Die Mitarbeiter im Bergkamener Rathaus können frühestens in einigen Monaten ins Homeoffice. © Marcel Drawe
Meinung

Rathaus fällt als Vorbild für das Homeoffice aus

Die Rufe werden lauter, die Wirtschaft stärker zu Homeoffice-Regelungen zu zwingen. Viele Arbeitgeber verweigern sich. Verwaltungen wie das Bergkamener Rathaus liefern ihnen ein prima Alibi, meint unser Autor.

Für zahlreiche Arbeitnehmer ist das Arbeiten am heimischen Küchen- oder Schreibtisch in der Corona-Pandemie längst Alltag. Viele sind zuletzt wieder vom Büro ins Home-Office gewechselt, nachdem die Zahl der Infizierten stieg und ein neuer Lockdown kam. Aber offenbar geht da noch was.

Denn alle zur Verfügung stehenden Zahlen zeigen, dass derzeit deutlich weniger Menschen zu Hause arbeiten als noch im Frühjahr. Dabei ist die Corona-Lage viel dramatischer. Zu Recht wird kritisiert, dass Bund und Länder zwar für das Privatleben immer strengere Beschränkungen einführen, Gastronomie, Theater und Fitness-Studios schließen, es aber beim Rest der Wirtschaft bei schlichten Appellen belassen.

Stadtmitarbeiter gehen auch im Monat zehn ins Büro

Außerdem fehlen die Home-Office-Vorbilder in der öffentlichen Verwaltung. Im Bergkamener Rathaus jedenfalls gehen die Mitarbeiter auch im zehnten Monat der Pandemie noch immer ganz normal ins Büro. Man arbeite an einer Lösung für mobiles Arbeiten, sagt Bürgermeister Bernd Schäfer. Aber sie kommt wohl frühestens im zweiten Quartal.

Das ist ein bisschen spät. Bis dahin ist der aktuelle Lockdown hoffentlich vorbei. Nun muss man der Stadtverwaltung zugute halten, dass sie anders funktioniert als ein privates Unternehmen. Das bedeutet für den Bürger Rechtssicherheit, bringt aber auch Schwerfälligkeit mit sich.

Es war Zeit genug, eine Lösung zu finden

Dennoch wären etwas mehr Flexibilität und etwas Mut zum Experiment dringend notwendig. Es muss ja nicht gleich die perfekte Home-Office-Lösung sein. Und dass die Mitarbeiterin des Einwohnermeldeamtes sensible Daten nicht auf dem ungesicherten privaten Laptop verwalten sollte, kann jeder nachvollziehen.

Aber auch in der Stadtverwaltung gibt es sicherlich Bereiche, die sich von zu Hause aus erledigen lassen. Und eigentlich wäre Zeit genug gewesen, Lösungen zu finden, die die Arbeitnehmer vor unzumutbaren Umständen bewahren.

Dabei geht es nicht allein um die konkreten Abstandsregeln im Rathaus, es geht auch und vor allem um eine wichtige Symbolik und die Vorbildfunktion: So lange die Stadt das Thema mobiles Arbeiten auf die lange Bank schiebt, gibt sie all jenen Arbeitgebern ein Alibi, die ihren Mitarbeitern Homeoffice ermöglichen könnten, es aber nicht wollen.

Über den Autor
Redaktion Bergkamen
1967 in Ostwestfalen geboren und dort aufgewachsen. Nach Abstechern nach Schwaben, in den Harz und nach Sachsen im Ruhrgebiet gelandet. Erst Redakteur in Kamen, jetzt in Bergkamen. Fühlt sich in beiden Städten wohl.
Zur Autorenseite
Johannes Brüne
Lesen Sie jetzt