„Es war ganz normal, aber doch ganz anders, weil man das vier Monate lang nicht hatte“, sagt Günter Luft über seinen ersten Abend in der eigenen Wohnung. So geht es den Bewohnern der Töddinghauser Straße.

20.09.2019, 14:18 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dunkle Flure, geschlossene Türen, keine Menschenseele vor den Häusern an der Töddinghauser Straße 135 und 137: An das Drama, das sich um die Mehrfamilienhäuser und ihre Bewohner in den vergangenen vier Monaten abgespielt hat, erinnert am Freitagmorgen auf den ersten Blick nichts. Beim Gang an den Häusern vorbei und beim Blick in die Hausflure wirkt am Freitagvormittag alles normal.

Allein die Teppichböden, die offenbar schon länger nicht mehr gesaugt wurden, deuten noch darauf hin, dass hier offenbar lange keiner war. Denn ein stinknormaler Freitag ist der 20. September freilich nicht. Es ist der erste Tag seit vier Monaten, an dem die Bewohner der Häuser in ihren eigenen Betten aufwachen durften. Und darauf hat sich der Großteil am meisten gefreut.

„Aber einschlafen konnten wir nicht gut. Wir hatten noch zu viel im Kopf“, sagt Günter Luft. Er und seine Frauen haben vier Monate lang in einer dürftigen Notunterkunft der Stadt gelebt. Als sie am Donnerstag die frohe Botschaft aus dem Rathaus erreichte, dass sie wieder zurückdürfen, haben die Lufts gleich die Taschen gepackt.

„Vor Freude geweint“ – So ist die Stimmung in den nicht mehr geräumten Häusern

Vier Monate lang mussten Rita und Günter Luft auf engstem Raum in der Notunterkunft, die die Stadt ihnen zur Verfügung gestellt hatte, leben. Das Rathaus wird ihnen ob der besonderen Situation nur die Nebenkosten berechnen und nicht die zunächst angekündigte Miete. © Marcel Drawe

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Geräumte Häuser: Aus dem Urlaub zurück in die eigene Wohnung

Mit gepackten Taschen kamen auch Hussein und Pamuk Ates am Donnerstag zur Töddinghauser Straße 135 – doch sie ahnten nicht, dass sie dieses Mal bleiben dürfen. „Wir kamen aus dem Urlaub und wollten eigentlich nur unsere Koffer in die Wohnung bringen“, sagt Pamuk Ates.

Das Ehepaar hat die vergangenen Monate bei seinem Sohn in Dortmund verbracht. „Da war es natürlich schön, aber zu Hause ist es doch am schönsten“, sagt Pamuk Ates. Das Ehepaar ist erleichtert und froh – von Enttäuschung und Wut, die sich in den vergangenen Monaten bei manch einem breit machten, ist nichts mehr zu spüren.

„Zu Hause ist es doch am schönsten!“
Pamuk Ates

Auch Peter Redekop, der mit seiner Freundin in der Töddinghauser Straße 135 wohnt, ist einfach nur erleichtert. Er habe sich am meisten auf das eigene Bett gefreut. „Und auf den Sonnenuntergang“, den die beiden am Donnerstagabend vom Balkon aus endlich wieder genießen durften.

Redekop und seine Freundin gehören zu den rund 100 Menschen, die vor vier Monaten kurzfristig ihre Wohnungen verlassen mussten, weil es plötzlich hieß, dass kein ausreichender Brandschutz bestehe. Es folgte eine Odysse, in der es zwischenzeitlich zwischen Gutachter und Behörden brodelte und in der die Bewohner protestierten.

Doch das Drama ist fürs Erste vergessen. Zwar muss laut Baudezernent Dr. Hans-Joachim Peters noch einiges passieren, bis ein umfassender Brandschutz besteht. Aber das ließe sich auch ausführen, während die Bewohner in ihren Wohnungen sind. Peters verkündete am Donnerstagmorgen in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz die frohe Botschaft.

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Stephan Kofort will seine Wohnung verkaufen. Er hat eine Mietwohnung in Kamen gefunden. © Claudia Pott

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Nicht alle Bewohner freuen sich

Von Friede, Freude, Eierkuchen kann jedoch nicht bei jedem Bewohner die Rede sein. Für Stephan Kofort kommt die Nachricht zu spät. Der Eigentümer ist am Freitag in seiner Wohnung – allerdings nicht um Sachen hinzubringen, sondern mitzunehmen.

Der Eigentümer will seine Wohnung verkaufen, er hat eine Mietwohnung in Kamen gefunden, in der er nun lebt. „Ich wusste ja nicht, wie lange es dauern würde“, sagt er. In seinem Apartment hat er vieles renoviert und angeschafft. Die Entscheidung, auszuziehen, fiel ihm nicht leicht. „Ich hoffe, dass ich einen Käufer finde.“

„Endlich wieder richtig kochen!“
Rita Luft

Kofort ärgert sich noch über den Ablauf der Dinge. Doch nicht nur ihm steckt der Stress offenbar noch in den Knochen. „Ich bin abgemagert und um Jahre gealtert“, sagt Angela Desenne-Knauf. Sie und ihr Mann lebten vier Monate lang in der Notunterkunft – in der es lediglich eine kleine Küchenzeile gab. An die Zeit denkt Desenne-Knauf nicht gerne zurück, doch die positiven Gefühle überwiegen. „Vor Freude habe ich geweint. Dann habe ich mich auf den Balkon gestellt und gerufen ‚Ich bin wieder da‘. Das mache ich jetzt jeden Tag.“

Hungern werden Desenne-Knauf und die anderen jetzt nicht mehr. „Endlich wieder richtig kochen“, freut sich auch Rita Luft. Mit ihrem Mann hat sie am Donnerstag nach langer Zeit wieder ein ganz normalen Abend verbracht. „Wir haben einen größeren Fernseher als in der Notunterkunft. Meine Frau saß auf ihrem Fernsehsessel und ich lag auf der Couch. Es war ganz normal, aber doch ganz anders, weil man das vier Monate lang nicht hatte.“

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