Anwohner der Industriegebiete an der Erich-Ollenhauer-Straße sollen vorerst kein Blattgemüse aus dem eigenen Garten essen. Es könnte PCB enthalten. Es gibt auch schon eine Vermutung, woher die Belastung kommt.

Bergkamen

, 17.08.2020, 16:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Droht Bergkamen ein PCB-Skandal wie in Ennepetal? Dort rieselten weiße Flöckchen vom Himmel. Doch es war kein Schnee, sondern PCB. Verantwortlich für die Absonderung des Stoffes war ein Silikon-Hersteller namens BIW.

Das hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) herausgefunden, nachdem Anwohner Pröbchen der Flocken eingeschickt hatten, erklärt die Pressesprecherin Birgit Kaiser de Garcia. Nach dem Fall habe das LANUV die Umgebung sämtlicher ähnlicher Betriebe in NRW untersucht – und hier kommt Bergkamen ins Spiel.

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Das LANUV hat im Auftrag der Bezirksregierung Arnsberg Löwenzahn im Umfeld der Industriegebiete nördlich der Erich-Ollenhauer-Straße auf eine Belastung hin untersucht und tatsächlich erhöhte PCB-Werte in einigen der Löwenzahnproben festgestellt. Und es gibt auch schon eine starke Vermutung, woher die Belastung kommt.

Es gibt einen möglichen Verursacher für die PCB-Werte in Bergkamen

Laut Christoph Söbbeler, Sprecher der Bezirksregierung Arnsberg handelt es sich um die Firma „M&R Recycling Solution“, die Elektro-Altgeräte verwertet. Die Bezirksregierung habe bereits mit dem Unternehmen Kontakt aufgenommen und man diskutiere über Strategien, wie man den Austragen zurückfahren bzw. reduzieren könne. Da bei einem solchen Unternehmen eine Belastung von Vornherein nie ausgeschlossen werden könne, sei die Vermutung nicht unbegründet, dass die Belastung des Löwenzahns dort ihren Ursprung hat.

Die Bezirksregierung Arnsberg vermutet, dass die Firma „M&R Recycling Solution“ hinter den PCB-belasteten Löwenzahn-Pflanzen steckt. Gemeinsam mit dem Unternehmen will man nun herausfinden, wie man den Ausstoß verringern bzw. verhindern kann.

Die Bezirksregierung Arnsberg vermutet, dass die Firma „M&R Recycling Solution“ hinter den PCB-belasteten Löwenzahn-Pflanzen steckt. Gemeinsam mit dem Unternehmen will man nun herausfinden, wie man den Ausstoß verringern bzw. verhindern kann. © Stefan Milk

Doch nicht nur das Unternehmen wurde von der Bezirksregierung kontaktiert, sondern auch Anwohner, die betroffen sind. Für sie veröffentlichte die Bezirksregierung am Montagmittag in einer Pressemitteilung eine Verzehrempfehlung. Den Anwohnern wird geraten, auf den Verzehr von selbst angebautem Blattgemüse zu verzichten.

Angst vor PCB: Noch stehen die Untersuchungen am Anfang

Betroffen ist die Gegend nördlich der Fritz-Husemann-Straße im Bereich Buchenweg, Nußbaumweg, Zum Großen Holz, Körnerstraße und einem Teilabschnitt Gartensiedlung sowie nördlich und südlich der Erich-Ollenhauer-Straße im Bereich östlich der Einmündung Binsenheide (Siehe Karte).

Anwohner in den markierten Bereichen sollen auf den Verzehr von selbst angebautem Blattgemüse verzichten. Experten des LANUV haben analysiert, wo möglicherweise eine PCB-Belastung vorliegen könnte. Betroffen sind die Gebiete nördlich der Fritz-Husemann-Straße im Bereich Buchenweg, Nußbaumweg, Zum Großen Holz, Körnerstraße und einem Teilabschnitt Gartensiedlung sowie nördlich und südlich der Erich-Ollenhauer-Straße im Bereich östlich der Einmündung Binsenheide.

