Das Awo-Hermann-Görlitz-Seniorenzentrum feiert in diesen Tagen sein 50-jähriges Bestehen. Seine Anfänge liegen in einem „Altenwohndorf“, in dem das Leben noch etwas anders aussah als heute.

Bergkamen

, 01.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Gründungs-Geschichte des Hermann-Görlitz-Seniorenzentrums ist an der Landwehrstraße noch gegenwärtig. Die dortige Bushaltestelle trägt den Namen „Altenwohndorf“. So hießt die Einrichtung, die die Arbeiterwohlfahrt am 2. Juli 1969, also vor 50 Jahren, eröffnete. Es war das erste Seniorenheim in der gerade einmal drei Jahre alten Stadt Bergkamen. Nur dass damals wohl niemand auf die Idee gekommen wäre, die Bewohner als „Senioren“ zu bezeichnen. Man nannte sie damals schlicht „alte Menschen“ oder auch „Betagte“.

Vor 50 Jahren zogen die ersten Bewohner in Bergkamens erstes Altenheim

Elke Schreiber die dienstälteste Mitarbeiterin im Seniorenzentrum: Sei arbeitet dort seit 41 Jahren Beiköchin. © Marcel Drawe


Die ersten Bewohner waren um die 70 Jahre alt

Die Klientel, die damals in die Appartements in den neu gebauten Bungalows einzog, war eine völlig andere als im heutigen Hermann-Görlitz-Zentrum. „Das Durchschnittsalter lag bei 70“, sagt der aktuelle Einrichtungsleiter Ludger Moor. Heute betreuen er und seine Mitarbeiter Menschen, die im Schnitt 86 Jahre alt sind: „41 unserer 142 Bewohner sind über 90 Jahre alt. Die älteste ist 101.“ Und alle sind in irgendeiner Form pflegebedürftig. Auch das war in den Anfangsjahren des Altenwohndorfes anders. „In den ersten Jahren waren die Bewohner viel aktiver als heute“, sagt die Beiköchin Elke Schreiber. Sie muss es wissen, denn sie ist die dienstälteste Mitarbeiterin im Hermann-Görlitz-Zentrum. Mit 16 Jahren hat Schreiber bei der Awo angefangen. 1978 war das.

Jubiläumsprogramm

Musik, Planwagenfahrt und Sommerfest

Dienstag, 2. Juli, 15 Uhr: Heinz-Erhardt-Programm mit Burghardt Wolk Mittwoch, 3. Juli. 15 Uhr: Festakt zum 50-jährigen Bestehen. Festredner ist der Vorsitzenden des Awo-Bezirks Westliches Westfalen, Michael Scheffler Donnerstag, 4. Juli: Die Bewohner fahren mit Planwagen durch Bergkamen Freitag, 5. Juli: Der Chor „Melodie“ aus Hamm singt ab 15.30 Uhr Volkslieder und internationale Lieder. Samstag, 6. Juli: Von 12 bis 17 Uhr veranstaltet das Hermann-Görlitz-Zentrum einen Tag der offenen Tür und sein Sommerfest. Die Feier beginnt um 11.30 Uhr mit einem ökumenischen Freiluft-Gottesdienst.

Karnevalsfeiern bis zum frühen Morgen

Auf diese Weise hat Schreiber noch die „wilden Zeiten“ im Altenwohndorf mitbekommen. Zum Beispiel bei den Karnevalspartys: „Da wurde am Abend drei bis vier Stunden im großen Saal gefeiert“, erinnert sie sich. „Danach ging es dann in einigen Bewohnerzimmern bis zum frühen Morgen weiter.“ Kein Wunder. Die Gründe, warum Menschen ihren Lebensabend in einem Heim verbrachten, waren völlig andere als heute. „In en 60er Jahren herrschte ja noch Wohnungsnot“, sagt Moor. Deshalb bestand ein Interesse daran, dass ältere Menschen ihre meist großen Familienwohnungen räumten und Platz für junge Familien machten. Das Bergkamener Altenwohndorf war daher ein Modellprojekt des Landes NRW.

Vor 50 Jahren zogen die ersten Bewohner in Bergkamens erstes Altenheim

Elke Schreiber, Ludger Moor und Silke Naruhn mit Zeitungsartikeln aus der Geschichte des Seniorenzentrums. © Marcel Drawe


Zur Eröffnung kam ein Minister

Deshalb kam zur Eröffnung vor 50 Jahren der damalige Sozialminister Werner Figgen, der es als „vorbildlich und hochmodern“ lobte. In der Anfangszeit hatte das Altenwohndorf 120 Bewohner. Einige lebten ziemlich lange dort. „Der Rekord liegt bei 25 Jahren“, sagt Moor. Das ist heutzutage nahezu unbedenkbar. Den Pflegebedürftigen, die ins Hermann-Görlitz-Zentrum kommen, bleiben in der Regel noch ein paar Monate bis einige wenige Jahre. In der Gründungsphase gab es im Altenwohndorf allerdings auch schon 22 Pflegeplätze. Das hing damit zusammen, dass sich die Familienstrukturen änderten und noch keine Infrastruktur für die ambulante Pflege existierten. „Damals kam allenfalls die Gemeindeschwester zu den Leuten nach Hause, die bei der Kirchengemeinde angestellt war“, sagt Moor.

Heute gilt „ambulant vor stationär“

Heute gilt der Grundsatz „ambulant vor stationär“. Ob das immer im Sinne der Pflegebedürftigen ist, bezweifelt Moor, der das Hermann-Görlitz-Zentrum seit 2009 leitet. Er hat den demographischen Wandel dabei hautnah miterlebt. Die Menschen in Deutschland werden immer älter, aber dadurch steigt auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Das spiegelt sich auch in der Mitarbeiterzahl des ältesten Bergkamenr Seniorenheims wider. Im Altenwohndorf arbeiteten am Anfang 26 Mitarbeiter in Vollzeit. Heutzutage bemühen sich 130 Mitarbeiter um die Bewohner des Hermann-Görlitz-Zentrums. „Die Aufgaben und die beruflichen Anforderungen sind viel differenzierter und anspruchsvoller geworden“, sagt Pflegedienstleiterin Silke Naruhn. Auch baulich hat sich das einstige Altenwohndorf gewaltig verändert.

Grundlegender Umbau im Jahr 1993

Im Jahr 1993 erlebte es einen massiven Umbau. Damals wurden die Bungalows weitgehend abgerissen und die heutige Gebäudestruktur mit mehreren Wohnbereichen geschaffen. Seitdem ist das Seniorenzentrum auch nach dem Kommunalpolitiker und ehemaligen Vorsitzenden des Awo-Kreisverbandes Unna/Soest/Beckum, Werner Görlitz (1898 bis 1971) benannt. Außerdem ist das Zentrum auch kräftig gewachsen: Bei seiner Gründung umfasste das Altenwohndorf eine umbaute Fläche von 3330 Quadratmetern. Das heutige Seniorenzentrum umfasst Räume mit einer Fläche von rund 9000 Quadratmetern. Bedarf dafür gibt es, sagt Moor: „Wir haben eine durchschnittliche Belegung von 99 Prozent und führen eine Warteliste.“ Die gab es allerdings auch schon, als im Juli 1969 die ersten Bewohner in das Altenwohndorf einzogen.

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