Die Bergkamener Hausärztin Maren Herschel impft Thomas Kiefer. Die Ärzte beklagen, dass sie fast nur den Impfstoff von Astrazeneca zugeteilt bekommen und dass sie damit eigentlich nur die Über-60-Jährigen impfen können. © Marcel Drawe
Impfkampagne

Mit Video: Viel Astrazeneca, wenig Biontech – Ärzte kritisieren Verteilung der Impfdosen

Bergkamener Hausärzte sehen sich bei der Impfkampagne ausgebremst. Sie bekommen zwar Impfstoffe – aber viel zu oft nicht den passenden für die Patienten, die geimpft werden sollen.

In der vergangenen Woche musste ein Bergkamener eine bittere Erfahrung bei seiner Hausärztin machen. Eigentlich sollte er seine Corona-Zweitimpfung bei der Ärztin bekommen. Kurzfristig musste die Ärztin den Termin aber wieder absagen, „unter Tränen“ wie er schildert. Die Begründung: Er sollte mit dem Impfstoff von Biontech geimpft werden. Den hatte seine Hausärztin aber nicht in der bestellten Menge bekommen.

Die wenigen Impfdosen Biontech, die sie von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) bekommen habe, seien auch noch an eine Bedingung geknüpft worden: Sie musste dafür gleichzeitig eine größere Menge des Impfstoffs von Astrazeneca abnehmen.

Das ist ein Problem, das offenbar alle Hausärzte betrifft. Er habe in einer Woche 16 Impfdosen von Biontech bekommen und habe gleichzeitig 160 von Astrazeneca abnehmen müssen, berichtet auch Detlef Kobusch, Hausarzt und Leiter des „Gesundheitszentrums am Nordberg“. Der Impfstoff von Biontech sei nur schwer zu bekommen, den Impfstoff von Astrazeneca könne er dagegen „fast unbegrenzt“ bestellen.

Biontech-Impfstoff, der zurzeit in den Impfzentren an Über-80-Jährige verimpft wird. Ab April soll auch bei den Hausärzten, dann wohl mit Astrazenica, geimpft werden.
Biontech-Impfstoff, der zurzeit in den Impfzentren an Über-80-Jährige verimpft wird. Ab April soll auch bei den Hausärzten, dann wohl mit Astrazenica, geimpft werden. © Stefan Milk © Stefan Milk

Der Haken dabei: Das Vakzin von Astrazeneca ist eigentlich nur für Menschen über 60 zugelassen. Kobusch fürchtet, dass er bald keine Patienten mehr hat, denen er Astrazeneca verabreichen kann. „Die Über-80-Jährigen sind schon fast alle durchgeimpft und die Zahl der Über-60-Jährigen, die noch nicht geimpft sind, wird immer kleiner“, sagt er. Für Menschen, die wegen einer Vorerkrankung schnell geimpft werden müssten, aber noch unter 60 sind, gebe es bei den Hausärzten fast keinen Impfstoff.

Kritik an zu starrer Priorisierung beim Impfen

Kobusch hält das hin und her der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim Impfstoff von Astrazeneca ohnehin nicht für hilfreich. Erst war er nur für Menschen unter 60 zugelassen. Jetzt soll er nur Menschen über 60 verabreicht werden. Der Bergkamener Arzt hält es dagegen für vertretbar, den Impfstoff an Menschen jeden Alters zu verimpfen – unter drei Voraussetzungen: Der Hausarzt muss beurteilen, ob er den Impfstoff für den Patienten oder die Patientin verwenden kann, es muss ein umfassendes Aufklärungsgespräch geben und der Patient muss ausdrücklich zustimmen.

Im Impfzentrum in der Römerberghalle in Bergkamen wird wieder mit Astrazeneca geimpft. Wer die Spritze bekommt, muss einen langen Parcours durchlaufen.
Im Impfzentrum in der Römerberghalle wird wieder mit Astrazeneca geimpft. Wer die Spritze bekommt, muss einen langen Parcours durchlaufen. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Der Arzt sieht keinen Grund, warum sich die meisten seiner Patienten nicht mit Astrazeneca impfen lassen sollten. Die Wirkung des Impfstoff sei gut und das Risiko nicht größer als bei anderen Medikamenten. „Das Risiko schwer an Covid-19 zu erkranken ist viel höher als Schäden durch den Impfstoff zu bekommen – und wir haben hier jeden Tag neue Fälle von positiv Getesteten“, sagt er, „Impfen ist eine Lebensversicherung.“

Oft biete sogar die erste Impfung schon einen guten Schutz gegen die Krankheit. Sie verhindere auf jeden Fall einen schweren Verlauf.

Kobusch übt auch an der starren Impfpriorisierung Kritik. Er fordert mehr Freiheit für die Hausärzte. Sie würden die Krankengeschichte ihrer Patienten am besten kennen.

Gesundheitsministerium ist für die Verteilung verantwortlich

Nach Auskunft der KVWL ist nicht sie, sondern das Land für die Verteilung des Impfstoffs an die Impfzentren und die Hausärzte verantwortlich. Den Impfstoff von Biontech hauptsächlich an die Impfzentren zu geben, sei eine Entscheidung des Landes-Gesundheitsministeriums. Auch die KVWL sei damit nicht glücklich, sagte Pressesprecherin Heike Achtermann auf Anfrage. „Der Impfstoff sollte gleichmäßig an die Impfzentren und Arztpraxen verteilt werden“, sagt sie.

Maren Herschel ist die Mitinhaberin des Gesundheitszentrums am Nordberg. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Der Leiter des Gesundheitszentrums am Nordberg, hat dagegen das Gefühl, dass die Politik den Hausärzten das Impfen zugunsten der Impfzentren aus der Hand nimmt. Manchmal frage er sich, ob demnächst auch die Grippeschutzimpfung über Impfzentren verabreicht werden soll, sagt er ironisch. Die haben die Hausärzte bisher millionenfach an ihre Patienten verabreicht.

Über den Autor
Redaktion Bergkamen
Geboren 1960 im Münsterland. Nach dem Raumplanungsstudium gleich in den Journalismus. Mag Laufen, Lesen, Fußball und den BVB ganz besonders. An den Bergkamenern liebt er ihre Offenheit. Die Stadt ist spannend, weil sie sich im Strukturwandel ganz neu erfinden muss und sich viel mehr ändert als in anderen Städten.
Zur Autorenseite
Michael Dörlemann

Unna am Abend

Täglich um 18 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt