Die Stadt bekommt ihre Energieschleuder Nummer eins – das Rathaus – mit den bisherigen Sanierungsmaßnahmen nicht in den Griff. Jetzt denkt sie als Alternative auch über einen Neubau nach.

Bergkamen

, 13.11.2018, 14:19 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn man den Worten von Baudezernent Dr. Hans-Joachim Peters Glauben schenkt, dann gibt es Zeiten im Jahr, in denn es kein Vergnügen ist, im Bergkamener Rathaus zu arbeiten. Der Bau ist in der ersten Hälfte der 70er Jahre entstanden, als Energiesparen für Architekten noch nichts war, dem sie große Beachtung schenkten. Entsprechend schlecht ist die Isolierung. „Die Fenster sind je nach Jahreszeit Kälte- und Wärmebrücken nach draußen“, sagt Peters. Teilweise seien die Metallrahmen im vergangenen Sommer so heiß gewesen, dass man fast Spiegeleier darauf braten konnte, berichtet der Dezernent. Teilweise habe sich das Thermometer in den Räumen der 40-Grad-Marke genähert.

Stadt will ihren Energiefresser Nummer eins bändigen

Der Energieausweis im Rathaus-Foyer zeigt: Das Bergkamener Rathaus liegt beim Energieverbrauch nicht im grünen Bereich. © Marcel Drawe

Sanierung im laufenden Betrieb unmöglich

Bisher hat sich die Stadt aber darauf beschränkt, nur solche Investitionen ins Energiesparen vorzunehmen, die keinen Eingriff in die Bausubstanz nötig machten – denn der würde teure Folgen haben. Unter anderem ist in dem Gebäude, wie vor gut 40 Jahren üblich – Asbest verbaut. Umbauten, bei denen der als krebserregend eingestufte Stoff freigesetzt würde, wären bei laufendem Betrieb nicht möglich. Das würde Mitarbeiter und Bürger, die ins Rathaus kommen, gefährden. Das ist einer der Gründe, warum die Stadt Fördermittel für die energetische Sanierung von öffentlichen Gebäuden zunächst in Schulen, Feuerwehrgerätehäuser und Sporthallen investiert hat.

Stadt will ihren Energiefresser Nummer eins bändigen

Das neue Rathaus könnte direkt westlich vom bisherigen Gebäude entstehen.

Umbau oder Abriss und Neubau

Auf Dauer kommt die Stadt aber auch nicht darum herum, über ihren Energiefresser Nummer eins – das Rathaus – nachzudenken. Dabei gibt es für Peters zwei Möglichkeiten – eine umfassende Sanierung oder einen kompletten Neubau des Gebäudes. Beides macht nach Peters´ Angaben ähnlich große Probleme. Auch bei einer Sanierung müsste die Stadt ihre Verwaltung für die Umbauphase komplett aus dem Rathaus auslagern. Das liegt zum einen daran, dass dort gesundheitsgefährdende Stoffe beseitigt werden müssen, aber auch am Umfang der notwendigen Maßnahmen. „Wir müssten das Gebäude auf den Rohbauzustand bringen“, sagt Peters. Die Stadt müsste ihre Verwaltung – ähnlich wie der Kreis Unna bei der Sanierung des Kreishauses vor einigen Jahren – für die Sanierungsphase an anderer Stelle unterbringen. Eine geeignete Immobilie gebe es aber in Bergkamen nicht, meint der Baudezernent. Die Stadtverwaltung könne nur in Mietcontainer auf einem großen asphaltierten Platz ziehen. Eine Lösung, die der Dezernent nicht für glücklich hält.

