Auspacken, kontrollieren, wieder einpacken: Für Historikerin Ludwika Gulka-Höll ist die Ausstellung zum 75. Jahrestag des Bergwerkunglücks auf Kuckuck eine besondere Sache. Die Ausstellung wird nicht wie ursprünglich geplant im Stadtmuseum zu sehen sein, sondern in den Schaufenstern der Stadtbibliothek. © Marcel Drawe
Grubenunglück von 1946

Schaufenster-Ausstellung erinnert an das große Grubenunglück auf Kuckuck

Der 20. Februar 1946 begann wie jeder andere Tag zuvor. Der Krieg war vorbei, man schaute nach vorne. Doch am Abend war in Bergkamen nichts mehr wie zuvor. Eine Ausstellung erinnert an das große Grubenunglück.

Langsam und vorsichtig gleitet die Schere durch Pappe und Schutzfolie. Achtsam schält Historikerin Ludwika Gulka-Höll die Tafel auf ihrer Verpackung. „Das ist auch für mich völliges Neuland“, sagt die Mitarbeiterin des Stadtmuseums. Denn gezeigt werden die Tafeln, die zu der neuen Sonderausstellung gehören, nicht im Museum, sondern in den Fenstern der Stadtbibliothek. „Das ist völlig ungwohnt“, sagt Ludwika Gulka-Höll – und verrät, dass alles eigentlich ganz anders und viel größer geplant gewesen war. Doch Corona ließ nicht zu, was man zum 75. Jahrestag des Grubenunglücks auf Grimberg 3/4 eigentlich vorgehabt hatte.

405 Bergleute verloren ihr Leben und Bergkamen tief erschüttert

Auf Kuckuck, wie die Zeche damals im Volksmund genannt wurde, hatte es am 20. Februar 1946 das schwerste Grubenunglück Deutschlands gegeben. 405 Bergleute verloren ihr Leben, nur wenige konnten gerettet worden. Auch geborgen wurde kaum jemand. Bis heute liegen die Gebeine der Toten in der Tiefe des Schachtes.

Lange hatte man im Stadtmuseum auf die Ausstellung hingearbeitet. Zeitzeugen waren gesucht worden, Erinnerungsstücke wurden zusammengetragen, die Mitglieder des Bergbau-Geschichtskreises Haus Aden/Grimberg 3/4 halfen eifrig mit.

Doch statt Vitrinen mit Ausstellungsstücken und Fotos der damaligen Bergleute im Stadtmuseum gibt es nun Corona-bedingt nur neun Erklärtafeln – und die werden in die Schaufenster der Stadtbücherei am Stadtmarkt gehängt. Dort können die Besucher sie vor dem Virus geschützt an der freien Luft von außen betrachten und lesen.

Neun Text- und Bildtafeln im Schaufenster

„Es geht leider nicht anders“, bedauert Ludwika Gulka-Höll. Doch auch die neun Text-, Bild- und Erklärtafeln, die ab Samstag, 20. Februar, passend zum Jahrestag zu sehen sein werden, sind durchaus sehens- und lesenswert.

Auf drei dieser Tafeln gibt es ein Protokoll des Grubenunglücks. Es hält mit Uhrzeit fest, was am 20. Februar 1946 und den Tagen danach passierte. „Eine Kommission ermittelte damals, und Teile aus den Protokollen haben wir übernommen“, verrät Gulka-Höll.

Doch die Tafeln vermitteln auch Emotionen. Zitate von überlebenden Bergleuten wie Friedrich Hägerling oder Schachthauer Stockhecke sind zu lesen, auch Angehörige kommen zu Wort.

Es geht auch um die Familien

Den Familien der Bergleute sind auch gleich mehrere Tafeln gewidmet. „Man muss sich das vorstellen“, sagt Ludwika Gulka-Höll. „Der Krieg war vorbei. Viele arbeiteten auf Zeche, weil es dort gutes Geld und eine Extra-Ration an Lebensmitteln gab. Und plötzlich war der Familienvater nicht mehr da. Etliche Frauen standen ganz allein mit den Kindern da.“ Zwar wurde gesammelt, aber die Währungsreform nahm kurz darauf einen großen Teil des Kuchens wieder weg.

„Auch sonst hat dieses Unglück die Menschen geprägt. Junge Männer durften nicht mehr Bergleute werden“, weiß Gulka-Höll – und andere Zeitzeugen erzählten ihr, dass die Mütter den Töchtern verboten, einen Bergmann zu heiraten.

Unglück ist bis heute nicht aufgeklärt

Andere Tafeln befassen sich mit dem Unglück an sich, das bis heute nicht aufgeklärt ist. „Es gibt viele Spekulationen, die Aufarbeitung ist nicht abgeschlossen.“ Denn zur eigentlichen Unglücksstelle konnte damals niemand vordringen, heute wird sie als Friedhof unangetastet gelassen.“

Und natürlich geht es auch um Dinge, die aus dem Unglück gelernt wurden. Die letzte Tafel befasst sich mit dem Denkmal auf dem alten Friedhof am Südhang. Dort wird am Samstag, 20. Februar, wie in jedem Jahr von Knappenverein und Bürgermeister ein Kranz niedergelegt.

  • Erweitert werden die Schaufenster-Plakate durch eine digitale Ausstellung. Auf der Homepage des Stadtmuseums Bergkamen (www.stadtmuseum-bergkamen.de) und auf Facebook werden ab dem 20. Februar zwei Kurzfilme bereitgestellt.
  • Der erste Film zeigt anhand von zahlreichen Originalbildern und Erklärungen die Entstehung der Zeche Grimberg 3/4. Der zweite beschäftigt sich mit dem Grubenunglück und dessen Folgen. Für die Dreharbeiten wurden wichtige historische Orte in Bergkamen aufgesucht.
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