Risiko trifft Leidenschaft – Lena Ulrich (19) macht eine Ausbildung zur Landwirtin

dzNachwuchs

Landwirte haben es nicht immer leicht. Und doch hat sich Lena Ulrich für eine Ausbildung zur Landwirtin entschieden. Sie liebt ihren Beruf, blickt aber auch besorgt in die Zukunft.

Heil

, 12.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Behutsam fährt Lena Ulrich mit einem großen Rasierer über den Rücken einer Milchkuh. Denn nicht nur Schafe kommen ab und an unter die Klinge, sondern manchmal auch Kühe. Zum Beispiel, wenn sie verkauft werden, wie in diesem Fall.

Obwohl das Tier leicht nervös wirkt, ist Ulrich ganz gelassen. Und das scheint auf das Tier abzufärben. Es merkt offenbar, dass es in guten Händen ist, und beruhigt sich.

Die 19-jährige Lünenerin liebt es, mit Tieren zu arbeiten und das merkt man ihr an. Jeder Handgriff sitzt, ihre Bewegungen wirken routiniert. Das ist wohl auch damit zu erklären, dass Ulrich bereits seit August vergangenen Jahres auf dem Hof von Heinz-Dieter Kortenbruck in Heil arbeitet.

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Sie macht derzeit eine Ausbildung zur Landwirtin. Ihr letztes Ausbildungsjahr verbringt sie in Heil, wo nicht nur etwa 120 Kühe sondern auch zahlreiche Schweine untergebracht sind. Täglich kümmert sie sich um die Tiere, melkt und füttert sie. Auch den Schweinen stattet sie täglich einen Besuch ab und natürlich den jungen Kälbern, die lernen sollen, Milch aus einem Eimer zu trinken. Das braune, erst einen Tag alte Kalb will noch nicht so recht. Das wollen Kortenbruck und seine Auszubildende im Auge behalten.

Landwirte suchen Auszubildende und Nachwuchs

Kortenbruck ist auf die Unterstützung seines Lehrlings angewiesen. Neben ihm und Lena Ulrich arbeiten noch sein Sohn und ein Angestellter auf dem Hof. Auszubildende zu finden, sei nicht mehr so einfach wie früher, sagt Kortenbruck. „Wir suchen Azubis, wie alle andere Betriebe auch“, sagt er. In der Landwirtschaft ist es also nicht anders als etwa im Handwerk. Die Ansprüche seien schon gesunken, sagt Kortenbruck. „Zu meiner Zeit war das anders. Da musste man erstmal eine Stelle finden“, erinnert er sich.

Risiko trifft Leidenschaft – Lena Ulrich (19) macht eine Ausbildung zur Landwirtin

Lena Ulrich schert eine Kuh, die verkauft werden soll. © Stefan Milk

Es sei jedoch nicht so, dass die meisten Azubis Nachkommen von Landwirten sind – wie zum Beispiel Kortenbrucks Sohn. 50 Prozent des Nachwuchses seien Quereinsteiger – wie auch Lena Ulrich.

Sie war nach dem Abitur zunächst unentschlossen. Eigentlich hatte sie sich überlegt, Tierpflegerin zu werden und zum Beispiel in einem Zoo zu arbeiten. „Aber der Beruf ist offenbar sehr beliebt“, sagt sie. Sie fand keinen Ausbildungsplatz und entdeckte bei Ebay-Kleinanzeigen einen Sauenhof in Laer, der Unterstützung suchte. Eigentlich wollte sie dort nur Zeit überbrücken, startete dort dann aber schließlich ihre Ausbildung.

Ein eigener Bauernhof ist Lena Ulrich zu riskant

Zu der Zeit wohnte sie in Laer, was nicht unüblich ist. Landwirte müssen ihren Azubis eine Übernachtungsmöglichkeit bieten, denn nicht selten wohnen sie weiter weg. Das hat auch etwas damit zu tun, dass sie ihre Ausbildung auf unterschiedlichen Höfen absolvieren. Die Hauptbestandteile sind Ackerbau und Tierhaltung. Da bei ihrer ersten Station auch Pflanzenbau betrieben wurde, kann Lena Ulrich sich auf dem Hof von Bauer Kortenbruck nun voll und ganz den Tieren widmen.

Was genau sie später machen möchte, weiß sie noch nicht. Nach der Ausbildung möchte sie erstmal ein Auslandsjahr auf einem Hof in Schottland machen. Danach will sie vermutlich auf einem Hof als Angestellte arbeiten – denn ein eigener Hof bringt zu viele Unsicherheiten mit sich – und auch Büroarbeit. „Das ist gar nicht meins“, schmunzelt sie.

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Doch vor allem das Risiko ist ein Punkt über den sie und auch ihre Klassenkameraden sich Gedanken machen. „Eine Klassenkameradin überlegt, zusätzlich Geflügel auf den Hof zu holen, um ein zweites Standbein zu haben“, erzählt Ulrich.

Doch die Kosten für neue Ställe sind hoch und die Gesetzeslage für Landwirte unsicher. „Alle sagen, wir sollen etwas verbessern, aber wir wissen gar nicht, was wir machen dürfen“, sagt UIrich. Vergrößere man einen Stall für teures Geld, dann könne es irgendwann ein Gesetz geben, dass vorschreibt, dass der Stall doch zehn Zentimeter größer sein muss. Laut Ulrich wäre es schön, wenn Landwirte mehr Gewissheit und Sicherheit hätten. Dass sich darüber schon der Nachwuchs Gedanken macht, ist bezeichnend.

Kritik an Tierhaltung trifft auch die guten Landwirte

Das Problem mit den Risiken kennt aber auch Ulrichs Chef Kortenbruck zu gut. Baut oder kauft er heute etwas, dann könnte das in der Zukunft seinen Sohn finanziell belasten. „Ich weiß ja nicht, ob die Menschen in ein paar Jahren noch Milch trinken wollen“, sagt Kortenbruck. Von den niedrigen Milchpreisen, die aktuell in der Diskussion stehen und manche Milchbauern in Existenznöte bringen, ganz zu schweigen.

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Auch Kritik über schlechte Tierhaltung helfe den Bauern nicht. „In jeder Branche gibt es schwarze Schafe“, sagt Lena Ulrich. Dass durch einige Negativ-Fälle alle in ein schlechtes Licht gerückt werden, findet sie nicht richtig. Schließlich gibt es viele Landwirte, die dafür sorgen, dass es ihren Tieren gut geht.

Und dass es Bauern gibt, die ein Herz für Tiere haben, sieht man am Beispiel des Hofes Kortenbruck gut. Die Kühe stehen an der frischen Luft, haben automatische Drehbürsten, an denen sie sich massieren lassen können und sind von Menschen umgeben, die gerne mit ihnen arbeiten – wie Lena Ulrich. „Kühe sind gemütlich und lassen sich Zeit. Außerdem sind sie neugierig und stupsen einen gerne mal an. Es sind sehr angenehme Tiere.“

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