Der Streit um einen Baum, der auf der Grenze zwischen zwei Grundstücken steht, artet aus. Ein Richter entschied jetzt, dass der Baum gefällt werden darf. Weil es keine Baumschutzsatzung gibt, steht es schlecht um Ahorn.

Bergkamen

, 09.08.2019, 14:47 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Vor unserem Nachbarhaus steht ein großer Nussbaum. Es ist eine Lust, daraufzuschauen“, sagt Udo Bennemann. Für das NABU-Mitglied der Ortsgruppe Bergkamen/Kamen tun Bäume nicht nur dem Klima gut, sondern auch dem Auge und der Seele. „Es hat einen Wohlfühlfaktor, im Schatten eines Baumes zu stehen.“ Wie Bennemann sehen das aber nicht alle Bergkamener.

In einer Siedlung in Bergkamen-Mitte entzündete sich ein Nachbarschaftsstreit um einen Baum, der auf der Grenze von zwei Grundstücken steht. Der Streit steht kurz vor seinem Höhepunkt, der allem Anschein nach nichts Gutes für den Baum mit sich bringen wird. Die Eigentümer des einen Hauses wollen nämlich, dass er gefällt wird, die anderen wehren sich dagegen. Es zeichnet sich ab, dass Letztere den Kampf verlieren.

Fledermäuse finden Nahrung in dem Baum

Auf der Grenze zwischen den Grundstücken, auf denen jeweils ein Wohnhaus mit Eigentumswohnungen steht, steht ein großer Silber-Ahorn. Seine Äste und Blätter wuchern auf beiden Grundstücken, die drei Stämme lassen ihn mächtig wirken. Zwei Stämme stehen auf dem einen Grundstück, ein dritter auf dem anderen. Der Baum sei etwa 50 Jahre alt, schätzt Helmut Burkert, ein Wohnungseigentümer im Haus Heinrich-Jasper-Straße 7.

Burkert wohnt seit über 40 Jahren in dem Haus und beobachtet seitdem, wie der Baum wächst, wie Fledermäuse in der Baumkrone auf Insekten-Suche gehen und wie Eichhörnchen auf den Stämmen und Ästen herumflitzen. „Der Baum war schon so groß, dass er über die Häuser ragte. Deshalb haben wir ihn stutzen lassen. In den 50 Jahren wurde er zweimal beschnitten“, sagt Burkert.

Streit unter Nachbarn vor Gericht: Das Opfer ist ein unschuldiger, alter Baum

Der große Baum steht genau auf der Grenze der beiden Grundstücke. Er ist deshalb ein Grenzbaum. Wenn ein Besitzer ihn fällen möchte, darf er gefällt werden. © Marcel Drawe

Nachbarschaftsstreit landet vor Gericht

Dass der Baum fällt, wollen Burkert, Silvia Niedermark und Hans Werner Maidorn, die den Beirat der Wohnungseigentümergemeinschaft bilden, nicht. Sie konnten sich aber nicht mit den Eigentümern des Nachbarhauses, das an der Ernst-Heilmann-Straße liegt, einigen. Und so landete der Fall vor Gericht und das Gutachten, das Burkert am 1. August in den Händen hielt, war für ihn nicht erfreulich. Es handele sich um einen Grenzbaum und wenn einer der Besitzer wolle, dass er gefällt wird, dann dürfe er gefällt werden, soll darin stehen.

Baum steht nicht unter Naturschutz

„Der Baum wird wohl gefällt“, sagt Silvia Niedermark. Ihr und den anderen Eigentümern der Hausnummer 7 sind nun die Hände gebunden. „Wir haben schon mit dem NABU gesprochen“, sagt Niedermark. Doch es reiche nicht aus, dass die Fledermäuse in dem Baum Nahrung finden, sie müssten dort eine Brutstätte haben, damit das Fällen verhindert werden kann.

Das bestätigt auch Udo Bennemann. „Wenn eine geschützte Art darin brütet, wird der Baum unter Naturschutz gestellt.“ Eine andere Möglichkeit sei optisches Interesse. Wenn ein Baum die Landschaft präge, weil er etwa auf einer Kuppe steht, dann könne man ihn ebenfalls unter Schutz stellen. Doch das trifft auf den Silber-Ahorn ebenfalls nicht zu.

