Warum auch deutsche Eltern am Rucksack-Projekt für den Spracherwerb teilnehmen

dzSprachprojekt in der Grundschule

Das Rucksack-Projekt an der Gerhart-Hauptmann-Schule ist erstmals nicht nur für türkisch-stämmige Eltern offen. Jetzt nutzen auch zwei bisher unerwartete Gruppen das Angebot.

Bergkamen

, 17.11.2019, 15:06 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als das Rucksack-Projekt an der Bergkamener Gerhart-Hauptmann-Schule in diesem Sommer zum neuen Schuljahr mit einem neuen Konzept startete, erlebte die Grundschule eine Überraschung: Erstmals meldeten sich auch deutsche Eltern ohne Migrationshintergrund für das Projekt an. Eigentlich soll es Kindern und Eltern aus Einwandererfamilien helfen, die deutsche Sprache schneller und besser zu lernen.

Sprachdefizit bei Fachbegriffen

Mittlerweile empfinden aber offenbar auch deutsche Eltern, dass sie und ihre Kinder ein Sprachdefizit haben. Nicht unbedingt im Alltag, aber dann, wenn es um kompliziertere Begriffe geht. „Es geht vor allem um Fachbegriffe, die auch deutsche Eltern nicht kennen“, sagt die Schulleiterin Martina Hoppe.

Warum auch deutsche Eltern am Rucksack-Projekt für den Spracherwerb teilnehmen

Die Kinder lernen zusammen mit ihren Eltern die neue Sprache kennen und werden dabei auch noch sicherer in ihrer Muttersprache. © Stefan Milk

Eltern erfahren mehr über den Unterricht

Außerdem nutzen Eltern das Rucksack-Projekt auch für etwas, für das es ursprünglich gar nicht gedacht war: als eine Art Lotse durch den Unterricht an der Schule. Die Eltern nutzen das Projekt, um zu erfahren, wie ihre Kinder in der Schule lernen. „Es ist immer eine Kontaktlehrerin dabei, die als Elternbegleiterin fungiert“, erläutert Anne Nikbin vom Kommunalen Integrationszentrum Kreis Unna, das seinen Sitz in Bergkamen hat. Das Integrationszentrum ist Träger des Programms „Rucksack Schule“ im Kreis Unna.

Die Eltern lassen sich von der Kontaktlehrerin den Ablauf des Unterrichts erklären und auch welchen Inhalt der Unterricht an der Grundschule hat, sagt Nikbin. Sie hat beobachtet, dass auch an anderen Schulen im Kreis Eltern ohne Migrationshintergrund das Rucksack-Anbebot annehmen.

Seit dem Neustart ist das Projekt für alle offen

In den vergangenen Jahren hatte sich das Rucksack-Projekt ausschließlich an Kinder und Eltern aus türkisch-stämmigen Familien in Bergkamen gerichtet. Vor allem seit 2015 sind jedoch so viele Menschen auch aus anderen Nationen nach Bergkamen gekommen, dass sich Schule und Integrationszentrum entschlossen haben, es in diesem Schuljahr auch auf andere Sprachen zu erweitern. Nach einer Pause im Schuljahr 2018/2019 ist das Ruckack-Projekt jetzt für alle Eltern und Kinder an der Schule offen.

Das neue Konzept hat offenbar Erfolg: In diesem Schuljahr nutzen nach Angaben von Martina Hoppe sogar 19 Eltern mit ihren Kindern das Sprachbildungs-Angebot. Sie sprechen außer Türkisch und Deutsch als Muttersprache auch Arabisch, Spanisch, Polnisch, Tamilisch, Russisch und Vietnamesisch.

Warum auch deutsche Eltern am Rucksack-Projekt für den Spracherwerb teilnehmen

Kinder und Eltern lernen die Wörter in ihrer Muttersprache und in Deutsch auch anhand von Bildern kennen. © picture alliance / Britta Peders

Kinder und Eltern lernen in ihrer Muttersprache und in Deutsch

Das Prinzip des Projekts ist einfach: Kinder und Eltern lernen bestimmte Begriffe zunächst in ihrer Muttersprache kennen und dann die entsprechenden deutschen Wörter dafür. Das hat zwei Ziele: Der Wortschatz soll in der Muttersprache erweitert werden und gleichzeitig sollen Eltern und Kinder dabei Deutsch lernen.

Probleme damit, dass die beteiligten Eltern und Kinder so viele unterschiedliche Muttersprachen sprechen, gibt es nach Nikbins Angaben nicht. „Die Verkehrssprache ist Deutsch. Wir haben aber Material in 16 Sprachen“, erklärt sie. In Wörterbüchern können Eltern und Kinder beispielsweise anhand von Bildern das passende Wort in ihrer Muttersprache suchen und das entsprechende deutsche Wort lernen.

Auch Väter nehmen jetzt erstmals teil

Übrigens gibt es in diesem Jahr eine weitere Neuerung beim Rucksack-Projekt: Erstmals haben sich nicht nur die Mütter der Kinder, sondern auch Väter zum Projekt angemeldet.

Beginn an der Pestalozzischule
Das Rucksack-Projekt gibt es schon seit über neun Jahren

  • Das Rucksack-Projekt des Kommunalen Integrationszentrums gibt es schon seit dem Schuljahr 2010/2011 in Bergkamen.
  • Zunächst gab es das Projekt an der Pestalozzischule auf dem Nordberg, weil die Schule einen besonders hohen Anteil von Kindern aus Migrantenfamilien hatte.
  • Vor einigen Jahren wurde die Schule geschlossen, vor allem weil Prognosen von einem Rückgang der Grundschülerzahlen ausgingen.
  • Die Gerhart-Hautmann-Schule hat das Rucksack-Projekt seit dem Schuljahr 2014/2015 übernommen.
  • Nach der Unterbrechung im vergangenen Schuljahr gab es in diesem Jahr den Neustart unter veränderten Bedingungen.
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