Anwohner in den markierten Bereichen sollen auf den Verzehr von selbst angebautem Blattgemüse verzichten. Experten des LANUV haben analysiert, wo möglicherweise eine PCB-Belastung vorliegen könnte. Betroffen sind die Gebiete nördlich der Fritz-Husemann-Straße im Bereich Buchenweg, Nußbaumweg, Zum Großen Holz, Körnerstraße und einem Teilabschnitt Gartensiedlung sowie nördlich und südlich der Erich-Ollenhauer-Straße im Bereich östlich der Einmündung Binsenheide. © Bezirksregierung Arnsberg

Ein Grund zur Sorge soll das aber noch nicht sein. Denn es fehlen noch Analyseergebnisse und es ist noch nicht klar, ob das Gemüse bzw. die Luft wirklich belastet ist. „Die Untersuchungen des Löwnzahns sind nur erste Momentaufnahmen“, sagt Kaiser de Garcia. Und Christoph Söbbeler, Sprecher der Bezirksregierung Arnsberg, spricht von einer prophylaktischen Maßnahme. Man wolle auf Nummer Sicher gehen, bis weitere Informationen vorliegen.

LANUV testet mit Grünkohl, ob die Luft mit PCB belastet ist

Doch bis Klarheit herrscht, müssen sich die Experten und auch die Hobbygärtner gedulden. Denn laut Kaiser de Garcia wird es erst im Frühjahr kommenden Jahres konkrete Erkenntnisse geben. Der Grund für die Dauer ist schnell erklärt: Die Untersuchungsobjekte müssen erstmal wachsen.

Der LANUV wird Grünkohlpflanzen im Bereich der betroffenen Bereiche der Stadt ausbringen und dann testen, ob die Pflanzen mit dem krebserregenden Stoff PCB belastet sind. In der nächsten Zeit werden Container mit den Pflanzen aufgestellt.

Das ist ein standardisiertes Verfahren, wie Kaiser de Garcia erklärt: Grünkohlblätter haben eine große Oberfläche und eine Wachsschicht, über die PCB-Stoffe gut in die Pflanze eindringen können, weil sie fettlöslich sind.

Die Erde, in der der Grünkohl wachsen wird, ist gereinigt, sodass über die Wurzeln keine Schadstoffe aufgenommen werden können. „Sie nehmen alles über die Luft auf“, sagt die LANUV-Sprecherin. Falls also PCB gemessen wird, dann kommt der Stoff definitiv aus der Bergkamener Luft.

Einige Anwohner des im Umfeld der Industriegebiete nördlich der Erich-Ollenhauer-Straße sollen auf den Verzehr von selbst angebautem Blattgemüse verzichten bis klar ist, ob die Luft dort tatsächlich belastet ist.

Einige Anwohner des im Umfeld der Industriegebiete nördlich der Erich-Ollenhauer-Straße sollen auf den Verzehr von selbst angebautem Blattgemüse verzichten bis klar ist, ob die Luft dort tatsächlich belastet ist. © dpa (Symbolfoto)

Gefährdete Bereiche wurden von Experten eingegrenzt

Doch bis Klarheit herrscht, wird noch Zeit ins Land streichen und bis dahin sollen die Anwohner der Gebiete kein selbst angebautes Blattgemüse essen – konkret ist das Grünkohl, Mangold, Spinat, Pflücksalat, Feldsalat, Rucola, Rübstiel, Staudensellerie, Kräuter und weitere Gemüsesorten, von denen die Blätter verzehrt werden.

Woher übrigens genau die zwei Bereiche kommen, für die die Bezirksregierung Arnsberg die Warnung ausgesprochen hat, kann Kaiser de Garcia erklären. „Wir gucken, wo es möglicherweise auftreten kann und beachten dabei, wo die Firmen stehen und wie die Windrichtung ist“, erklärt die LANUV-Sprecherin. Ebenfalls werde beachtet, wo überhaupt solches Gemüse angebaut wird. „Wo nur Häuser stehen, machen wir uns keine Sorgen.“

PCB

KREBSERREGEND UND TEIL DES „DRECKIGEN DUTZENDS“

  • Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind Chlorverbindungen, von denen schon seit Jahren bekannt ist, dass sie giftig und krebsauslösend sind.
  • Sie wurden unter anderem wegen ihrer nicht brennbaren Eigenschaften bis in die 80er Jahre in Transformatoren, Kondensatoren und als Hydraulikflüssigkeit verwendet – unter anderem im Bergbau.
  • Sie kamen außerdem als Weichmacher in Lacken, Dichtungsmassen oder Isoliermitteln zum Einsatz.
  • Die PCB zählen zu den als „dreckiges Dutzend“ bekannten organischen Giften, die durch das Stockholmer Abkommen von 2001 weltweit verboten sind.
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