Viele Firmen ermöglichen es Eltern, zu Hause zu arbeiten, damit sie dort ihre Kinder betreuen können solange Schulen und Kitas geschlossen bleiben. Das ist freilich immer noch eine Herausforderung für die Eltern, aber doch unkomplizierter als ohne Homeoffice. © picture alliance/dpa
Familie und Arbeit

Mit Kind oder Hund zur Arbeit: In diesen Zeiten geht es im Job um mehr als Geld

Immer mehr Unternehmen achten auf Familienfreundlichkeit. Ob klein oder groß: Es gibt viele Möglichkeiten und die müssen nichts kosten. Kamener und Bergkamener Firmen sind auf einem guten Weg.

Das Kind mit zur Arbeit bringen, wenn zu Hause Not am Mann oder an der Frau herrscht? Im Seniorenstift Haus an der Landwehr ist das grundsätzlich kein Problem – wenn nicht gerade eine Pandemie das Land in Atem hält. Kann eine Mitarbeiterin nicht wie geplant um 7 Uhr kommen, weil das Kind nicht abgeholt werden kann? Dann kann sie um 8 Uhr kommen und eine Kollegin oder ein Kollege springt in der ersten Stunde für sie ein. „Bei uns gibt es x Arbeitszeiten, das ist Wahnsinn“, sagt die Heimleiterin Guelsen Koc, die den Dienstplan nach den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter erstellt.

Ihr Team sei ihr so wichtig wie die Bewohner und sie habe ein offenes Ohr für Sorgen oder Fragen. Seelische Probleme würden sich auf die Arbeit auswirken und nur zu Krankenscheinen führen. „Nur wenn es mir gut geht, geht es auch meinen Bewohnern gut“, sagt Koc, die selber eine Familie hat.

Seniorenhaus an der Landwehr: Leiterin Gülsen Koc (vorne) möchte, dass es ihrem Team (hinten) gut geht und geht auf die individuellen Bedürfnisse der Pflegekräfte ein. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

In ihrem Altenheim wird Gleichberechtigung groß geschrieben. Nicht nur für Pflegerinnen und Pfleger mit einer Familie versucht Koc stets, eine Lösung zu finden, wenn zu Hause mal etwas nicht nach Plan läuft, sondern auch bei anderen Wehwehchen – etwa wenn der Hund mal nicht betreut werden kann. Auch der darf ausnahmsweise schon mal mitgebracht werden. Die Bewohner freuen sich dann sogar.

Familienfreundlichkeit rückt durch Corona mehr in den Mittelpunkt

Freilich kann es durch diese flexible Einteilung vorkommen, dass manche Mitarbeiter zeitweise mehr Stunden arbeiten, weil sie einspringen. Auch sie vergisst Koc nicht. Wer besonders viel leistet, erhält einen Bonus und auch ein Mitarbeiter des Monats wird gekürt. „Wenn es meinen Mitarbeitern gut geht, kommen sie motiviert zur Arbeit“, so Koc.

Koc ist seit zwölf Jahren Leiterin des Hauses und seitdem setzt sie auf Flexibilität und Einfühlungsvermögen. Sie ist aber nur eine von vielen Arbeitgebern, die das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter und Familienfreundlichkeit in den Fokus rücken. „Früher war das Thema noch in der Schublade, jetzt hat es einen ganz anderen Stellenwert“, weiß Sandra Schröder, die das Thema bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Dortmund schon seit über 13 Jahren betreut.

Schröder ist zufrieden mit der Entwicklung, die Arbeitgeber in dieser Hinsicht durchlaufen haben und noch durchmachen. Viele Unternehmen geben sich schon seit Jahren Mühe, familienfreundlich zu sein und Corona habe das Thema Homeoffice noch einmal in den Mittelpunkt gepusht.

Unternehmen müssen Familienfreundlichkeit selber definieren

Was ein familienfreundliches Unternehmen exakt ausmacht, könne man allerdings nicht genau definieren, erklärt Schröder. Das komme ganz auf die Mitarbeiter an. Familienfreundlichkeit kann bedeuten, dass wie im Haus an der Landwehr das Kind im Notfall mit zur Arbeit gebracht werden darf.

Familienfreundlich ist aber auch der Bestatter, der mittags Essen für seine Angestellten bestellt, die dann eine Portion mit nach Hause nehmen dürfen, damit sie zu Hause nicht mehr kochen müssen. „Es gibt viele Dinge, die die Unternehmen machen können, um Familien zu entlasten“, weiß Schröder. Und die müssen nicht immer etwas kosten.

