Pflegeberufegesetz: Eine reine Altenpflegeausbildung gibt es in Bergkamen bald nicht mehr

dzNicht nur Vorteile

Intensivere Betreuung und kein Schulgeld mehr: Die Ausbildung zur Pflegekraft scheint sich für Azubis deutlich zu verbessern. Doch dahinter steckt eine Menge Arbeit für die Ausbilder.

Bergkamen

, 16.09.2019, 15:49 Uhr / Lesedauer: 3 min

Günstiger, flexibler und mehr Möglichkeiten: Das neue Pflegeberufegesetz macht die Ausbildung zur Pflegekraft schmackhaft. Doch es gibt nicht nur Vorteile. Denn damit die Auszubildenden profitieren, müssen Pflegeschulen und Ausbildungsstätten Personal anstellen, Curricula anpassen und Verträge erneuern. Keine leichte Aufgabe. „Die Kosten steigen, aber die Qualität der Ausbildung wird höher sein“, sagt Jörg Becks, Geschäftsführer von TÜV Nord.

Im entsprechenden Fachseminar im Bergkamener Bildungszentrum wurden bisher nur Altenpflege-Azubis unterrichtet. Künftig lernen dort auch andere angehende Pflegekräfte. Die Schüler lernen gemeinsam – egal ob sie später im Altenheim oder im Krankenhaus arbeiten. Um den Auszubildenden gerecht zu werden, stockt der TÜV Nord auf. Bisher habe es für zwei Kurse eine hauptamtliche Lehrerin gegeben, bald werde es für jeden Kurs eine Vollzeitkraft gebe, erklärt Becks. „Die Teilnehmer werden intensiver betreut.“

Video
Neue Pflegeausbildung und Pflegeberufegesetz

Mehr Schulgeld und die Chance auf Arbeiten im Ausland

Die intensivere Betreuung ist nicht die einzige Veränderung für angehende Auszubildende im Pflegebereich. Sie sollen etwa kein Schulgeld mehr zahlen müssen und ihre Berufsqualifikation soll neuerdings in der EU anerkannt werden. „Junge Menschen könnten nach der Ausbildung zum Beispiel nach Spanien gehen“, sagt Becks.

Eine besonders große Veränderung – für Azubis wie auch für Schulen und Ausbildungsstätten – ist sicherlich die Tatsache, dass es eine Ausbildung für alle Pflegekräfte geben wird. Angehende Azubis müssen sie sich nicht mehr vor ihrer Bewerbung entscheiden, ob sie alte oder kranke Menschen pflegen möchten oder doch lieber mit Kindern arbeiten wollen.

Sie starten nämlich zunächst eine allgemeine Pflegeausbildung und können dann nach zwei Jahren einen Schwerpunkt wählen, erklärt Becks. Sie können entweder die generalistische Ausbildung fortsetzen oder einen gesonderten Abschluss in der Altenpflege oder Gesundheits- und Kinderkrankenpflege erwerben.

Los geht es aber erst im April 2020. Wer im Januar 2020 seine Ausbildung zum Altenpfleger anfängt, wird noch nach dem alten Modell ausgebildet, erklärt Karen Härtling, Leiterin der TÜV Nord-Bildungszentren Bergkamen und Recklinghausen.

Pflegeberufegesetz: Eine reine Altenpflegeausbildung gibt es in Bergkamen bald nicht mehr

Im Fachseminar Altenpflege des Bildungszentrums TÜV Nord lernten bisher angehende Altenpfleger. Künftig sind dort auch andere Pflege-Azubis willkommen. Jörg Becks, Geschäftsführer von TÜV Nord, Heike Heinz, Leiterin Fachseminar Altenpflege und Karen Härtling, Leiterin der Bildungszentren Bergkamen und Recklinghausen stellen sich auf die neue Ausbildung von Pflegekräften ein. © Stefan Milk Stefan Milk

Pflegeberufegesetz: Kleinere Seniorenheime stehen vor einer großen Herausforderung

„Wir öffnen uns und orientieren uns breiter“, sagt Becks über die Veränderungen für die Pflegeschule. „Für manche Einrichtungen wird es eine größere Umstellung sein.“ Denn auch Altenheime, die ausbilden, müssen gewährleisten, dass ihre Azubis auch andere Einrichtungen kennenlernen. Vor allem für kleinere Einrichtungen oder mobile Pflegedienste könne das zur Herausforderung werden. Sie brauchen Kooperationspartner, zu denen sie ihre Schüler schicken können – beispielsweise ein Krankenhaus.

