Wer in Bergkamen baut, macht meist Bekanntschaft mit den Bombenexperten

dzKriegs-Altlasten

Wer in Bergkamen baut, muss das Baugelände auf gefährliche Altlasten checken lassen. Das trifft jetzt auch ein Unternehmen, das eine neue Gasleitung durch die Stadt verlegen will.

Bergkamen

, 02.03.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Firma „Open Grid Europe“ aus Essen geht es zurzeit so wie allen Bauherren, die in Bergkamen etwas errichten wollen, für das Erdarbeiten notwendig sind: Bevor das Unternehmen eine neue Gasleitung von der Stadtgrenze im Osten auf das Bayer-Gelände verlegen kann, muss es erst einmal dem Kampfmittelbeseitigungsdienst das Feld überlassen.

Die Entschärfung von Blindgängern gestaltet sich oft aufwendig, wie im vergangenen Jahr an der Pfalzschule. Dort lag der Blindgänger mehrere Meter tief in der Erde.

Die Entschärfung von Blindgängern gestaltet sich oft aufwendig, wie im vergangenen Jahr an der Pfalzschule. Dort lag der Blindgänger mehrere Meter tief in der Erde. © Stefan Milk (Archiv)

Experten erkunden Trasse für die Gasleitung

Zurzeit erkundet ein Unternehmen im Auftrag der Kampfmittelexperten die Trasse für die neue Gasleitung. Gut möglich, dass die Kampfmittelexperten anrücken müssen, um einen oder mehrere Blindgänger zu entschärfen – denn im Boden von großen Teilen von Bergkamen liegen immer noch Bomben. Sie sind bei den großen Fliegerangriffen vor allem auf die Chemischen Werke abgeworfen worden – heute der Standort des Chemieparks Bergkamen mit den Werken von Bayer, Lanxess und Huntsman.

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Auf die Chemischen Werke gab es zwischen September 1944 und dem Kriegsende 1945 mehrere große Angriffswellen durch britische Bomberverbände. Viele der Bomben trafen nicht die Werke, sondern die Umgebung – und viele explodierten nicht, sondern bohrten sich als Blindgänger in den Boden.

Eine Bombenräumung in der Bergkamener City im vergangenen Sommer. Wenn sich der Verdacht erhärtet, muss die Umgebung weiträumig evakuiert werden.

Eine Bombenräumung in der Bergkamener City im vergangenen Sommer. Wenn sich der Verdacht erhärtet, muss die Umgebung weiträumig evakuiert werden. © Stefan Milk (Archiv)

Ordnungsamt prüft bei allen Bauvorhaben

Es ist davon auszugehen, dass in großen Teilen des Bergkamener Stadtgebiets solche Blindgänger im Boden gibt – und deshalb muss bei allen Baugenehmigungsverfahren geprüft werden, ob es einen Bombenverdacht gibt.

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Üblicherweise teilt das Bauordnungsamt dem Sachbereich Ordnungsangelegenheiten mit, wo ein Neubau geplant ist. Die Bergkamener Ordnungshüter haben Zugriff auf das Kataster des Kampfmittelräumdienstes und können prüfen, ob es dort einen Verdachtspunkt gibt.

Die Chemischen Werke Bergkamen waren das Ziel der Bomberverbände. Das historische Foto zeigt Zerstörungen an der Fischer-Tropsch-Anlage, in der Benzin aus Kohle gewonnen wurde.

Die Chemischen Werke Bergkamen waren das Ziel der Bomberverbände. Das historische Foto zeigt Zerstörungen an der Fischer-Tropsch-Anlage, in der Benzin aus Kohle gewonnen wurde. © privat (Archiv)

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Verdachtspunkte durch Auswertung von Luftbildern

Solche Verdachtspunkte ergeben sich meist aus den Luftbildern, die von alliierten Aufklärungsflugzeugen unmittelbar nach den Angriffen gemacht wurden. Die Experten sind in der Lage, darauf die Einschlagstellen von Blindgängern zu erkennen – zumindest meistens. Falls es einen Verdacht gibt, bekommen die Bauherren die Auflage, das Baugelände von den Kampfmittelbeseitigern genauer untersuchen zu lassen. Erst wenn sie Entwarnung geben, darf gebaut werden.

