Unsicher unterwegs auf den „Moordstrokjes“ – deutliche Kritik an Fahrradstreifen

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Eigentlich sollen die Angebotsstreifen an den Fahrbahnrändern Radlern mehr Sicherheit gegen. Bei vielen lösen sie jedoch Verunsicherung aus – zurecht, wie Experten bestätigen.

Bergkamen

, 20.12.2019, 12:51 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ilona Faralich legt fast alle längeren Strecken in Bergkamen mit dem Fahrrad zurück. Wenn sie von Schönhausen in Richtung Overberge will, nimmt sie aber nie die nahe gelegene Landwehrstraße, sondern lieber den Umweg über die Kuhbachtrasse Das ist ein reiner Rad- und Fußweg. Auf dem sogenannten Angebots- oder Sicherheitsstreifen an der Landwehrstraße fühlt sie sich nicht wohl. Die Autofahrer würden die Spur mitbenutzen und beim Überholen kaum Sicherheitsabstand halten.

Lieber illegal auf dem Gehweg als auf dem Fahrradstreifen

Diesen Eindruck bestätigt auch eine Nachbarin, die ebenfalls jeden Tag mit dem Rad unterwegs ist – zum Einkaufen, um die Kinder zur Schule zu bringen oder auf dem Weg zum Job. Oft fahre sie lieber auf dem Gehweg als auf dem abgeteilten Bereich auf der Fahrbahn, gesteht sie – obwohl sie als Erwachsene das auf solchen Straßen nicht darf.

Unsicher unterwegs auf den „Moordstrokjes“ – deutliche Kritik an Fahrradstreifen

Ilona Faralich ist nur ungern auf dem Fahrradstreifen an der Landwehrstraße unterwegs, Sie nimmt lieber den Umweg über die Kuhbachtrasse in Kauf. © Michael Dörlemann

Zugeparkt und Platz für die Mülltonnen

Die beiden Frauen und viele andere Radler stellen den Streifen, die es an vielen größeren Bergkamener Straßen gibt, kein gutes Zeugnis aus. Die überholenden Autos sind nicht das einzige Problem: Vor Kiosken und Geschäften werden die Spuren zugeparkt, was Radler zu riskanten Ausweichmanövern in die Mitte der Fahrbahn zwingt. „Gelegentlich werden auch Mülltonnen dort hingestellt“, sagt Faralich. Und auf der Töddinghauser Straße sind die Einläufe für die Gullis so tief, dass sie fürchtet im Dunkeln zu stürzen.

Unsicher unterwegs auf den „Moordstrokjes“ – deutliche Kritik an Fahrradstreifen

Viel Autofahrer halten sich nicht daran, dass sie grundsätzlich links von der gestrichelten Linie fahren dürfen. Der Streifen darf allerdings wie hier zum Ausweichen genutzt werden, wenn kein Radler darauf fährt. © Stefan Milk

Schwimmnudel als Abstandshalter

Christa Gröhling, die auch mit dem Fahrrad unterwegs ist, rät Radlern eine „Schwimmnudel“ auf dem Gepäckträger zu klemmen. „Dann merke die Autofahrer wie groß der Sicherheitsabstand sein muss“, sagt Gröhling, die seit einiger Zeit Mitglied im ADFC ist.

Der subjektive Eindruck, den die Bergkamenerinnen haben, trügt offenbar nicht. Nicht nur der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC), auch die Unfallforschung der Versicherer stellen den Fahrradstreifen schlechte Noten aus.

Unsicher unterwegs auf den „Moordstrokjes“ – deutliche Kritik an Fahrradstreifen

Gefährlich wird es für Radler auch, wenn Autos abbiegen. Sie müssen eigentlich Radler auf dem Streifen vorbeilassen, haben sie aber manchmal nicht im Blick. © Stefan Milk

Kritik auch von den Versicherern

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat die Streifen vor einiger Zeit in verschiedenen Städten untersucht. Ihr Fazit: Radler werden bedrängt und zu eng überholt. Jedes zweite Fahrzeug hält den Seitenabstand von mindestens 1,50 Metern nicht ein.

