Ohne Handys und Tiefkühlpizza: Wie die Arbeit mit Holz Wertschätzung lehrt (+Video)

dzStadtmuseum

Im Stadtmuseum versetzt sich eine Gruppe Jugendlicher in alte Zeiten zurück. Sie kochen auf Feuer und bearbeiten Holz. Doch was sie erleben ist nicht altertümlich, sondern brandaktuell.

19.10.2019, 16:13 Uhr / Lesedauer: 2 min

Geduldig schnibbeln die Jugendlichen Möhren, Lauch und Paprika. Zum Mittagessen soll es Suppe geben und die müssen sie sich erst einmal verdienen. Während die einen konzentriert am Tisch sitzen, kommen andere Teilnehmer des Workshops aus dem Wald. Sie ziehen lange Äste hinter sich her. Daraus wollen sie ein Dreibein bauen, an dem sie den Topf über das Feuer hängen können – für die Suppe.

Der vierzehnjährige Erik sitzt währenddessen vor einem großen Lehmofen und kontrolliert das Feuer darin. Sobald der Ofen heiß genug ist, sollen darin Brötchen und später ein Apfelkuchen gebacken werden. „Das Warten ist cool, aber wenn man Hunger hat, schon etwas anstrengend“, gesteht Erik.

Die zehn Teilnehmer des Holzworkshops im Römerpark haben sich ihr Schicksal selber ausgesucht. Eine Woche lang verarbeiten sie Holz zu Löffeln, Schwertern oder Figuren. Doch auch das Feuermachen und Essen zubereiten gehört in der ersten Herbstwoche zu ihren Aufgaben.

„Für die Menschen damals war es selbstverständlich, sich selbst zu versorgen“, sagt Ludwika Gulka-Höll vom Stadtmuseum. Und genau das sollten die Kinder im Workshop „Altes Handwerk“, der zum dritten Mal angeboten wurde, lernen.

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Holz-Workshop: So ensteht eine Holzfigur

Durch Handarbeit das Selbstverständliche schätzen lernen

„Hier lernen sie die Wertigkeit der Dinge wieder kennen“, sagt Jörg Steinhauer. Der Holzbildhauer- und Schreinermeister bietet bundesweit Holzworkshops an – für Erwachsene oder Kinder. Es sei erstaunlich, wie konzentriert die Teilnehmer immer wieder arbeiten und sich einen ganzen Vormittag lang mit einem Stück Holz beschäftigen können.

Ohne Handys und Tiefkühlpizza: Wie die Arbeit mit Holz Wertschätzung lehrt (+Video)

Alexander arbeitet an einem Holzlöffel. © Marcel Drawe

Die Zeit, die sonst so schnell vergeht und die man sich mit Elektrogeräten so einfach vertreiben kann, läuft hier anders. „Ich habe hier noch kein Handy gesehen“, sagt Steinhauer. Verboten habe er die Geräte nicht, die Kinder haben sich nur voll auf das Projekt eingelassen – und offensichtlich Besseres zu tun.

In den Workshops von Steinhauer geht es nicht nur darum zu lernen, wie man Holz verarbeitet. Man erfährt laut Steinhauer auch Wertschätzung dessen, was man im Alltag als selbstverständlich erachtet. „Das ist ein großer Unterschied zur heutigen Zeit. Wir können uns alles bestellen, wenn wir Hunger haben. Hier müssen wir es erst zubereiten“, sagt Kjell.

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Eric, Jan und Johannes (v.l.) teilen einen Stamm mit einer Schrotsäge. Dabei ist Geduld gefragt. © Marcel Drawe

Demokratie schätzen, damit sie funktioniert

Jörg Steinhauer geht es ebenfalls darum, dass seine Schüler gemeinsam in Gruppen erleben, erfahren und lernen. Nur so funktioniere auch Demokratie. Menschen müssten immer wieder neu erleben, um den Wert der Dinge zu verstehen – auch wenn sie das Rad damit nicht neu erfinden: „‘Das haben wir schon immer so gemacht‘ reicht nicht aus. Man sollte es selber erfahren.“

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Johannes (l.) und Louis hoben Holz glatt, damit daraus später Figuren oder Holzlöffel entstehen können. © Marcel Drawe

Der Workshop, der sich rund um altertümliche Handarbeit dreht, ist also so aktuell wie nie – auch abgesehen davon, dass dort ganz im Sinne der Klimaschutzbewegung kein einziger Plastikteller oder- löffel zu sehen ist. Die Teilnehmer gehen zurück zu ihren Wurzeln, um die heutige Welt zu schätzen und besser zu verstehen.

Doch nicht nur das ist modern an der Arbeit mit Holz: Unperfekte und einzigartige Holzteile seien wieder begehrt, sagt Steinhauer. Möbelstücke und Holzfiguren wurden so lange perfektioniert, bis es nicht mehr perfekter ging. Nun seien deshalb wieder einzigartige Stücke gefragt.

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