Der Angeklagte beschädigte ein anderes Fahrzeug und fuhr weg. Das hatte für ihn dramatische Folgen. (Symbolbild) © picture alliance/dpa
Amtsgericht Kamen

Nach Unfallflucht hat sogar der Richter Mitleid mit dem Angeklagten

Ein 65-jähriger Hammer begeht eine Unfallflucht nach Blechschaden auf einem Baumarkt-Gelände in Bergkamen. Als er vor Gericht steht, hat der Richter Mitleid mit ihm.

„Das ist ein außergewöhnliches Verfahren“, stellte der Richter am Amtsgericht Kamen fest. Auf der Anklagebank ein 65-Jähriger, der sich wegen Unfallflucht verantworten musste. Auf dem Baumarkt-Parkplatz an der Geschwister-Scholl-Straße in Bergkamen hatte er am 28. August 2020 ein Auto gerammt. Er sei ausgestiegen, habe einen Schaden gesehen, sich ins Auto gesetzt und sei weggefahren, schilderte der Angeklagte selbst, was geschehen war.

Angeklagter ist von Beginn an geständig

„Ich weiß nicht, was mich geritten hat“, konnte der Mann nicht erklären, warum er nicht auf die Polizei gewartet hatte. Die stand kurz darauf bei dem Hammer vor der Tür, denn Zeugen hatten sich das Kennzeichen seines Fahrzeugs notiert. Gegenüber der Polizei gab der Mann sofort zu, den Unfall verursacht zu haben.

Ungewöhnlicher Fall für den Richter

Und genau damit war er für den Richter ein ungewöhnlicher Angeklagter. Denn, so der Vorsitzende, von 20 wegen Unfallflucht angeklagter Menschen würden 19 behaupten, nichts bemerkt zu haben. Der 65-Jährige stelle eine völlige Ausnahme dar. Direkt am Unfalltag wurden dem 65-Jährigen die Fahrerlaubnis entzogen und der Führerschein eingezogen.

Amtsgericht Hamm hegte Verdacht eines anderen Fahrers

Das Amtsgericht Hamm, das den Beschluss zur Entziehung der Fahrerlaubnis erlassen hatte, hegte jedoch Zweifel an der Aussage. Sie hatte den Verdacht, der Angeklagte würde jemand anderes decken. Ermittlungen im Umfeld des Angeklagten ergaben jedoch, dass er tatsächlich selbst gefahren war.

Richter will Verfahren einstellen

Aus Sicht des Richters war der Angeklagte mit der Einziehung des Führerscheins gestraft genug. Denn damit ging der Verlust seiner beruflichen Selbstständigkeit einher. „Es war nicht richtig, was Sie gemacht haben, aber ich erkenne an, dass Sie es selbst erkannt haben“, erklärte der Richter. Gerne hätte er das Verfahren gegen die Zahlung einer Summe zwischen 600 und 900 Euro eingestellt. Dafür wäre jedoch die Zustimmung der Staatsanwaltschaft erforderlich gewesen. Die wurde im Prozess allerdings durch eine Referendarin vertreten, die nicht eigenständig über Einstellungen entscheiden darf. Von ihrem Ausbilder hatte sie ausdrücklich mitbekommen, das Verfahren nicht einzustellen.

Richter setzt Verfahren erstmal aus

Daraufhin tat der Richter zwei Dinge: Er hob den Beschluss des Amtsgerichts Hamm zur Entziehung der Fahrerlaubnis auf und gab dem 65-Jährigen den Führerschein zurück. Dann setzte er das Verfahren aus. Nun will er versuchen, bei der Staatsanwaltschaft eine Einstellung zu erwirken. Gelinge dies nicht, so der Richter, gäbe es einen neuen Verhandlungstermin.

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