis zu dem Raum, in den er will. An diesem Tag hat er Glück: Susanne Schmidt, die an der Info sitzt, ist bereit ihn zu begleiten.

Umbau geplant
Barrierefreie Haltestellen auch für Sehbehinderte

Die Stadt Bergkamen plant, die Bushaltestellen in der Stadt barrierefrei umzubauen. Dabei sollen nicht nur Gehbehinderte, sondern auch die Belange von Seh- oder Hörbehinderten berücksichtigt werden. Das Planungsamt hat eine Prioritätenliste erstellt. Dabei steht der Busbahnhof zusammen mit der Haltestelle Lindenweg an der Schulstraße an erster Stelle.

Selbstverständlich ist das nicht: Es gibt keine Dienstanweisung, Sehbehinderte zu begleiten, wenn sie an der Info fragen.

Im Fahrstuhl kommt Vehlow zurecht, dass weiß er aus Erfahrung: Es gibt seit einiger Zeit eine Ansage, in welcher Etage sich der Fahrstuhl befindet. Nur die Knöpfe machen Probleme: Sie haben zwar auch eine Aufschrift in Braille, der Blindenschrift.

Die kann Vehlow aber nicht lesen, weil er erst mit Anfang 40 so stark sehbehindert geworden ist. Die einfache Lösung: „Ich drücke einfach alle Knöpfe und wartet bis der Fahrstuhl in der richtigen Etage ist“, erklärt Vehlow.

Wer nicht sehen kann, ist am Busbahnhof und am Rathaus verloren

An der Ampel vor dem Deutschen Eck gibt es eine Pflasterung für Sehbehinderte. Die Fläche mit Noppen zeigt, wo es über die Straße geht. Die Kreuzung ist aber nicht überall so ausgestattet. © Michael Dörlemann

„Der Rathaus-Kreisel ist eine Katastrophe“

Nicht nur der Busbahnhof und das Rathaus sind nicht barrierefrei gestaltet, wenn es um Sehbehinderte geht. Der Weg zum Rathaus-Kreisel, um auf den Zebrastreifen zur Sparkasse zu kommen, kann sogar lebensgefährlich werden. Wenn Sehbehinderte sich an den Gehwegplatten orientieren, laufen sie geradeaus in den Kreisverkehr – falls sie nicht zufällig auf den einzigen Absperrpfosten treffen. Es gibt keine Markierung für den Richtungswechsel und auch am Kreisel keine Markierungen die sich mit dem Stock ertasten lassen. „Die Gestaltung ist für Sehbehinderte eine Katastrophe“, findet Vehlow.

Wer nicht sehen kann, ist am Busbahnhof und am Rathaus verloren

So wie diese Haltestelle in Kamen sieht eine für Sehbehinderte barrierefreie Bushaltestelle aus. Die geriffelte Fläche zeigt den Weg. Die genoppte Fläche zeigt den Einstiegspunkt. Busfahrer müssen passend halten. © Michael Dörlemann

Jetzt lesen

Wenig Hilfen für Sehbehinderte

Der Busbahnhof, das Bergkamener Rathaus und der Rathaus-Kreisel sind nicht die einzigen Bereiche der Stadt, die Sehbehinderte, die sich selbstständig bewegen und leben wollen, vor Probleme stellen. Nur wenige öffentliche Einrichtungen sind auf Sehbehinderte eingestellt. Geldinstitute wie die Sparkasse und die Volksbank haben keine sprechenden Geldautomaten. Auch in Vehlows Heimatstadt Lünen gibt es bisher nur einen.

Wer nicht sehen kann, ist am Busbahnhof und am Rathaus verloren

Ein Problem ist auch die Unachtsamkeit sehender Mitmenschen: Die aufgeklappten Lkw-Türen, ein nach unten ungesichertes Baugerüst oder Fahrräder, die nicht an der Hauswand, sondern mitten auf dem Gehweg stehen, können zum gefährlichen Hindernis werden. © Stefan Milk

Unachtsamkeit der Sehenden kann gefährlich werden

Hinzu kommt die Unachtsamkeit der Mitmenschen. In Fußgängerzonen stellt die Gastronomie Tische und Stühle auf Markierungen, Radler stellen ihr Fahrrad mitten auf dem Gehweg ab. Nicht gesicherte Baugerüste, Sonnenschirme und Baustellen, die nur durch ein Flatterband gesperrt sind, gefährden die Unversehrtheit von Sehbehinderten.

Jetzt lesen

Ansprechen, aber nicht einfach anfassen

Manchmal bleibt ihnen auch nichts anderes übrig, als Sehende um Hilfe zu bitten. Frank Vehlow hat eine Bitte, an alle die helfen wollen: „Sprechen Sie uns vorher an. Einfach anfassen ist unangenehm.“ Einmal ist es ihm sogar passiert, dass ihn jemand unbedingt über die Straße bringen wollte – obwohl er nur auf einen Bekannten gewartet hat.

Lesen Sie jetzt
Meistgelesen