Was für viele Städte ihre lange Vergangenheit und ihre historische Altstadt ist, das ist für Bergkamen die Kunst. Gästeführer Klaus Holzer erläutert auf einer Führung, warum das so ist.

Bergkamen

, 23.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Andere Städte haben eine Jahrhunderte zurückreichende Geschichte, ein historisches Stadtzentrum, alte Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten. All das hat Bergkamen nicht. Dennoch hat die erst 1966 gegründete Stadt etwas ganz besonderes, meint Gästeführer Klaus Holzer. In kaum einer Stadt dieser Größenordnung gibt es so viele Kunstwerke im öffentlichen Raum. Für Holzer stiften sie so etwas wie eine eigene Identität für die vergleichsweise junge Stadt.

Für diejenigen, die einige der Bergkamener Kunstwerke kennenlernen wollen, bietet Holzer eine geführte Fahrradtour an, die zumindest zu einigen der Werke führt, die an Straßen, auf Plätzen, an Wegen und in öffentlichen Grünanlagen stehen.

Dabei erfahren die Teilnehmer nicht nur einiges über die Kunstwerke, sondern auch viel über die moderne Kunst.

Mit Gästeführer Klaus Holzer auf dem Weg zu den vielen Kunstwerken in Bergkamen

Klaus Holzer erläutert die „Erdpyramide“ von Tim Ulrichs vor dem Ratstrakt. © Michael Dörlemann

Teilnehmerin aus Haselünne

An diesem heißen Sonntag haben allerdings nur wenige den Weg zum Treffpunkt am Rathaus gefunden. Immerhin ist Marlies Brümmer sogar aus Haselünne im Emsland und nutzt einen Besuch in der Region, um an der Kunst-Tour teilzunehmen. Wolfgang Götz aus Methler hat immerhin die Stadtgrenze überwunden, um die Bergkamener Kunst kennenzulernen.

Mit Gästeführer Klaus Holzer auf dem Weg zu den vielen Kunstwerken in Bergkamen

Die Brunnenskulptur von Ole Hempel und Bette Holm erinnert an antike Statuen und einen römischen Legionär in Rüstung. © Michael Dörlemann

Stadt leistete sich schon früh einen Kulturdezernenten

Schon am Treffpunkt am Bergkamener Rathaus erfahren die Teilnehmer viel über die Geschichte der noch jungen Stadt und über ihre Verbindung zur Kunst. Das damals noch vom Bergbau geprägte Bergkamen leistete sich schon kurz nach seiner Gründung etwas, was kaum eine Stadt dieser Größe damals hatte: einen eigenen Kulturdezernenten. Dieter Treeck, der diese Stelle Ende der 60er-Jahre übernahm, prägte die Stadt bis heute nachhaltig - vor allem durch die „Bergkamener Bilderbasare“, die es zwischen 1971 und 1983 alle zwei Jahre gab.

Mit Gästeführer Klaus Holzer auf dem Weg zu den vielen Kunstwerken in Bergkamen

Die Plastik „Paar unter Bäumen" von Lothar Kampmann steht auf dem Platz von Tasucu. © Michael Dörlemann

Viele Kunstwerke entstanden bei den Bergkamener Bilderbasaren

Im Rahmen der Bilderbasare entstanden viele Kunstwerke, die sich auch heute noch im Stadtbild befinden, obwohl viele Bergkamener mittlerweile relativ achtlos an ihnen vorbeigehen. Um zum ersten Beispiel zu kommen, mussten sich die wenigen Teilnehmer noch nicht einmal in den Fahrradsattel schwingen. Wenige Schritte in Richtung Busbahnhof reichten aus. Dort, vor dem Ratstrakt, befindet sich die „Erdpyramide“ von Tim Ulrichs. Das ist eine quadratische Metallplatte mit eingelassenen Koordinaten, die auf einem etwa ein Meter tiefen Schacht liegt, mit einem Lot an allen vier Ecken. Wenn die Lote ins Unendliche verlängert würden, dann würden sie sich genau im Mittelpunkt der Erde treffen.

Mit Gästeführer Klaus Holzer auf dem Weg zu den vielen Kunstwerken in Bergkamen

Hund Lotte entwickelte allenfalls oberflächliches Interesse für die Kunstwerke. © Michael Dörlemann

Kunstwerk regt zu Fragen und zum Nachdenken an

Mit dem Kunstwerk will Ulrichs nach Holzers Interpretation eine Beziehung zum Bergbau schaffen, durch den Bergkamen entstanden ist sowie die Erdanziehungskraft und den Erdmagnetismus deutlich machen. Das sei aber für den zufälligen Betrachter kaum zu erkennen, erläuterte der Stadtführer. „Der fragt sich: Was soll das?“, sagte Holzer.

