Auf der Fläche der Turmarkaden soll es auch Einzelhandel geben, aber nicht ausschließlich. Der Widerstand gegen die Pläne der Interra AG sorgt wohl dafür, dass sie ihr Konzept geändert hat.

Bergkamen

, 12.05.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Alexander Dold, der Geschäftsführer der Interra AG, teilte vor einigen Wochen eher beiläufig mit, dass das geplante neue Einkaufszentrum auf der Fläche der Turmarkaden nicht mehr „Bergkamen Galerie“ heißen soll. Der Chef der Gesellschaft, die das neue Einkaufszentrum entwickeln soll, wollte nur noch von einem „Hybridzentrum“ sprechen. Irgendwann sollte es auch noch einen passenden Namen bekommen.

Radikaler Wechsel bei der Konzeption für Turmarkaden-Nachfolger

Hinter den Kulissen war damit offenbar ein radikaler Wechsel der Konzeption verbunden. Statt eines Einkaufszentrums mit Geschäften wie H&M oder C&A, Gastronomie und einem Glasdach über dem zentralen Platz soll nur noch eine Art Discounter-Center geplant gewesen sein. „So wie das Nordberg-Center, nur dichter bebaut und höher“, bestätigte Bürgermeister Roland Schäfer auf Nachfrage.

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Das Glasdach und damit der Galerie-Charakter sollen in dem neuen Konzept gestrichen gewesen sein, ebenso wie die Tiefgarage. Stattdessen sollte das Center Parkplätze im Innenhof und auf einem Teil der Gebäude bekommen.

Einfluss habe die Stadt auf diese Pläne nicht nehmen können, sagte der Bürgermeister. „Wir können nicht bestimmen, was ein Investor wo ansiedelt, wenn es an dieser Stelle zulässig ist“, sagte Schäfer. Falls die Interra AG einen entsprechenden Bauantrag stellen würde, dann müsste ihn die Stadt genehmigen.

Die Abrissarbeiten auf dem Gelände laufen noch. Zurzeit werden die Betontrümmer zermahlen.

Die Abrissarbeiten auf dem Gelände laufen noch. Zurzeit werden die Betontrümmer zermahlen. © Stefan Milk

Kommunalpolitik zieht offenbar die Reißleine

Das ist für die Bergkamener Kommunalpolitik offenbar der Grund, die Reißleine zu ziehen und das soeben fertiggestellte Stadtmittekonzept „Bergkamen mittendrin“ der Anlass. Die Mehrheit im Stadtrat kündigte an, einen Bebauungsplan für die Turmarkaden-Fläche aufstellen zu wollen. Den Beschluss dazu will sie wohl schon in der Hauptausschusssitzung am 9. Juni fassen, wie Schäfer bestätigte.

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Das gäbe dem Stadtrat die Möglichkeit, gleichzeitig eine Veränderungssperre zu erlassen. Sie würden jede Veränderung auf der Fläche auf Eis legen, bis der Bebauungsplan rechtskräftig ist, der die Nutzung regeln soll.

Das Stadtmittekonzept „Bergkamen mittendrin“ sieht unterschiedliche Nutzungen für das etwa zweieinhalb Hektar große Gelände mitten in der Stadt vor – neben Einzelhandel auch einen Platz mit Gastronomie und barrierefreie Wohnungen.

Das Stadtmittekonzept „Bergkamen mittendrin“ sieht unterschiedliche Nutzungen für das etwa zweieinhalb Hektar große Gelände mitten in der Stadt vor – neben Einzelhandel auch einen Platz mit Gastronomie und barrierefreie Wohnungen. © Stefan Milk

Es soll Einzelhandel geben – aber nicht mehr so viel

Falls der Stadtrat die Vorschläge der „Planungsgruppe Stadtbüro“ aus dem Stadtmittekonzept umsetzt, heißt das jedoch nicht, dass es auf der Fläche keinen Einzelhandel mehr geben soll. „Er soll durchaus Teil der Nutzung auf der Fläche sein“, sagte Carsten Schäfer von der Planungsgruppe. Nur nicht in dem Maße, wie es derzeitig noch geplant ist.

