Die Initiative Down-Syndrom wurde im Oktober 1998 gegründet, wird also 21 Jahre alt. Das ist eigentlich kein rundes Jubiläum. Die Initiative feiert es trotzdem - und das aus einem guten Grund.

06.10.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die jungen und die zum Teil gar nicht mehr ganz so jungen Erwachsenen, die am Samstagvormittag zur Tanzprobe in der Pestalozzi-Turnhalle zusammenkommen, teilen eine Gemeinsamkeit: Sie sind mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen. Ansonsten haben die Frauen und Männer einen ganz unterschiedlichen Lebensweg hinter sich. Und das hängt mit dem Anlass zusammen, für den sie trainieren. Die 17- bis 35-Jährigen gehören zur Tanzgruppe „All Inclusive“ der Initiative Down-Syndrom (IDS). Die feiert am 30. November in der Stadthalle Unna Jubiläum. Da darf ein Auftritt der Tanzgruppen - inzwischen gibt es zwei - nicht fehlen.

Warum es für Menschen mit Down-Syndrom Alternativen zum Förderschul-System gibt

Die Initiative hat zwei Tanzgruppen: Eine für Kinder und Jugendliche, eine für junge Erwachsene ab 17 Jahren. © Johannes Brüne


Ein Verweis auf das Chromosom 21

Die IDS wurde 1998 gegründet, sie feiert also ihren 21. Geburtstag. Dieses unrunde Jubiläum wiederum hat dem Down-Syndrom zu tun: Wer es hat, bei dem ist das Chromosom 21 dreifach vorhanden - und nicht wie bei anderen Menschen doppelt. „Früher war der Lebensweges eines Kindes mit Down-Syndrom im Grunde schon im Kreißsaal vorgezeichnet“, sagt Dr. Edith Kirsch aus dem Vorstand der IDS. Erst kam es in einen Sonderkindergarten, wie man das damals nannte, später ging es auf eine Sonderschule und arbeitete anschließend in einer „beschützten Werkstatt“.

Warum es für Menschen mit Down-Syndrom Alternativen zum Förderschul-System gibt

Beim Jubiläumsfest ist eine Art „Best of“ der bisherigen Musical-Aufführungen zu sehen. © Johannes Brüne


Individuelle Wege zu Bildung und Beruf

Auch heute haben einige „All inclusive“-Mitglieder ihren Arbeitsplatz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Andere gehen einer Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt nach. Einige der jüngeren besuchen eine Förderschule, andere lernen auf einer Regelschule. Ganz unterschiedlich und individuell eben. „Wir wollen, dass sich das Leben von Menschen mit Down-Syndrom an dem orientiert, was sie können - und nicht an dem, was sie nicht können“, umschreibt Edith Kirsch das Ziel der Initiative.

Warum es für Menschen mit Down-Syndrom Alternativen zum Förderschul-System gibt

Die Gruppe „All inklusive“ hat schon Tarzan auf die Bühne gebracht. © Borys Sarad


Es begann im Kindergarten Wichernhaus

Deren Geburtsort war der ehemalige Kindergarten im Wichernhaus. Dort traf sich in den 90er Jahren eine Spielgruppe für Kinder mit Down-Syndrom. Schon damals waren Edith Kirsch und ihre Mann Ulrich Kirsch dabei, der heute Vorsitzender der IDS ist. Die damalige Leiterin des Kindergartens, Christiane Fuhrmann, vermittelte der Gruppe eine größere Spende. „Um die annehmen zu können, gründeten wir einen Verein“, erinnert sich Edith Kirsch. So begann im Oktober 1998 die Geschichte der IDS. Erste Vorsitzende wurde Heike Schmidt. Ihr, dem Ehepaar Kirsch und den anderen Mitstreitern ging es um Erfahrungsaustausch, Hilfestellung für andere Familien und um die gemeinsame Freizeitgestaltung. Aber sie wollten auch immer in die Gesellschaft wirken.

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Auch „Ron und Jule“ war ein großer Erfolg. © Marcel Drawe



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Die Initiative wirkt in die Gesellschaft

„Unser Ziel ist es, Vorurteile abzubauen und für Toleranz und Akzeptanz zu werben“, sagt Edith Kirsch. So richtete sich der Blick schnell auf das Bildungssystem und auf die Suche nach Alternativen zum vorgezeichneten Weg in die Förderschule. Dabei musste die Initiative Widerstände überwinden. Die erste Generation der IDS-Kinder konnte eine Regel-Grundschule besuchen, der Wechsel zum Berufskolleg wurde ihr noch verwehrt. Später änderte sich das, auch wegen des Engagements einzelner: „Das haben wir der damaligen Leiterin des Hansa Berufskolleg Unna, Sonja Zierow, zu verdanken“, sagt Edith Kirsch.

Initiative Down-Syndrom

Das 21. Jubiläum

  • Die Initiative Down-Syndrom feiert ihr Jubiläum am Samstag 30. November, in der Stadthalle Unna. Beginn ist um 18 Uhr, Einlass ab 17.30 Uhr.
  • Der Eintritt kostet 5 Euro. Eine Anmeldung ist erforderlich unter E-Mail ids@ids-unna.de .
  • Informationen über die Initiative Down-Syndrom gibt es auf der Homepage https://ids-unna.de/

Initiative wächst über den Kreis Unna hinaus

Man kann mit ihr lange über die Defizite des Bildungssystem im Allgemeinen und der Inklusion im Besonderen diskutieren. Dass es in den vergangenen 20 Jahren durchaus Fortschritte gegeben - wenn auch teilweise mühsame - bestreitet Kirsch nicht. Und das liegt natürlich auch an dem Engagement der IDS. Die hat in den vergangenen 21 Jahren einen enormen Wachstumskurs hingelegt. „1998 waren wir acht Familien“, erinnert sich Edith Kirsch. Heute hat die IDS rund 450 Mitglieder davon etwa 100 mit Down-Syndrom. Die Kinder der Gründer sind erwachsen, manche sind aus Bergkamen weggezogen.

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Die IDS-Gründer sind Vorbilder

Aber auch jüngere Kinder und Jugendlichen gehören zur IDS. Sie tanzen in einer eigenen „All Inclusive“-Gruppe und treten bei der Jubiläumsveranstaltung natürlich auch auf. Die IDS ist längst über den Kreis Unna hinausgewachsen, die Mitglieder kommen aus Städten der näheren und ferneren Umgebung und ist in Dortmund stark vertreten. Von dort kommt Silke Raffo. Ihr Sohn ist 15 Jahre alt. Also viel jünger als die Kinder der ersten IDS-Generaton. Aber das weiß die Mutter zu schätzen: „Es ist wichtig, dass man Vorbilder hat.“

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