Heiko Brüggenthies, der Sachgebietsleiter Ordnungsangelegenheiten bei der Stadt, mit Blindgängern, Bomben, Granaten und Zündern aus Bomben, die in Bergkamen gefunden wurden.

Heiko Brüggenthies, der Sachgebietsleiter Ordnungsangelegenheiten bei der Stadt, mit Blindgängern, Bomben, Granaten und Zündern aus Bomben, die in Bergkamen gefunden wurden. © Stefan Milk (Archiv)

Suche auch auf dem PueD-Gelände

Die Erfahrung hat jetzt erst die PueD GmbH gemacht: Auch auf dem Gelände auf der ehemaligen Zeche Grimberg 3/4, auf dem sie ihr Gesundheitszentrum bauen will, gibt es Verdachtspunkte. Bevor der Verdacht nicht ausgeräumt ist, darf der Bau nicht beginnen. Im Bereich um die Chemischen Werke wie dem Nordberg fielen die Bomben so dicht, dass die durch die Explosionen aufgeworfene Erde die Einschlaglöcher von Blindgängern überdeckten.

Das Luftbild, das Museumsleiter Kark Schrader bei einem Vortrag über den ersten Groß-Bombenangriff auf Bergkamen zeigt, gibt eine Ahnung über das Ausmaß der Angriffe. Rund um den Nordberg war Bergkamen komplett zerstört. Bombentrichter reihte sich an Bombentrichter.

Das Luftbild, das Museumsleiter Mark Schrader bei einem Vortrag über den ersten Groß-Bombenangriff auf Bergkamen zeigt, gibt eine Ahnung über das Ausmaß der Angriffe. Rund um den Nordberg war Bergkamen komplett zerstört. Bombentrichter reihte sich an Bombentrichter. © Borys Sarad (Archiv)

Noch viele Blindgänger unbekannt

Heiko Brüggenthies, der Sachgebietsleiter Ordnungsangelegenheiten bei der Stadt, geht deshalb davon aus, dass es viele Blindgänger gibt, auf die es keinen Hinweis gibt. „Wenn am Nordberg gebaut wird, sind wir froh, wenn wir vorher das Gelände untersuchen kommen“, sagt Brüggenthies.

Fliegerangriffe

Viele Bombenabwürfe außerhalb des Zielgebiets

  • In großen Teil des Stadtgebiets gibt es Blindgänger, weil die britischen Bomberpiloten nicht besonders genau zielen konnten.
  • Üblicherweise setzte ein kleineres Flugzeug vor den Angriffen Markierungen, die das Angriffsziel in der Luft absteckten.
  • Für die Bomberpiloten der späteren Angriffswellen waren die Markierungen durch den Rauch der Explosionen kaum noch zu erkennen. Sie orientierten sich dann oft an den Rauchsäulen über dem Angriffsziel, erklärt Brüggenthies.
  • Diese Rauchsäulen drifteten jedoch durch den Wind ab – bei vorherrschendem Westwind meist nach Osten.
  • Das ist der Grund, warum es auch in Richtung Osten, in Overberge, viele Blindgänger-Funde gibt.

Die Bereiche von Bergkamen, an denen kein Blindgängerverdacht besteht, sind ohnehin relativ klein.

Lediglich im Westen von Oberaden und in einigen landwirtschaftlichen Bereichen in Weddinghofen ist das Ordnungsamt sicher, dass es dort keine Bombenabwürfe gegeben hat. Sogar in den Lippeauen in Heil hat es einzelne Abwürfe gegeben.

Besonders gefährdet sind die Bereiche der Stadt unmittelbar um den Chemiepark wie der Nordberg und die Gartensiedlung sowie alles, was östlich davon liegt. Die britischen Bomber flogen in einer Schleife um Bergkamen herum und griffen von Osten aus an, um dann nach dem Bombenabwurf gleich weiter in Richtung Westen zu ihrem Heimatflughafen weiterzufliegen.

Auch auf der Gasleitungstrasse gibt es fünf Verdachtspunkte. Das Unternehmen, das die Trasse für den Kampfmittelräumdienst untersucht, nimmt Sondierungsbohrungen vor. Falls sich der Verdacht dabei bestätigt hat das Ordnungsamt zumindest ein Problem weniger als üblich: Alle Verdachtspunkte befinden sich im Wald. Straßensperrungen und Evakuierungen sind nicht notwendig.

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