„Mehr als nur ein Club“. Für den Single Jörg Müller ist der VfL Kamen ein Ort der sozialen Kontakte. © Marcel Drawe
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Keine „Vereinsmeierei“: Für Singles wird der Club zur Ersatzfamilie

Wer Sportvereine für eine muffige Angelegenheit hält, der kennt Jörg Müller nicht. Er engagiert sich beim VfL Kamen. Das Vereinsleben ist wichtig für ihn. Vor allem, seitdem er als Single lebt.

Jörg Müller lebt allein. Im August vergangenen Jahres hat sich der 46-jährige zweifache Vater von seiner Frau getrennt. Man sei im Frieden von einander geschieden, sagt Müller. Aber leicht ist so eine Situation nie: Es gibt Menschen, die zerbrechen an einer Trennung.

Bei Müller besteht diese Gefahr offenkundig nicht. Und ihm droht in seiner kleinen Wohnung auch nicht die Decke auf den Kopf zu fallen. Der Grund dafür hat einen Namen: VfL Kamen. In diesem Mehrspartenclub ist Müller Vorsitzender der Fußballabteilung und sitzt außerdem im Vorstand des Gesamtvereins. Er hat also gut zu tun, was von möglichen Einsamkeitsgefühlen ablenkt.

Vereinsfreunde gaben ihm nach der Trennung Rückhalt

Doch der VfL Kamen hat für Müller noch eine andere Bedeutung: „Man kann schon sagen, dass der Verein eine Art Ersatzfamilie ist.“ Denn es geht ja nicht nur um Tore, Punkte und Meisterschaft bei den VfL-Fußballern, sondern auch um soziale Kontakte. Im Lauf der Jahre seien natürlich Freundschaften entstanden, sagt Müller: „Das hat mich nach der Trennung schon aufgefangen.“

Und auch in der Pandemie, die für Alleinlebenden ja besondere Herausforderungen mit sich bringt, hilft das Vereinsleben. Der Sportbetrieb ist zwar weitgehend zum Erliegen gekommen. Aber die Vorstandsarbeit geht weiter – wenn auch meistens in Videokonferenzen. Aber das ist allemal besser als gar keine Kontakte

Der Fußball-A-Kreisligist VfL Kamen muss am kommenden Wochenende wegen einer Quarantäne-Regelung pausieren. © Art © Art

Außerdem haben Müller und seine Vereinsfreunde die Zwangspause genutzt, um die Vereinsanlage am Jahnstadion auf Vordermann zu bringen, auf coronakonforme Weise versteht sich. Auch das stärkt die Gemeinschaft.

Wer sich mit Müller über seine „Ersatzfamilie“ unterhält, der ist schnell geneigt, den etwas abschätzig gemeinten Begriff „Vereinsmeierei“ aus seinem Wortschatz zu streichen. Müller war zwar schon vor seiner Trennung ein Vereinsmensch. Der Mann, der in Bergkamen aufgewachsen ist und inzwischen in Kamen lebt, engagierte sich früher als Trainer bei TuRa Bergkamen. 2015 stieß er zum VfL.

Ein Verein ist ein Mikrokosmos der Gesellschaft

Als geselliger Mensch knüpfte er schnell Kontakte. „Alle fast 1200 Mitglieder kenne ich natürlich nicht“, sagt er lachend. Aber unter den etwa 350 Angehörigen der Fußball-Abteilung gibt es niemand, mit dem Müller nicht ferner oder auch näher bekannt ist.

Der Fußball-A-Kreisligist VfL Kamen muss am kommenden Wochenende wegen einer Quarantäne-Regelung pausieren. © Art © Art

Das verschafft ihm soziale Kontakte, die ein Single nicht so ohne weiteres findet. So ein großer Verein ist ja außerdem ein Mikrokosmos, in dem Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen aufeinandertreffen, die sonst nicht viel miteinander zu tun hätten. Das fängt beim Alter als.

Als Fußballchef hat er Kontakt zu jüngeren Eltern, deren Nachwuchs beim VfL kickt. Zugleich gibt es im Verein natürlich auch Senioren. „Unsere ältesten Fans, sind ein Ehepaar von 91 und 92 Jahren“, sagt Müller.

Außerdem macht ihm, der eine Tochter (18) und einen Sohn (15) hat, die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen in den VfL-Teams Spaß. Er hat schon Jugendmannschaften so ziemlich aller Altersklassen trainiert.

Müller investiert viel Zeit in die Vereinsarbeit. „Aber es muss ein Hobby bleiben“, zieht er eine Grenze. Die „Ersatzfamilie“ gibt ihm ja auch etwas zurück. Zudem müsse er ja nicht für immer Single bleiben: „Vielleicht treffe ich ja auf dem Sportplatz meine Traumfrau.“

Über den Autor
Redaktion Bergkamen
1967 in Ostwestfalen geboren und dort aufgewachsen. Nach Abstechern nach Schwaben, in den Harz und nach Sachsen im Ruhrgebiet gelandet. Erst Redakteur in Kamen, jetzt in Bergkamen. Fühlt sich in beiden Städten wohl.
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Johannes Brüne

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