Doch die Kooperationspartner, die ebenfalls Anforderungen erfüllen müssen, wollen erst einmal gefunden werden. Die TÜV Nord-Pflegeschule will laut Becks die Einrichtungen, mit denen sie zusammenarbeitet, unterstützen und ein Qualifizierungsnetzwerk einrichten. Darüber sollen sich die Einrichtungen vernetzen können. Einrichtungen, die Hilfe brauchen, können unter Tel. (02307) 20 86 43 Kontakt mit dem Fachseminar aufnehmen, so Becks.

Jetzt lesen


Hermann-Görlitz-Seniorenzentrum ist bereit für die neue Ausbildung

Eine Bergkamener Einrichtung, die gut vernetzt ist, und sich derzeit auf die neue Ausbildungsform vorbereitet, ist das Hermann-Görlitz-Seniorenzentrum. Einrichtungsleiter Ludger Moor und Pflegedienstleiterin Silke Naruhn sind für die Veränderungen in ihrer Einrichtung gewappnet. Derzeit würden Verträge umgeschrieben und die Stundenpläne für die künftigen Azubis umgeschrieben, erklärt Moor.

Außerdem hat er eine zusätzliche Praxisanleiterin eingestellt, die sich um den Nachwuchs kümmert. Eine solche Kraft, die nur für die Ausbildung da ist, habe es vorher nicht gegeben. „Die Azubis schätzen das sehr“, so Moor. Die neue Stelle soll nicht nur die Bedingungen für die Azubis aus dem eigenen Haus verbessern, sondern auch für jene, die zum Praxisteil ins Hermann-Görlitz-Zentrum kommen.

Pflegeberufegesetz: Eine reine Altenpflegeausbildung gibt es in Bergkamen bald nicht mehr

Der Einrichtungsleiter des Hermann-Görlitz-Seniorenzentrums Ludger-Manfred Moor und Pflegedienstleiterin Silke Naruhn sprechen viel über die Veränderungen die das neue Pflegeberufegesetz mit sich bringt. © Claudia Pott

Die Suche nach neuen Kooperationspartnern

Wer einen Azubi aufnimmt, muss eine Praxisanleitung vorweisen – und das ist nicht überall gegeben.

Nicht alles ist neu

Praxiseinsätze gab es schon vorher

  • Silke Naruhn ist Pflegedienstleiterin im Hermann-Görtlitz-Seniorenzentrum. Sie blickt gelassen auf die Änderungen in der Pflegeausbildung.
  • Schon jetzt gebe es Praxiseinsätze, künftig werden es aber mehr sein. Neu seien die Einsätze in Kinderkrankenpflegeeinrichtungen.
  • Naruhn lobt die neuen Inhalte und die Tatsache, dass Pflegekräfte zunächst gemeinsam ausgebildet werden und auch andere Bereiche kennenlernen, bevor sie sich für einen Zweig entscheiden. „Die Fachlichkeit wird gestärkt.“
  • Das Pflegeberufegesetz wurde im Juni 2017 verkündet. Einige Neuerungen sind bereits in Kraft getreten. Die neuen Pflegeausbildungen werden im Jahr 2020 beginnen.

Moor und Naruhn blicken besonders sorgevoll auf die Kinderkrankenpflege. Derzeit suchen sie nach Kooperationspartnern, zu denen sie ihre Azubis schicken können. Dass sie nicht nur mit Kinderkrankenhäusern, sondern auch mit Kitas, die schwerbehinderte Kindern betreuen, und Wohnheimen kooperieren dürfen, erleichtere die Suche, so Moor.

Wie Becks sieht auch er einen großen Vorteil in der intensiven Betreuung der Azubis. Doch es gibt nicht nur Vorteile. „Die Auszubildenden sind dann nur noch 52 Wochen bei uns. Vorher waren es deutlich mehr“, so Moor über die vielen Praxiseinheiten. Auch fürchtet er eine Konkurrenz durch Krankenhäuser, in denen die Azubis künftig mehr Zeit verbringen könnten. „Ich habe die Befürchtung, dass sich manche junge Menschen fürs Krankenhaus entscheiden.“

Ob die neue Pflegeausbildung den Seniorenheimen zugute kommen wird und mehr Pflegekräfte generiert, sich also noch zeigen.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Bergkamener Straße/Nordring

Anwohner verärgert: Gelbe Mülltonnen bleiben wegen Straßen-Großbaustelle ungeleert

Meistgelesen