Stadt will ihren Energiefresser Nummer eins bändigen

Thomas Hartl, der Leiter Zentrale Dienste der Stadtverwaltung, zeigt den neuen Heizkreisverteiler der Heizungsanlage im Rathaus-Keller. © Marcel Drawe

Bauen am Friedhof

Die zweite Möglichkeit, die er sieht, ist ein Neubau, während der Betrieb im alten Rathaus weiterläuft. Das hätte nach seiner Ansicht auch den Vorteil, dass die Stadt den zusätzlichen Raumbedarf decken könnte, den sie eigentlich hat. „Das Bürgerbüro beispielsweise ist eigentlich schon zu klein“, erläutert der Dezernent. Das Rathaus hat bisher eine Netto-Fläche von knapp unter 10.000 Quadratmetern. Peters würde bei einem Neubau etwa 11.000 Quadratmeter einplanen.

Auch ein Neubau ist nicht nur wegen der Kosten allerdings nicht ganz unproblematisch. Das Rathaus soll seine Lage mit dem Busbahnhof vor der Tür und der Sparkassen-Hauptstelle und dem im Bau befindlichen „Stadtfenster“ eigentlich nicht verändern. Der Baudezernent kann sich deshalb vorstellen, das neue Rathaus direkt östlich des bisherigen Gebäudes in Richtung des ehemaligen Friedhofs zu bauen. Möglicherweise müsse dafür auch ein kleiner Streifen des Friedhofsgeländes in Anspruch genommen werden. Dort habe es aber nie Bestattungen gegeben, versicherte Peters. Der Friedhof soll ansonsten aber als Teil des innerstädtischen Freiraumkonzepts erhalten bleiben.

Der Baudezernent will die Alternativen im Detail aufbereiten und im kommenden Jahr zu Beratung in die Fachausschüsse und den Stadtrat einbringen. Die Entscheidung, ob das Rathaus saniert oder neu gebaut wird, muss der Stadtrat treffen.

Stadt will ihren Energiefresser Nummer eins bändigen

Die neue LED-Technik verbraucht erheblich weniger Energie als die alte Beleuchtung im Rathaus. © Marcel Drawe

Neue Heizung und LED-Licht

Die Stadt hat in den vergangenen Jahren bereits an einigen Stellen in ihrem Rathaus investiert, um den Energieverbrauch zu senken. Es hat bereits 2014 eine neue Heizungsanlage bekommen – mit Hocheffizienzpumpen im Heizkreisverteiler, einer neuen Wärmeübergabestation und einer programmierbaren Regelungsanlage. Mit ihrer Hilfe kann damit jeder einzelne Heizkreis nach Außentemperatur geregelt werden. Wie der soeben neu aufgelegte Energiebericht der Stadt zeigt, ist der Heizenergieverbrauch dadurch von über eine Million Kilowattstunden 2013/14 auf 737.000 Kilowattstunden 2017/18 gesunken. Hinzu kommt die neue LED-Beleuchtung, die in allen 142 Büroräumen des Rathauses installiert ist. Messungen über sechs Wochen in zwei nebeneinanderliegenden Musterräumen zeigten, dass für die Beleuchtung des Raumes mit LED in diesem Zeitraum nur 8,53 Kilowattstunden Strom notwendig waren und für die Beleuchtung des anderen Raums mit alter Technik 59,96 Kilowattstunden. Peters sieht die Investitionen in das alte Gebäude als gerechtfertigt an. Die LED-Beleuchtung habe sich durch die Kostenersparnis nach 8,3 Jahren amortisiert – und so lange dauere es sicherlich noch, bis das neue Rathaus fertig ist – falls sich der Stadtrat dafür entscheidet.

Aufzug für den Ratstrakt

  • Auch der Ratstrakt ist dringend sanierungsbedürftig.
  • Dabei spielen nicht nur energetische Gesichtspunkte eine Rolle.
  • Der Ratstrakt benötigt dringend neue Sanitäranlagen und ist alles andere als barrierefrei.
  • Unter anderem sei ein Aufzug zur Zuschauertribüne notwendig, sagt der Baudezernent.
  • Ausgerechnet der „Hort der Demokratie“ in Bergkamen sei nicht für alle Bürger zugänglich.
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