Mit Gästeführer Klaus Holzer auf dem Weg zu den vielen Kunstwerken in Bergkamen

Klaus Holzer zeigt ein Bild des Ehrenmals in Overberge. © Michael Dörlemann

Moderne Kunst will keine Geschichten erzählen

Eine Frage, die von der modernen Kunst durchaus beabsichtigt ist, wie der Stadtführer auch an anderen Kunstwerken auf seiner Tour deutlich machte. „Die moderne Kunst will keine Geschichten erzählen, sondern zum Nachdenken anregen“, sagt er an einer Stelle und macht das an Fotos von einem Kriegerehrenmal aus den 20er-Jahren und einer abstrakten Plastik aus den 50er-Jahren deutlich.

Mit Gästeführer Klaus Holzer auf dem Weg zu den vielen Kunstwerken in Bergkamen

Holzer zeigt als Vergleich ein Foto einer Plastik aus den 50er-Jahren. Unter dem Eindruck von Nazi-Terror und Krieg hat sich die Darstellung in weniger als drei Jahrzehnten völlig geändert. © Michael Dörlemann

Völliger Wandel in nur wenigen Jahren

Zwischen den beiden Werken liegen nur 26 Jahre, aber alle Erfahrungen, die der Krieg und die Nazi-Zeit mit sich brachten. Darauf kommt er auch noch einmal an der letzten Station der Rundfahrt zurück, der Plastik von Werner Habig vor dem städtischen Gymnasium. Der damalige Lehrer und Kunsterzieher hat auch den leidenden Christus am Kreuz in einer Kirche in Kevelaer geschaffen. Auch dabei sei die Erfahrung von den Nazis gequälten Menschen miteingeflossen, macht Holzer deutlich.

Mit Gästeführer Klaus Holzer auf dem Weg zu den vielen Kunstwerken in Bergkamen

Die Windplastik von Günter Tollmann ist aus Edelstahl - typisch für die frühen 70er-Jahre. © Michael Dörlemann

Materialien wandeln sich im Laufe der Zeit

Gästeführer

Führungen zu verschiedenen Themen

Der Bergkamener Gästeführerring bietet eine ganze Reihe von Führungen zu unterschiedlichen Aspekten der Stadt und der Stadtgeschichte. Eine komplette Liste der Führungen findet sich auf der Homepage der Stadt.
Zwischen dem Anfang der zweieinhalbstündigen Tour am Rathaus und dieser letzten Station am Gymnasium erfahren die Teilnehmer noch viel über die Bergkamener Kunstwerke. Zum Beispiel, dass die „Maßstäbe“ der Gebrüder Löbbert an den vier gedachten Stadttoren offene Schlagbäume und damit auch die Offenheit der Stadt für Fremdes und Neues symbolisieren. Holzer zeigt, wie die verwendeten Materialien der Kunstwerke sich mit der Zeit wandelten, zum Beispiel dass Günter Tollmann für seine Windplastik auf dem Platz von Wieliczka 1971 noch blanken Edelstahl verwendete und einige Jahre später gebürsteter Stahl verwendet wurde.

Mit Gästeführer Klaus Holzer auf dem Weg zu den vielen Kunstwerken in Bergkamen

Am Hallenbad stehen noch einige der Betonplastiken von Lothar Kampmann. © Michael Dörlemann

Beton-Plastiken von Lothar Kampmann

Die Tour führt zu den Plastiken von Lothar Kampmann, der einen demokratischen Kunstbegriff propagierte und das „Paar unter Bäumen“ auf dem Platz von Wieliczka schuf sowie 18 Betonskulpturen, die am Hallenbad und vor dem Stadtmuseum stehen - und zum Teil, von Steinmetz Wolfgang Kerak restauriert, einen kleinen Skulpturenpark am Parkfriedhof bilden. Ein Stück der Kunstroute führte auch zu den Kunstwerken am Kuhbach, die alle einen Bezug zum Wasserlauf und seiner Funktion haben sollen.

Mit Gästeführer Klaus Holzer auf dem Weg zu den vielen Kunstwerken in Bergkamen

Das Werk von Gisela Schmidt "Wasser, Erde, Luft" am Kuhbach wurde 2015 von einem Graffiti-Künstler zusammen mit Jugendlichen aus Bergkamen und Wieliczka neu gestaltet. © Michael Dörlemann

Es gibt noch viele weitere Kunstwerke zu entdecken

Holzer macht auch deutlich, dass er nur einen Teil der Bergkamener Kunstwerke zeigen kann. Viele Lichtkunstwerke wirken nur bei Nacht und andere hätten den Rahmen der Führung gesprengt. Eine weitere Erkundung lohnt sich auf jeden Fall.

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