Soll der Baum aus Rache gefällt werden?

„Der Baum spendet Sauerstoff zwischen den Häusern. Und wenn er gefällt wird, geht der parkähnliche Charakter verloren“, sagt Niedermark. Zudem würde der Schatten wegfallen, den er jetzt spendet. „Die Menschen merken oft erst zu spät, was ihnen ohne Baum fehlt“, sagt Bennemann. Erst wenn es in einer Wohnung im Sommer ohne Baum unerträglich heiß würde, dann bereue man die Entscheidung.

„Ein Baum ist so viel wert wie ein Haus. Und je älter der Baum wird, desto größer ist der Schaden.“
Dr.Hans-Joachim Peters, Erster Beigeordneter

Warum ihre Nachbarn den Baum fällen wollen, wissen die Bewohner der Hausnummer 7 nicht genau. Nahe liegend seien die Kosten für die Baumpflegearbeiten, doch Niedermark und Burkert vermuten, dass das Motiv Rache ist. Vor einigen Jahren haben sie einen Zaun zwischen den Grundstücken ziehen lassen, weil viele ihr Grundstück als Abkürzung zur Landwehrstraße nutzten – darunter auch die Nachbarn.

Bergkamen verzichtet auf Baumschutzsatzung

Gebe es in Bergkamen eine Baumschutzsatzung, dann müssten Burkert und Niedermark sich keine Sorgen machen, denn der alte Ahorn dürfte mit Satzung sehr wahrscheinlich nicht gefällt werden. Die Stadt vertraut indes auf die Vernunft der Bürger. „In Bergkamen hat es sich gut bewährt, auf den Beratungsgedanken zu setzen“, sagt der Erste Beigeordnete Dr. Hans-Joachim Peters. Wenn man die Stadt mit anderen Kommunen vergleiche, sei Bergkamen sehr grün.

Statt einer Satzung gibt es in Bergkamen eine Baumschutz-Kommission, die die städtischen Bäume „mit Herzblut verteidigt“, sagt Peters. Wenn Anlieger sich über Bäume beschwerten, dann entscheide die Kommission individuell und versuche einen Kompromiss zu finden.

Den Schutz ihrer Bäume nimmt die Stadt offensichtlich ernst: Wenn ein städtischer Baum widerrechtlich gefällt wird, dann wird das strafrechtlich verfolgt. „Ein Baum ist so viel wert wie ein Haus. Und je älter der Baum wird, desto größer ist der Schaden“, sagt Peters. Es sei schon einmal jemand überführt worden, weil er einen Stadtbaum gefällt hat.

Streit unter Nachbarn vor Gericht: Das Opfer ist ein unschuldiger, alter Baum

Der Baum hat drei Stämme. Wenn nur einer der Stämme gefällt werden würde, dann würde der Baum auf ein Haus krachen. Über diese mögliche Lösung haben die Baumfäll-Gegner schon nachgedacht. © Marcel Drawe

Über eine Baumschutzsatzung wird aktuell nicht diskutiert

Eine Baumschutzsatzung wird es also – zumindest in naher Zukunft – nicht geben. Auch weil Peters´ Mitarbeiter sich gerade eher um die vom Eichenprozessionsspinner befallenen Bäume kümmern. Peters glaubt zudem nicht, dass Baumgegner sich von einer Satzung aufhalten ließen. Wenn jemand unbedingt einen Baum fällen wolle, dann nehme er auch ein Bußgeld in Kauf.

Zu den Baumschutzsatzungsgegnern gehörte vor über zehn Jahren auch Udo Bennemann – aus Angst davor, dass Eigentümer ihre Bäume, die wegen eines geringen Umfangs noch nicht davon betroffen wären, sie sicherheitshalber fällen. Doch er hat seine Meinung in den vergangenen Jahren geändert. „Mittlerweile glaube ich, dass eine Satzung an vielen Stellen helfen würde.“ Eine dieser Stellen ist wohl auch die, auf der der Silber-Ahorn noch steht. Ihn könnte eine entsprechende Satzung retten.

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