Die Brandschutzmängel in den beiden Wohnhäusern an der Töddinghauser Straße sind nur durch einen Zufall aufgefallen. Jetzt können noch mehr Gebäude ins Visier der Bauaufsicht geraten.

Bergkamen

, 17.05.2019, 16:21 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Normalfall überprüft die Bauaufsicht Wohnhäuser nicht mehr auf Brandschutzmängel, nachdem sie nach dem Bau einmal abgenommen worden sind. Es gibt eine klare Prioritätenliste, wann und wo regelmäßige Nachuntersuchungen stattfinden, wie der Bergkamener Baudezernent Dr. Hans-Joachim Peters deutlich macht. Industrieunternehmen, insbesondere aus der Chemiebranche, große Kaufhäuser wie die beiden Kaufland-Märkte in Bergkamen, Schulen, Kindergärten und Gebäude, in denen regelmäßig viele Menschen zusammenkommen, werden von der Bauaufsicht regelmäßig darauf geprüft, ob alle Brandschutzvorschriften eingehalten sind.

Kontrolle nur bei Verdacht

Bei Wohnhäusern reagiert die Bauaufsicht dagegen, wenn es Anzeichen für einen Verstoß gegen Brandschutzauflagen gibt oder wenn sich jemand beschwert. Zurzeit gibt es in Bergkamen einen solchen Fall, wie Bürgermeister Roland Schäfer mitteilt. Ein Bewohner eines Mehrfamilienhauses hat sich beschwert, dass Möbel im Treppenhaus stehen und den Fluchtweg behindern. „Das werden wir natürlich auch prüfen“, sagt der Bürgermeister.

Nach der Räumung soll auch die Brandsicherheit in anderen Häusern auf dem Prüfstand stehen

Die Brandschutzmängel in den Gebäuden waren nach einem Brand am Freitag in den benachbarten Turmarkaden aufgefallen. Die Feuerwehr hatte sich gewundert, wie sich der Brandrauch so schnell in den Häusern ausbreiten konnte. Schon zu diesem Zeitpunkt waren sie evakuiert worden. © Borys P. Sarad

Kellerbrand weckt Verdacht

Auf die beiden Häuser an der Töddinghauser Straße war die Bauaufsicht aufmerksam geworden, als sich am vergangenen Freitag Rauch von einem Kellerbrand in den benachbarten Turmarkaden fast blitzartig in den Häusern ausbreitete, bis in den obersten, achten Stock. Als sich die Bauaufsicht die Häuser zusammen mit der Brandschutzdienststelle des Kreises und der Bergkamener Feuerwehr anschaute, war den Experten schnell klar, dass auch die Bauart der Häuser die Ausbreitung von giftigen Rauchgasen begünstigt: Schächte für Müllschlucker und für die Entlüftung von Toiletten und Küchen reichen von oben bis unten durch die Häuser – und zwar offenbar ohne Rauchschutzklappen, die den Rauch im Ernstfall aufhalten könnten. Verschärft wird die Situation offenbar noch, weil die Schächte im Laufe der Jahre an vielen Stellen angebohrt oder aufgestemmt wurden, unter anderem, um Kabel zu verlegen.

Nach der Räumung soll auch die Brandsicherheit in anderen Häusern auf dem Prüfstand stehen

Eine der Wohnungen in den Häusern wird zum Verkauf angeboten. Zurzeit dürfte sie allerdings nicht zu verkaufen sein. © Marcel Drawe

Seit den 70er Jahren haben sich die Auflagen verschärft

Schäfer bestätigte, dass die Bauordnung die beiden Gebäude nach ihrem Bau Anfang der 70er Jahre so abgenommen hat, wie sie konstruiert sind. „Seitdem haben sich die Brandschutzbestimmungen aber deutlich verschärft“, sagte er. Auch die Stadt sei beispielsweise gezwungen gewesen, an vielen öffentlichen Gebäuden einen zweiten Fluchtweg einzubauen, weil das mittlerweile für den Brandschutz erforderlich ist.

Problem mit ähnlich konstruierten Gebäuden

Das stellt die Bauaufsicht vor ein Problem: Schäfer schließt nicht aus, dass es in Bergkamen weitere Mehrfamilienhäuser aus der gleichen Bauzeit gibt, die ähnlich konstruiert sind und den heutigen Brandschutzbestimmungen nicht mehr genügen. „Wir werden uns auf jeden Fall zusammensetzen und das diskutieren“, kündigte er an. Möglicherweise müssten weitere Häuser auf Brandschutzmängel untersucht werden.

Nach der Räumung soll auch die Brandsicherheit in anderen Häusern auf dem Prüfstand stehen

Die beiden achtstöckigen Häuser sind seit Mittwoch komplett geräumt. Bewohner dürfen nur in Begleitung in ihre Wohnungen, um weitere Dinge herauszuholen. © Marcel Drawe

Bürgermeister: Keine Alternative zur Räumung

Der Bürgermeister wies in diesem Zusammenhang auch Spekulationen zurück, dass es eine Alternative zur schnellen Räumung der Häuser gegeben hätte. Nach der Untersuchung seien alle drei beteiligten Institutionen – Bauaufsicht, Brandschutzstelle und Feuerwehr – der Ansicht gewesen, dass die Häuser sofort geräumt werden müssten. Nur mit Rücksicht auf die Bewohner sei die Räumung nicht sofort am Dienstabend, sondern erst am Mittwoch erfolgt.

Erste Begehung mit dem Sachverständigen

Immerhin können die Bewohner die Hoffnung haben, dass sich die Sanierung nicht so lange hinzieht. Noch am Freitagmorgen hatte der von der Hausverwaltung Beckschulte engagierte Sachverständige die beiden Gebäude zusammen mit der Bauaufsicht in Augenschein genommen. Es handelt sich um einen echten Fachmann: Wilhelm Tigges war bis zum vergangenen Jahr leitender Branddirektor bei der Stadt Hamm, bis er in den Ruhestand ging. Geschäftsführer André Beckschulte hofft, das er Anfang der Woche erste Ergebnisse vorlegt und Hinweise gibt, wie die Gebäude wieder sicher gemacht werden können.

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Verwalter will schnell Sanierungsplan vorlegen

Der Sachverständige soll den Sanierungsbedarf ermitteln und eine Kostenschätzung vornehmen. Dann werde er eine Eigentümerversammlung einberufen und einen Lösungsvorschlag vorlegen, kündigte Beckschulte an. Dann wird es auch darum gehen, wer die Kosten für die Brandschutzsanierung trägt. Er habe den Schaden der Gebäudeversicherung vorsorglich gemeldet, sagte Beckschulte. Ob sie die Kosten der Sanierungsmaßnahmen ganz oder zumindest teilweise übernimmt, will er dann prüfen.

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