Das Wichtigste ist, dass die Angebote auch auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter zugeschnitten sind. „Es gab auch schon Unternehmen, die begeistert eine Kinderbetreuung eingerichtet haben und dann feststellen mussten, dass die Mitarbeiter gar keine oder schon ältere Kinder haben“, erzählt die Expertin. Es lohnt sich also immer, die Mitarbeiter zu fragen – bzw. als Mitarbeiter auf seine Chefin oder seinen Chef zuzugehen. Denn Familienfreundlichkeit sollte mittlerweile selbstverständlich sein.

Pflegende Angehörige haben auch besondere Bedürfnisse

Es gebe auch familiäre Bedürfnisse, die weniger nach außen getragen werden. „Das Foto von den Kindern hat man auf dem Schreibtisch stehen, aber nicht das von der zu pflegenden Mutter“, so Schröder. Ein solches Thema dürfe kein Tabu sein und auch hier können Unternehmen ihre Mitarbeiter unterstützen.

Schröder hat zudem festgestellt, dass nicht nur Frauen, sondern auch immer mehr Männer die Kinderbetreuung übernehmen oder Verwandte pflegen. „Das hat sich sehr gewandelt“, sagt sie.

Den Mitarbeitern entgegenzukommen, sorge nicht nur für ein besseres Klima im Unternehmen, sondern auch dafür, die Mitarbeiter zu halten – Stichwort Fachkräftemangel. „Firmen müssen Wege finden, um ihre Mitarbeiter zu halten – nicht nur finanziell,“ Besonders im Pflegebereich sei das wichtig und hier tue sich auch schon viel. Obgleich es gerade dort besonders herausfordernd ist, weil quasi rund um die Uhr gearbeitet wird. „Ich bin beeindruckt, was manche da für Strukturen geschaffen haben“, sagt Schröder.

Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice bei Bayer und Vahle

Das Haus an der Landwehr in Bergkamen gehört zu den 22 „familienfreundlichen Unternehmen 2019“, die vom Kreis Unna gekürt wurden. Neben dem Programm „Pluspunkt Familie“ nennt Schröder auch das Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“ des Familienministeriums. Dort, aber auch freilich auf der Internetseite der IHK zu Dortmund gibt es viele Infos für Unternehmen – und Ideen, wie Familienfreundlichkeit aussehen kann.

Vahle in Kamen wurde 2019 vom Kreis Unna als familienfreundliches Unternehmen ausgezeichnet. Gründe dafür sind zum Beispiel flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten. Das gilt auch für Führungskräfte. © Borys Sarad (Archiv) © Borys Sarad (Archiv)

Wie Familienfreundlichkeit in größeren Unternehmen umzusetzen ist, zeigen die Arbeitsstrukturen bei Vahle in Kamen und im Bayer-Werk in Bergkamen. Beide Unternehmen setzen auf eine flexible Arbeitszeitenregelung und wenn es die Tätigkeit zulässt das Arbeiten im Homeoffice. „Insbesondere aktuell ist die Regelung zum Home-Office gerne und viel genutzt: Aktuell von fast 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“, so Vahle-Sprecher Philipp Weber. Vahle, ebenfalls als familienfreundliches Unternehmen ausgezeichnet, verzeichne erfreulicherweise eine zunehmende Anzahl an Vätern, welche die Möglichkeit des Vaterschaftsurlaubs nutzen. „Auch Führungskräfte nutzen die Möglichkeit zur Teilzeit.“ Bei Bayer sieht das ähnlich aus, wie Sprecher Martin Pape erläutert. Das Unternehmen unterstützt Eltern, aber auch pflegende Angehörige auf unterschiedliche Weise mit verschiedenen Förderungen und Angeboten.

Jungen Eltern in der Pandemie das Leben etwas leichter machen

Mitarbeiter können zum Beispiel auf einem Langzeitkonto Zeit ansparen und diese dann später einlösen, es gibt ein Eltern-Kind-Büro und eine Zusammenarbeit mit einem Familienservice, das bei der Wahl der richtigen Betreuungslösung unterstützt.

Bei Bayer können nicht alle Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, weil dort auch viel produziert wird. Wo es aber geht, wird es ermöglicht. Das ist nur eine von vielen Punkten, mit denen der Konzern Mitarbeitern, die eine Familie haben oder Angehörige pflegen, entgegenkommt. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Sowohl Bayer als auch Vahle betonen, dass neben den betrieblichen Belangen auch die persönlichen der Mitarbeiter im Fokus stehen und dass das familienfreundliche Arbeitsfeld fortlaufend weiterentwickelt wird. Besonders in der Pandemie will man die Mitarbeiter durch Verlässlichkeit und Flexibilität entlasten – „um ihnen so eine Sorge zumindest etwas abzunehmen“, so Weber.

Über die Autorin
Jahrgang 1991. Vom Land in den Ruhrpott, an der TU Dortmund studiert, wohnt jetzt in Bochum. Hat zwei Katzen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. Zu 85 Prozent Vegetarierin, zu 100 Prozent schuhsüchtig.
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