Neuer Bayer-Chef Dieter Heinz will den Balance-Akt schaffen

dzBergkamener Chemiewerk

Etabliertes behalten, sich aber nicht darauf abstützen, sondern neue Wege gehen: Mit dieser Strategie will der neue Bergkamener Bayer-Chef Dr. Dieter Heinz das Werk in die Zukunft führen.

Bergkamen

, 26.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein großer weißer Fleck auf der Karte war Bergkamen für Dr. Dieter Heinz nicht, als der neue Bayer-Werksleiter zum 1. Mai seine Stelle antrat. „Bergkamen ist ein großes Werk, das man im Bayer-Netzwerk durchaus kennt. Ich war auch ein-, zweimal zu Besuch hier“, erklärt der neue Chef der rund 1700 Bayer-Beschäftigten in Bergkamen. Dennoch gab es Dinge, die den 51-Jährigen überraschten.

Zur Person

Seit 1. Mai im Dienst

  • Dr. Dieter Heinz leitet den Bayer-Standort Bergkamen, zu dem auch ein Produktionsbetrieb in Berlin gehört.
  • Er folgte auf Dr. Timo Fleßner, der nach mehr als drei Jahren in dieser Funktion als Standortleiter innerhalb des Konzerns nach Wuppertal gewechselt ist.
  • Die wissenschaftliche Karriere von Dr. Dieter Heinz begann mit einem Studium des Chemieingenieurwesens und der Promotion an der RWTH Aachen.
  • Ein Studienaufenthalt im Bereich Chemical Engineering führte ihn an die University of Texas in Austin (USA).
  • Nach dem Einstieg bei Bayer übernahm er ab 1998 verschiedene Aufgaben im Bereich Ingenieurtechnik & Technologie – einschließlich eines vierjährigen Aufenthaltes in Shanghai (China).
  • Anschließend arbeitete Heinz in leitenden Positionen in der Division Pflanzenschutz mit den Schwerpunkten Wirkstoffproduktion, Prozessoptimierung sowie Lieferketten und Logistik.
  • Zum Jahresbeginn wechselte er in die Pharma-Division.

Corona macht viele Pläne zunichte

„Als die Ankündigung meiner Person Mitte März erfolgte, hatte ich mich eigentlich sofort allen nach und nach vorstellen wollen“, erklärt Heinz, doch corona-bedingt war das nicht möglich. „Zu diesen Zeiten neu einzusteigen, das war schon besonders“, gibt der vierfache Vater zu und gesteht auch ein, überrascht zu sein, „wie toll und problemlos die Einarbeitung geklappt hat. Vor allem aber: wie gut wir durch diese Zeit gekommen sind.“

Vor allem Letzteres schreibt Dieter Heinz den Leuten zu, die im Bergkamener Werk arbeiten: Ein Produktionsumfeld wie Bergkamen habe immer die Gesinnung „Wir bekommen das schon hin“, erklärt Heinz. „Pünktlichkeit und das Abliefern von Qualität sind typische Charakterzüge. Doch hier gibt es auch noch ein hohes Maß an Flexibilität und Offenheit für Neues. Es herrscht eine positive Grundeinstellung.“

„Wir wollen uns weiterentwickeln, aber nicht alle drei Jahre das Ruder herumreißen.“
Dr. Dieter Heinz, Werksleiter am Bayer-Standort Bergkamen

Werk Bergkamen ist keine Wagenburg

Der Sohn von Südwestfalen, der im Rheinland aufwuchs, in Düsseldorf und Aachen studierte und lange in Köln und Leverkusen lebte, nennt sich mit Fug und Recht Nordrhein-Westfale, auch wenn er zeitweise in den USA sowie China studierte und arbeitete und so auch andere Kulturen kennenlernte. Doch die „offene, inklusive und pragmatische Art“ der Menschen hier läge ihm sehr. „Das Bergkamener Werk hat eine bewegte Historie, ist aber keine Wagenburg. Wer hier mit anpackt, ist willkommen, egal, wo er her kommt“, beschreibt Dieter Heinz, schnell eine Nähe zum Werk und den Kollegen gefühlt zu haben.

Und das gibt ihm Rückenwind für alles, was er vor hat: „Bergkamen hat in der Bayer-Welt einen guten Ruf - und ich habe das alles bestätigt bekommen“, sagt der Chef über seinen neuen Arbeitsplatz. „Es ist komplex und schwierig, was wir hier machen. Aber es gibt eine sehr hohe Expertise, sowohl beim Erfolg als auch vom Know how“ - und darauf will Heinz weiter bauen. Die Corona-Krise spiele ihm dabei sogar in die Karten.

In der Production Unit E (PUE) wird gerade technisch aufgerüstet, um neue Wirkstoffe aufnehmen zu können. Zu den Aufgaben der Chemikanten wie Nikolai Altergott gehört die Kontrolle der Zentrifuge.

In der Production Unit E (PUE) wird gerade technisch aufgerüstet, um neue Wirkstoffe aufnehmen zu können. Zu den Aufgaben der Chemikanten wie Nikolai Altergott gehört die Kontrolle der Zentrifuge. © Rene Siciliano

Verlässlichkeit und Know how als große Chance

„Es ist vielen plötzlich bewusst geworden, was Medikamentenmangel und Produktion im Ausland bedeutet“, sagt Heinz - und Bergkamen sowie Wuppertal seien zwei Wirkstoffe produzierende Standorte in Deutschland. „Das bedeutet Verlässlichkeit, dass Lieferketten eingehalten werden können“, betont Heinz, auch wenn Patente auf die Produkte längst ausgelaufen seien.

Auch deshalb müsse der Bergkamener Bayer-Standort der Zukunft einen Balance-Akt überstehen. „Das Etablierte ist wichtig, wird dürfen uns aber nicht darauf abstützen, sondern neue Produkte hinzunehmen.“ Daran arbeite man schon, die neue Netzwerkstrategie der Wirkstoffentwicklung laufe - doch so ein Prozess dauere auch lange.

„Wir wollen das Fundament dafür optimieren, flexibel und schnell Produkte aufnehmen können“, benennt Dieter Heinz das erklärte Ziel. Man wolle auch stärker an der Entwicklung außerhalb der eigenen Firma teilnehmen, Dinge übernehmen und ins Portfolio eingliedern. „Das ist dann plötzlich ein Technologie-Thema“, erklärt Heinz, „aber auch eins der Kultur.“ Und vor allem Letzteres wäre die Herausforderung, für die er aber bei der im Bergkamener Werk herrschenden Gesinnung die richtigen Voraussetzungen sieht.

Eins betont Dieter Heinz besonders: „Wir wollen uns weiterentwickeln, aber nicht alle drei Jahre das Ruder herumreißen.“ So wären die Ziele nicht im Sprint zu erreichen, sondern es sei ein Marathon - und das in der schnell-lebigen Pharma-Welt.

Derzeit entsteht auf dem Bayer-Gelände eine neue Destillationsanlage für Lösemittel, die sparsamer arbeitet und die Entwicklung effizienter macht.

Derzeit entsteht auf dem Bayer-Gelände eine neue Destillationsanlage für Lösemittel, die sparsamer arbeitet und die Entwicklung effizienter macht. © Rene Siciliano

Bis 2030 klimaneutrale Produktion und viele Investitionen

Bis 2030 will Bayer darüber hinaus Klima- und CO2-neutral produzieren - auch das ein ehrgeiziges Ziel, aber nur so kämen neue Ideen auf. „Wir müssen auch ständig hinterfragen, ob wir noch alles richtig machen.“

In den vergangenen drei Jahren wuchs Bayer in Bergkamen um mehr als 100 Mitarbeiter, neue Anlagen wurden geplant und umgesetzt, derzeit ist eine neue Lösungsmitteldestillation in Bau. Die Investitionen in den Standort Bergkamen steigen permanent. Wo es früher 25 Millionen Euro pro Jahr waren, investierte Bayer im vergangenen Jahr 40 Millionen Euro in Bergkamen, in diesem Jahr wird die Summe in der gleichen Größenordnung liegen. Konstant wird ausgebildet, über 50 Azubildene pro Jahrgang sind es derzeit.

Corona verlangte digitale Technik: Der Remote Assistance zum Beispiel überträgt Aufnahmen aus der Werkstatt zu einem externen Dienstleister – und ermöglicht diesem damit eine Ferndiagnose. Technikerin Sabrina-Charlotta Borchard muss dazu nur eine Kamera am Helm tragen.

Corona verlangte digitale Technik: Der Remote Assistance zum Beispiel überträgt Aufnahmen aus der Werkstatt zu einem externen Dienstleister – und ermöglicht diesem damit eine Ferndiagnose. Technikerin Sabrina-Charlotta Borchard muss dazu nur eine Kamera am Helm tragen. © Rene Siciliano

Digitaler Schub durch Corona

Und Corona habe gezeigt, dass man schnell reagieren könne. Mit den neuen Medien ginge man nun besser um als man je gedacht habe. „Das eine oder andere werden wir vermutlich auch nach Corona beibehalten und besser mit einbauen.“ Entwicklungen, die in der Schublade lagen, wurden eingesetzt, wie zum Beispiel eine digitale Brille, über die ein Service-Mitarbeiter aus der Ferne genaue Anweisungen erteilen konnte.

Heinz selbst wählt einen Führungsstil, in dem er dem operativen Bereich weitestgehende Entscheidungsfreiheit lässt und nur die Randbedingungen vorgeben will. „Der Meister und Betriebsleiter weiß den Rest besser als ich“, sagt Dieter Heinz, dass es so bessere Lösungen gebe.

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