Klaus-Jürgen Bartsch kam direkt nach der Schule aus seinem Dorf in Niedersachsen zur Zeche nach Oberaden. Die ersten Jahre verbrachte der damals erst 14-Jährige in der Obhut des Jugenddorfs.

Bergkamen

, 24.10.2018, 09:37 Uhr / Lesedauer: 2 min

Nein, Angst oder Sehnsucht nach zuhause hatte Klaus-Jürgen Bartsch nicht, als er 1955 als 14-Jähriger auf dem Bahnsteig in Helmstedt stand – obwohl dieser Tag sein Leben für immer verändern sollte. „Ich war gespannt auf das Neue. Außerdem haben mir andere Jungs aus dem Dorf, die schon da waren, viel vom Bergbau erzählt“, erinnert sich der 78-Jährige. Das Dorf ist Jerxheim im Kreis Helmstedt in Niedersachsen und hat heute gerade einmal 1200 Einwohner. Es lag direkt an der Zonengrenze. Arbeits- und Ausbildungsplätze außerhalb der Landwirtschaft gab es kaum. Das Arbeitsamt kam in die Schulen und warb bei den angehenden Schulabgängern für eine Ausbildung beim Bergbau oder für die Handelsmarine. Damals war die Volksschule nach acht Jahren beendet, Klaus-Jürgen Bartsch entschied sich für den Bergbau – und so stand er zusammen mit 75 anderen Jungen im gleichen Alter eines Tages im Jahr 1955 auf dem Bahnhof von Helmstedt und fuhr ins Ruhrgebiet.

Mit 14 Jahren in die fremde Welt des Bergbaus

Klaus-Jürgen Bartsch (l.) zusammen mit einem Mitbewohner in seinem Zimmer im Jugenddorf. © Stefan Milk

In Essen-Heisingen verteilt

Die Fahrt mit zwei Sonderwaggons ging bis nach Essen-Heisingen. Dort wurden die angehenden Berglehrlinge auf die Schachtanlagen verteilt. Bartsch wurde für Haus Aden in Oberaden eingeteilt – die Zeche, die er sich gewünscht hatte. „Ich hatte schon viel Gutes von den Jungs gehört, sie schon hier waren“, erinnert er sich.

Die Berglehrlinge kamen ins erst 1953 gebaute Jugenddorf in Oberaden, das vom „Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland“ betrieben wurde und für den 14-Jährigen vom Land das eine oder andere kleine Wunder bereithielt. „Ich habe erstmals gesehen, dass heißes Wasser direkt aus einem Kran an der Wand kam“, erinnert er sich und bekommt dabei immer noch glänzende Augen.

Mit 14 Jahren in die fremde Welt des Bergbaus

Die Berglehrlinge fuhren damals sogar zum Skifahren in die Alpen. Klaus-Jürgen Bartsch steht in der Mitte. © Stefan Milk

Ein großes Freizeitangebot

Die Berglehrlinge waren in Zwei- und Dreibettzimmern untergebracht, bekamen drei Mahlzeiten am Tag und hatten ein umfangreiches Freizeitangebot. Sie spielten zusammen Fußball, sie konnten schnitzen und mit Holz arbeiten, es gab eine Dunkelkammer, in der sie selbst Fotos entwickeln konnten und einen Jugenddorfchor. „Der ist sogar einmal im Fernsehen aufgetreten“, erinnert sich Klaus-Jürgen Bartsch. Es gab sogar organisierte Urlaubsreisen nach Spanien und Frankreich oder Ski-Freizeiten in den Alpen. „Ich musste manchmal aufpassen, dass ich noch etwas Urlaub übrig behalten haben, um nach Hause fahren zu können“, sagt Bartsch.

Mit 14 Jahren in die fremde Welt des Bergbaus

Sport, insbesondere Fußball, gehörte auch zum Freizeitprogramm im Jugndorf. © Stefan Milk

Kamel im Foyer

Und natürlich machten die Jugendlichen gelegentlich Unsinn. Einmal entführten sie ein Kamel aus einem Wanderzirkus, der in Oberaden seine Zelte aufgeschlagen hatte, und stellten das Tier nachts ins Foyer des Jugenddorfs. „Wir mussten uns an die Höcker hängen, damit es durch die Tür passte“, erzählt Bartsch lachend.

Mit 14 Jahren in die fremde Welt des Bergbaus

Klaus-Jürgen Bartsch (r.) mit Ball und Kollegen im Sommer auf der Wiese. © Stefan Milk

Neue Heimat in Bergkamen

Im Gegensatz zu vielen anderen, die dem Bergbau und dem Ruhrgebiet irgendwann den Rücken kehrten, blieb Bartsch in Bergkamen. Er machte nach der Ausbildung den Knappen- und den Hauerbrief und brachte es bis zum Reviersteiger, bevor er mit 50 Jahren in den Vorruhestand ging. Die Bergbaukrise habe sich schon Ende der 50er Jahre bemerkbar gemacht, sagt er. „Als ich 1958 mit der Lehre fertig war, gab es schon die ersten Feierschichten.“ Dabei hatte er das Glück, dass er nie die Zeche wechseln muste. Er blieb immer auf Haus Aden.

Mit 14 Jahren in die fremde Welt des Bergbaus

Das Jugenddorf an der Stormstraße heute. Es ist vor einigen Jahren zu Wohnungen umgebaut worden. © Marcel Drawe

Zwei Jugenddörfer

In Oberaden wurden Anfang der 50er Jahre zwei Jugenddörfer für Berglehrlinge gebaut – im Sundern und im Bereich Stormstraße am Römerberg. Das Dorf im Sundern wurde in den 70er Jahren noch als Außenstelle der Landespolizeischule in Selm-Bork genutzt. Das Jugenddorf am Römerberg, in dem Klaus-Jürgen Bartsch gelebt hat, wurde vor einigen Jahren in Wohnungen umgebaut.

Erziehung fürs Leben

Auch privat schlug der Niedersachse Wurzeln in Westfalen. Seine Frau kommt aus Weddinghofen. Als das junge Paar heiratete, zog es in ihr Elternhaus. Klaus-Jürgen Bartsch trat vor 60 Jahren der Freiwilligen Feuerwehr in Weddinghofen bei und vor 50 Jahren dem Knappenverein, dessen Kassierer er lange war. Für 16 Jahre war er außerdem Schiedsmann für einen Teil von Weddinghofen. Seine beiden Söhne haben vor einigen Jahren mit ihm und der ganzen Familie gefeiert, dass er längst ein echter Westfale ist.

An das Jugenddorf denkt er immer noch gelegentlich zurück. „Die haben uns dort damals zu Menschen geformt“, sagt er.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Saisonstart in Bergkamen

Die schwarze Null muss stehen, findet der Eishockey-Torwart, der die Eishalle betreibt

Meistgelesen