An der Preinschule gibt es Schüler, die den Unterricht massiv und dauerhaft stören. Die Oberadener Grundschule führt deshalb ein neues Regelsystem ein. Das ist umstritten.

Bergkamen

, 22.11.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für einen Zweitklässler muss es eine ausgesprochen unangenehme Erfahrung sein, vor eine fremde Klasse zu treten und zu sagen: „Ich war respektlos.“

Den Kindern aus der Preinschule in Oberaden droht das jetzt: zumindest, wenn sie den Unterricht dauerhaft stören und mehrere Ermahnungen der Lehrerin nicht gefruchtet haben.

Die Schule hat dieses „Ampel“ genannte Modell allerdings nicht aus der hohlen Hand eingeführt: „Zwei Klassenlehrerinnen aus der Jahrgangsstufe 2 haben es bei einer Fortbildung kennengelernt“, sagt die Schulleiterin Doris Lipke. Deshalb wolle die Schule es jetzt in ihren drei zweiten Klassen ausprobieren.

Massive Regelverstöße in der zweiten Klasse

Dort gibt es nach Lipkes Angaben einzelne Schüler, die den Unterricht und damit auch alle anderen Schüler massiv stören. „Wir haben schon zahlreiche Gespräche mit diesen Kinder und ihren Eltern geführt“, sagt Lipke. Aber das habe nicht viel gebracht.

Störer müssen vor der Nachbarklasse sagen: „Ich war respektlos“

Die Preinschule in Oberaden ist die erste Grundschule in Bergkamen, die das neue Disziplinar-System einführt. © Marcel Drawe

Deshalb soll jetzt die „Ampel“ Abhilfe schaffen: Die Lehrerinnen haben die Möglichkeit, die Störer mehrfach mit einem eindeutigen Signal zu ermahnen.

Hilft auch die letzte Ermahnung nicht, schreibt die Lehrerin den Namen des betreffenden Schülers an die Tafel uns macht einen Strich dahinter.

Bei drei Strichen muss das Kind in eine andere Klasse und sagen: „Ich war respektlos.“ Bei vier Strichen muss der Schüler seine Eltern anrufen und sagen, dass er eine Stunde nachsitzen muss. Und bei fünf Strichen müssen die Eltern ihr Kind von der Schule abholen.

Die Striche bleiben am nächsten Tag an der Tafel, um das Kind daran zu erinnern. Erhält es keinen weiteren Strich, werden sie am Ende der letzten Schulstunde von der Tafel gewischt.

Eltern kritisieren „Einladung zu Mobbing“

Lipke und die drei Klassenlehrerinnen haben die Eltern der Zweitklässler per Brief über das neue System informiert, der unserer Redaktion vorliegt. Das stieß nicht überall auf Verständnis. Es gibt Eltern, die finden, dass ihre Kinder „bloßgestellt“ werden sollen.

Das sei doch eine „Einladung zu Mobbing“, heißt es in einer Mail an unsere Redaktion. Auch beim Schulamt habe es Anrufe gegeben, sagt Lipke. „An mich direkt hat sich kein Elternteil gewandt.“

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Die Schulaufsicht hat keine Bedenken

Die Schulaufsicht bei der Bezirksregierung in Arnsberg ist über das neue Regelsystem an der Preinschule informiert, sagt Pressesprecher Christoph Söbbeler auf Nachfrage. Die Bezirksregierung müsse das nicht genehmigen, begleite die Schule aber durchaus dabei. Die Schule müsse das erst einmal ausprobieren, dann könne man weitersehen, so Söbbeler.

Störer müssen vor der Nachbarklasse sagen: „Ich war respektlos“

Das System ist nach der Ampel benannt: Rot bedeutet dabei: Bis hierher und nicht weiter. © dpa

Lipke betont, dass die betroffenen Schüler mindestens acht Mal die Möglichkeit haben, ihre Verhalten zu ändern, bevor sie in die Nachbarklasse müssen. Das sei gewissermaßen die letzte Möglichkeit, um zu verhindern, dass einzelne den Lernerfolg einer ganzen Klasse in Frage zu stellen.

„Die anderen Kinder empfinden die Ampel als gerecht“, heißt es in dem Schreiben an die Eltern. Sie könnten so störungsfreier lernen: „Dies steht ihnen gesetzlich zu.“

Schulleitung will kurzfristig Elternversammlungen einberufen

Gleichwohl hat die Schulleiterin anhand der Reaktionen festgestellt, dass ein Brief an die Eltern alleine nicht reicht, um die „Ampel“ zu erklären. Deshalb will sie jetzt in jeder zweiten Klasse kurzfristig Elternversammlungen einberufen, um die Mütter und Väter zu informieren.

Störer müssen vor der Nachbarklasse sagen: „Ich war respektlos“

Die Zahl der Striche an der Tafel entscheidet über die schwere der Sanktionen. © Foto: Peter Bandermann

Das so etwas hilfreich ist, bestätigt auch die Leiterin der Goethe-Grundschule in Bönen, Annegret Berg. Auch dort haben Lehrerinnen an einer entsprechenden Fortbildung teilgenommen und Berg hat erste Erfahrungen mit dem Regelsystem gesammelt.

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„Man muss die Eltern auf jeden Fall umfassend einbinden“, sagt sie dazu. Und die Goethe-Schule habe die „Ampel“ auch nicht eins zu eins übernommen: „Wir praktizieren eine abgespeckte Version“, sagt Berg. „Zum Beispiel verzichten wir auf das Nachsitzen.“

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