Notstand bei den Wohnungen für Behinderte und Senioren

dzBarrierefreies Wohnen

Wer in Bergkamen eine bezahlbare, barrierefreie Wohnung benötigt, der sucht oft vergebens. Die Sozialdezernentin will das Dilemma ins Bewusstsein rücken und eine Art Notstand ausrufen.

Bergkamen

, 04.10.2019, 16:57 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als ein Oberadener Ende 2014 eine bezahlbare, barreirefreie Wohnung in Bergkamen oder der Umgebung suchte, wurde er nach einiger Zeit fündig. Der Mann, der nach mehreren Herzinfarkten auf eine Wohnung ohne Hindernisse angewiesen war, fand sie in Plauen, Sachsen – viele hundert Kilometer von seiner gewohnten Umgebung, Verwandten und Freunden entfernt.

Mittlerweile sind zwar fast fünf Jahre vergangen. Die Situation hat sich aber kaum gebessert. Wer den Entwurf des neuen Pflegebedarfsplans des Kreises Unna studiert, mit dem sich der Kreistag in der kommenden Woche beschäftigt, stößt dort beispielsweise auf die Statistik „Service-Wohnungen“. Das sind seniorengerechte, barrierefreie Wohnungen, bei denen die Bewohner Serviceleistungen zubuchen können, um weiter in der eigenen Wohnung leben zu können. Das kann ein Hausmeister-Service sein, ein Notrufsystem oder jemand, der das Essen kocht und serviert.

Notstand bei den Wohnungen für Behinderte und Senioren

In Bergkamen gibt es auch viel zu wenige Service-Wohnungen. Das sind Wohnungen, in denen Senioren beispielsweise das Essen, Hausmeistertätigkeiten oder einen Notruf als Dienstleistung zubuchen können. © picture-alliance/ gms

Viel zu wenig Service-Wohnungen

Laut Kreis-Statistik gibt es zurzeit 124 solcher Wohnungen in Bergkamen. 26 weitere sind geplant oder schon im Bau. Das reicht bei weitem nicht, um den Bedarf zu decken. Der Kreis Unna geht davon aus, dass bei etwa vier Prozent der Menschen über 65 Jahre Bedarf an einer solchen Wohnung besteht. In Bergkamen liegt diese Quote zurzeit aber nur bei 1,3 Prozent, der drittniedrigsten im Kreis Unna. Um den errechneten Bedarf im Jahr 2022, also in etwa drei Jahren, zu decken wären bei dann etwa 10.300 Menschen über 65 in Bergkamen rechnerisch 413 solcher Wohnungen erforderlich. 289 fehlen – kaum denkbar, dass sie in dieser kurzen Zeit noch gebaut werden.

Problem bei allen barrierefreien Wohnungen

Nach den Erkenntnissen von Sozialdezernentin Christine Busch gibt es dieses Problem aber nicht nur bei den Service-Wohnungen, sondern bei seniorengerechten, barrierefreien Wohnungen allgemein. Das ist ein Problem, das nicht nur die Älteren betrifft: Jüngere Bergkamener haben oft das Problem, dass sie keine passende Wohnung für die Eltern in der Nähe finden.

Busch hat zwar festgestellt, dass die kommunalen Wohnungsgesellschaften wie die UKBS dabei sind, ihren Wohnungsbestand umzurüsten und bei Neubauten an die Barrierefreiheit zu denken.

Notstand bei den Wohnungen für Behinderte und Senioren

In den Wohnungen sind Türen oft zu klein oder Schwellen machen es für Gehbehinderte schwer, sich eigenständig zu bewegen. © picture alliance/dpa

Bei vielen Wohnungen können Hindernisse nicht beseitigt werden

Das ist aber bei den anderen großen Vermietern keineswegs immer der Fall. Oft fehlen die Bemühungen, den Wohnungsbestand, wo möglich, barrierefrei umzubauen. Hinzu kommt, dass ein großer Teil der Wohngebäude in Bergkamen schon recht alt ist und sich häufig kaum barrierefrei umbauen lässt.

Die Sozialdezernentin setzt darauf, dass der Altenhilfeplan, an dem die Stadt selbst arbeitet, den einen oder anderen Denkanstoß gibt. Denn auch bei Neubaugebieten ist es noch immer nicht selbstverständlich, dass dort auch Häuser mit barrierefreien Wohnungen für Senioren und behinderte Menschen geplant werden – oder für Jüngere, die in der Wohnung alt werden wollen.

Notstand bei den Wohnungen für Behinderte und Senioren

Um Barrierefreiheit geht es nicht nur beim Wohnen. Auch das Einsteigen in den Bus beispielsweise kann für Menschen mit Behinderungen schwierig sein. © Stefan Milk

Altenhilfeplan soll Bewusstsein für alle Barrieren schärfen

Busch hofft, dass der Altenhilfeplan eine ähnliche Wirkung entfalten könnte wie der Klimanotstand, den die Stadt ausgerufen hat. Sie möchte, dass das Problem automatisch bei allen Planungen in den Blickpunkt rückt – übrigens nicht nur bei der Stadtplanung und dem Wohnungsbau. „Das betrifft alles – vom neuen EDV-Programm bis zum Ausbau von Straßen“, sagt sie. Barrieren gibt es für Senioren und Menschen mit Behinderung nicht nur in der eigenen Wohnung und auf dem Weg dorthin.

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