Thorsten Solinger mit Tochter Josephine (3). Solinger musste einiges in Bewegung setzen, damit seine Tochter einen kostenlosen Schnelltest bekommt. Nicht in jeder Arztpraxis ist das möglich. © Stefan Milk
Coronavirus

Kein kostenloser Schnelltest beim Kinderarzt: Vater ärgert sich über „Wucherpreise“

Thorsten Solinger aus Bergkamen wollte seine Tochter (3) auf das Coronavirus testen lassen. Beim Kinderarzt sollte das aber etwas kosten, weil kein Corona-Verdacht bestand.

Thorsten Solinger ist empört. Obwohl es offiziell stets heißt, dass sich jeder einmal pro Woche kostenlos auf das Coronavirus testen lassen darf, ist es bei Kindern gar nicht so einfach, an einen kostenlosen Schnelltest zu kommen. Das erlebte der Bergkamener Vater jetzt mit seiner Tochter.

Solinger benötigte für die dreijährige Josephine einen negativen Schnelltest. Die Kleine sei in Quarantäne gewesen, weil es einen positiven Fall an ihrer Kita gegeben habe. Damit sie wieder zur Betreuung durfte, sollte ein negativer Schnelltest vorgelegt werden, sagt Solinger.

Der PCR-Test des Gesundheitsamtes, der kurz nach dem Beginn der Quarantäne vom Gesundheitsamt an der Kita durchgeführt worden sei, sei negativ ausgefallen, berichtet der Bergkamener Vater. Damit seine Tochter wieder zurück in die Kita durfte, brauchte es laut Solinger einen zweiten Test.

Nicht jeder Arzt bietet kostenlose Schnelltests an

Die Mutter von Josephine habe dann einen Kinderarzt kontaktiert und dort erfahren, dass ein Schnelltest 20 und ein PCR-Test 80 Euro kosten solle. „Das sind Wucherpreise“, findet Solinger. Er konnte nicht fassen, dass der Schnelltest nicht kostenlos durchgeführt wurde „Jeder hat doch die Möglichkeit auf einen kostenlosen Schnelltest pro Woche“, so der Familienvater. „Was stimmt hier nicht?“

Im Schnelltestzentrum in der Schützenheide gibt es keine Altersbeschränkung. Dort wurde auch schon ein Einjähriger getestet. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Obwohl es für den Vater und wahrscheinlich auch für andere Eltern unverständlich ist, dass der Schnelltest bei dem Kinderarzt etwas kostet, stimmt in diesem Fall tatsächlich alles. Der Grund: Der Kinderarzt Dr. med. Bayram Öztürk, bei dem Josephine getestet werden sollte, kann die Schnelltests nicht über die Krankenkasse abrechnen. „Nur wenn Kinder Symptome haben oder Kontakt zu einer positiven Person hatten, dann kostet der Test nichts“, erklärt Öztürk auf Nachfrage.

In diesen Fällen übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die Tests – ohne Symptome oder Kontakt zu einer infizierten Person aber nicht. „Dann entstehen für uns Kosten, die wir irgendwie bezahlen müssen“, erklärt er.

Die Eltern würden vorab über die Preise informiert und man weise in der Praxis auch darauf hin, dass es mittlerweile Selbsttests zu kaufen gebe.

Der Staat finanziert Schnelltests in ausgewiesenen Testzentren

Doch nicht in jeder Arztpraxis müssen Eltern für den Schnelltest zahlen, denn es kommt auf die Praxis an. Warum Schnelltests in manchen Arztpraxen etwas kosten und in anderen nicht, erklärt Andreas Daniel von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL).

Laut Daniel muss eine Arztpraxis als Testzentrum ausgewiesen sein, damit die Kosten für die Tests vom Staat übernommen werden. Heißt: Nur wenn eine Praxis sich beim Gesundheitsamt entsprechend zertifizieren lässt und die Testkits anfordert, kann sie die Tests abrechnen.

Der Bergkamener Kinderarzt Dr. med Bayram Öztürk kann nur Schnelltests über die Krankenkasse abrechnen, wenn ein Corona-Verdacht besteht. Ist das nicht der Fall, kostet der Schnelltest etwas. © privat © privat

Nicht jeder Arzt tue das und das sei auch sein gutes Recht, erklärt Daniel. Die Ärzte seien nicht dazu verpflichtet, Teststellen einzurichten. Tun sie es nicht, können sie laut Daniel nur Schnelltests über die gesetzliche Krankenkasse abrechnen, wenn mindestens ein Corona-Verdacht vorliegt.

Da Thorsten Solingers Tochter kerngesund ist und auch keinen direkten Corona-Kontakt hatte, konnte der Kinderarzt sie nicht kostenlos testen. Dr. Öztürk selbst gefällt diese Regelung übrigens genau so wenig wie Thorsten Solinger. „Mir wäre es auch lieber, wenn die Kasse alle Tests übernehmen würde. Dann müssten wir es auch nicht immer wieder erklären“, so der Arzt.

Nicht alle Schnelltestzentren in Bergkamen testen Kleinkinder

Vor allem bei Kindern wäre es förderlich, wenn die Kinderärzte unbürokratisch und kostenlos testen könnten. Denn so viele Möglichkeiten, Kleinkinder in Bergkamen testen zu lassen, gibt es gar nicht.

Der Großteil der Testzentren in Bergkamen testet nur ältere Kinder bzw. lässt das Personal vor Ort entscheiden, ob ein Kleinkind getestet wird. Ob getestet wird, hängt zum Beispiel auch damit zusammen, wie die Verfassung des Kindes ist und ob es Angst hat. Manchmal ist es auch möglich, dass die Eltern die Kinder unter Anleitung testen.

Einzig das Testzentrum in der Schützenheide testet ohne Altersbeschränkung – hier werden Nasenabstriche genommen, die für Kinder nicht unangenehm sein sollen. Nachdem Solinger mehrere Testzentren abtelefoniert hat, fuhr er mit der kleinen Josephine genau dort hin. Mit Erfolg: Nach kurzer Wartezeit wurde Josephine getestet. Mittlerweile geht sie auch wieder in die Kita.

Mehr spannende Geschichten für junge Familien im Kreis Unna finden Sie unter www.hellwegeranzeiger.de/junge-familien.

Über die Autorin
Jahrgang 1991. Vom Land in den Ruhrpott, an der TU Dortmund studiert, wohnt jetzt in Bochum. Hat zwei Katzen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. Zu 85 Prozent Vegetarierin, zu 100 Prozent schuhsüchtig.
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Claudia Pott

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