Sicherheit für Radler

Regeln für die Fahrradstreifen werden oft missachtet

  • In Bergkamen gibt es die Angebots- oder Sicherheitsstreifen an vielen nStraßen, vor allem an Haupterschließungstraßen wie der Landwehrstraße, der Ebertstraße/Hubert-Biernat-Straße oder der Rünther Straße.
  • Autofahrer müssen eigentlich grundsätzlich links von den Streifen fahren. Sie dürfen vom Autoverkehr nur genutzt werden, um auszuweichen – und auch nur dann, wenn sich dort kein Fahrradfahrer befindet.
  • Falls das nicht geht, müssen Autofahrer hinter dem Radler bleiben, bis sich die Gelegenheit zum Überholen mit ausreichendem Sicherheitsabstand (mindestens 1,50 Meter) ergibt.
  • Experten gingen zunächst davon aus, dass Radler von den Autofahrern besser wahrgenommen werden und deshalb sicherer unterwegs sind.
  • Die Stadt Bergkamen wird die Streifen wohl noch einmal überprüfen. Der Stadtrat hat beschlossen, dass die Stadt die „Alltagsrouten“ für Radler untersuchen und optimieren soll.

Die Streifen werden widerrechtlich zum Halten und Parken genutzt. Besonders gefährlich sind sie, wenn sie an Parkstreifen entlang führen. Nach Erkenntnissen der Versicherer kommt es immer wieder zu schweren Unfällen, weil Autofahrer die Tür unbedacht aufreißen und nicht auf Radler achten, die von hinten kommen.

Nach Ansicht des ADFC schrecken die Angebotsstreifen viele Menschen eher vom Fahrradfahren ab, statt es zu fördern.

ADFC: Streifen „nur für die Hartgesottenen“

Der ADFC möchte, dass das Fahrrad das Standardverkehrsmittel bei kürzeren Strecken wird. „Damit das gelingt, müssen die Straßen alle Menschen zum Radfahren einladen, nicht nur die besonders Hartgesottenen“, meint Stephanie Krone, die Pressesprecherin des ADFC auf Bundesebene.

Der Bergkamener Baudezernent Dr. Hans-Joachim Peters verteidigt die Streifen als die „oft einzige Möglichkeit“ an Straßen Wege für Fahrradfahrer anzulegen. Die Straßen seien für einen abgetrennten Radweg oft zu schmal, argumentiert er. Was bleibe, sei nur die Möglichkeit, den Streifen von der Fahrbahn abzutrennen.

Der ADFC fordert dagegen, „durchgängige Netze hochqualitativer Radwege zu schaffen, die vom Autoverkehr durch Barrieren getrennt sind. In Wohngebieten, in denen nur wenige Autos mit geringem Tempo unterwegs sind, seien sie möglicherweise ohnehin überflüssig.

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Die Empfehlungen der UDV gehen in eine ähnliche Richtung. Sie empfiehlt, einen mindestens 75 Zentimeter breiten Schutzstreifen zwischen Autoverkehr und Radlern zu markieren, der nicht überfahren werden darf. Der Radweg sollte mindestens 1,85 Meter breit sein und an Parkbuchten sollte es Sperrflächen geben, damit Radler nicht von sich öffnenden Autotüren vom Rad geholt werden.

Angesichts der Gefahren, denen Radler auf den Streifen ausgesetzt sind, mag der ADFC auch nicht mehr von „Sicherheitsstreifen“ sprechen, teilt König mit. Sie weist darauf hin, welchen Spitznamen die Angebotsstreifen in Flandern in Belgien haben, eine ausgesprochene Fahrradgegend. Sie werden dort laut ADFC „Moordstrokjes“ genannt.

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