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Nach den derzeitigen rechtlichen Voraussetzungen könnten auf der etwa zweieinhalb Hektar großen Fläche knapp 20.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche entstehen. Das Stadtmittekonzept sieht dagegen vor, einen Teil der Fläche auch für einen Platz zu nutzen, an dem sich Gastronomie ansiedeln soll.

Außerdem können sich die Planer auch Wohnungsbau auf der Fläche vorstellen. „Das Stadtfenster hat gezeigt, wie groß die Nachfrage nach barrierefreien Wohnungen in Bergkamen ist“ , sagte der Planer Schäfer. Das Gebäude, das die UKBS gegenüber vom Rathaus baut, ist noch nicht fertig. Trotzdem sind schon alle 30 Wohnungen vermietet.

Indiz für das neue Konzept des Investors ist die Bodenplatte, die noch nicht beseitigt ist. Dem Vernehmen nach ist eine eigentlich geplante Tiefgarage gestrichen. Stattdessen sollte es Parkplätze im Innenhof und Parkdecks auf einem Teil der Gebäude geben.

Indiz für das neue Konzept des Investors ist die Bodenplatte, die noch nicht beseitigt ist. Dem Vernehmen nach ist eine eigentlich geplante Tiefgarage gestrichen. Stattdessen sollte es Parkplätze im Innenhof und Parkdecks auf einem Teil der Gebäude geben. © Stefan Milk

Skepsis bei großflächigem Einzelhandel

Bei großflächigem Einzelhandel sind die Planer dagegen skeptisch.

Künstliche Stadtmitte
Doppelter Niedergang der ehemaligen City

  • Bei der Fläche, auf der die Turmarkaden standen, handelt es sich um die ehemalige Bergkamener City.
  • Sie wurde Anfang der 70er Jahre auf einer damals fast komplett unbebauten Fläche als künstliche Stadtmitte gebaut.
  • Den Standort wählten die Planer damals, weil es sich um den geografischen Mittelpunkt der 1966 neu gegründeten Stadt Bergkamen handelte.
  • Die City funktionierte aber nie richtig als Stadtmitte. Als Karstadt nach einigen Jahren auszog, begann der Niedergang.
  • Um das Jahr 2000 ließ der damalige Eigentümer einen großen Teil abreißen und die Turmarkaden bauen. Sie wurden 2002 mit Wal Mart als Ankermieter in Betrieb genommen.
  • Als die Metro Wal Mart kaufte und den Markt 2007 schloss, war auch der Niedergang der Turmarkaden besiegelt.

Schäfer wies darauf hin, dass die ehemalige City in den vergangenen 50 Jahren bereits mehrfach abgerissen und verändert wieder aufgebaut worden sei. „Das zeigt, dass großflächiger Einzelhandel an dieser Stelle wenig Chancen hat.“

Carsten Schäfer macht dafür auch die besondere Struktur der erst 1966 gegründeten Stadt Bergkamen verantwortlich. Die Bewohner der einzelnen Stadtteile würden immer noch in den gewachsenen Innenstädten in der Umgebung kaufen – und nicht in einem künstlichen Zentrum in der eigenen Stadt.

Hinzu kommt, dass Einzelhandelsgeschäfte durch den Online-Handel ohnehin immer mehr verdrängt werden.

Planverfahren würde zwei bis drei Jahre dauern

Bürgermeister Roland Schäfer geht davon aus, dass das Bauleitplanverfahren, um den Bebauungsplan aufzustellen, etwa zwei bis drei Jahre dauert. Die Planersocietät schlägt vor, sich für diese Zeit eine Zwischennnutzung für die Fläche zu überlegen, damit sie kein völlig negatives Image bekommt.

Was der Investor von diesen Überlegungen hält, ist noch nicht ganz klar. Interra-Geschäftsführer Alexander Dold ließ zwar versichern, dass er sich äußern will. Bisher meldete er sich aber noch nicht.

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