Essbares Füllmaterial: Wie eine Verpackungsfirma in Zeiten des Klimawandels wächst

dzPaul Hildebrandt AG

Die Paul Hildebrandt AG zieht Ende nächsten Jahres nach Bergkamen, wenn mit dem Bau alles glatt läuft. Die Verpackungsfirma braucht mehr Platz, denn das Geschäft wächst – trotz Klimawandel.

Bergkamen

, 08.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Obst und Gemüse werden mittlerweile nur noch selten in dünnen Plastiktütchen zur Kasse getragen. Immer mehr Kunden haben ein spezielles Netz dabei, das sie immer wieder verwenden können, andere greifen zur Papiertüte. Die liegen in einigen Obst-und Gemüseabteilungen bereit. Sie sind bunt bedruckt und weisen darauf hin, dass sie nicht umweltschädlich sind.

Dass die bunten Farben auf den Papiertüten aber alles andere als umwelt- und klimafreundlich ist, weiß eine Frau, die es wissen muss. Dunja Faust ist die Niederlassungsleiterin der Paul Hildebrandt AG in Bönen – und bald in Bergkamen. Das Unternehmen baut gerade einen neuen Standort an der Industriestraße auf. Wahrscheinlich schon Ende des kommenden Jahres wird es in seinen neuen Hallen Verpackungen herstellen und diese von Bergkamen aus an seine Kunden verschicken.

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Die Firma kommt den Wünschen ihrer Kunden nach und produziert auch nachhaltige Verpackungen. Die Zahl der Möglichkeiten ist laut Dunja Faust groß. Zum Beispiel gibt es mittlerweile Graskartons, die aus Papier mit einer Mischung aus bis zu 40 Prozent Grasfaser und Recyclingpapier bestehen. Die Grasfasern stammen laut Faust von landwirtschaftlich ungenutzten Grünflächen und tragen als schnell nachwachsender Rohstoff zur Schonung der

Ressource Wald bei.

Als Füllmaterial können sich Kunden für Bioflocken aus Maisstärke entscheiden. „Die hat ein Kunde sogar gegessen“, sagt Faust. Die Flocken können die verpackte Ware polstern und so Luftpolster mit Plastikhülle ersetzten – wobei es auch die schon mit Biosiegel gibt.

“Wir sind Verpackungsberater“, sagt Faust. Doch es gibt unter den Kunden Unterschiede: Manche wollen nur zeigen, dass sie sich für den Umweltschutz einsetzen und schwimmen nur auf der Welle mit. Andere setzen sich wirklich dafür ein und greifen dafür auch tiefer in die Tasche. Denn „Umweltschutz kostet“, sagt Faust. „Man muss bereit sein, zu investieren.“

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Katzen mögen bekanntlich Pappkartons und Papier, in das sie reinbeißen können. Mittlerweile gibt es auch umweltfreundliche Kartons, in denen Gras enthalten ist. Den Katzen dürfte das egal sein. © picture alliance/dpa

Die Verpackung selbst kann nichts dafür, dass sie im Meer landet

Die Paul Hildebrandt AG befasst sich intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit, denn die Kunden haben in Zeiten des Klimawandels andere Anforderungen und Wünsche. Doch auch mit Kritik muss Faust sich schon einmal befassen. So habe ein Kunde sich darüber beschwert, dass die Verpackung ihrer Firma beim Verschiffen nach Asien im Meer landen können. Dass der Kunde aber selbst schuld daran ist und er seine Ware auch auf umweltfreundlicheren Wegen transportieren könnte, war ihm nicht klar.

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Die Firma, die am Donnerstag ihren ersten Spatenstich in Bergkamen zelebrierte, versucht jedenfalls ihren Kunden Möglichkeiten bieten, Waren nachhaltig zu verpacken. Und nicht nur die Verpackungen können nachhaltiger werden. Auch für Klebestreifen, die noch meist aus PVC oder PP (Polypropylen) bestehen, gibt es Varianten aus Papier und Lieferscheine müssen freilich auch nicht in einer Plastiktasche auf dem Paket kleben. Lieferscheintaschen gebe es mittlerweile ebenfalls aus Papier – nicht mehr in rot, sondern passend zum Umweltschutz in grün.

Möglich ist also viel, doch es kommt am Ende auf die Kunden der Verpackungsfirma an.

Essbares Füllmaterial: Wie eine Verpackungsfirma in Zeiten des Klimawandels wächst

Die Verpackungsfirma Paul Hildebrandt baut derzeit einen neuen Sitz in Bergkamen, direkt neben der Firma Bulten. Einziehen will sie Ende 2020. © Stefan Milk

Papiertüten für Obst sind nicht so umweltfreundlich wie sie scheinen

Dunja Faust sieht beide Seiten der Medaille – und sie sieht auch, wie die vermeintlich umweltfreundlichen, bunt bedruckten Papiertüten hergestellt werden. Sie bestehen aus reinem Holz, damit sie stabil sind. Je öfter Holz nämlich recycelt wird, desto dünner werden die Fasern. Und da eine Papiertüte einige Äpfel aushalten muss, verwendet man echtes Holz. Hinzu kommt, dass beim Bedrucken viele Schlacken entstehen. „Man muss beide Seiten sehen“, sagt Faust.

Wer also wirklich etwas für die Umwelt tun möchte, kauft sich ein Netz und verwendet es immer wieder. Denn dem Klima und der Natur nützt es freilich nichts, wenn auf einer Tüte steht, dass sie nachhaltig ist – und es in Wahrheit nicht ist.

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