Viele Jugendbetreuer, die sich in Vereinen engagieren, müssen in diesem Jahr ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis beantragen. Ganz unbekannt ist den meisten das Prozedere nicht.

Bergkamen

, 08.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Nahezu alle Bergkamener Vereine, die über eine Jugendabteilung verfügen, haben eine Vereinbarung mit dem städtischen Jugendamt unterschrieben. Darin verpflichten sie sich, sich von ihren Jugendbetreuern erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen zu lassen. Auf diese Weise wollen die Stadt, der Stadtjugendring und die Stadtsportgemeinschaft dem sexuellen Missbrauch von Jugendlichen beim Vereinssport vorbeugen.

Das Dokument, das die Betreuer vorweisen müssen, unterscheidet sich vom normalen Führungszeugnis, das man zum Beispiel für eine Bewerbung benötigt: In dem erweiterten Zeugnis sind alle Verurteilungen für Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung aufgeführt - unabhängig davon, wie hoch die Strafe ausfiel. Auch andere Verurteilungen sind darin aufgeführt. Die Vereine können auf diese Weise verhindern, dass sich einschlägig Vorbestrafte in ihren Jugendabteilungen betätigten.

Jugendbetreuer der Vereine müssen ihre Führungszeugnisse verlängern lassen

In dem Zeugnis sind alle Verurteilungen für Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung aufgeführt - unabhängig davon, wie hoch die Strafe ausfiel. © picture alliance / dpa


Erste Zeugnisse müssen verlängert werden

Das städtische Jugendamt hat dieses Projekt zur Prävention sexualisierter Gewalt im Jahr 2013 initiiert. Amts-Mitarbeiter Christian Scharwey, der auch Geschäftsführer des Stadtjugendringes ist, hat es im Dezember 2013 bei einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt. Im folgenden Jahr hatten bereits die Mehrzahl der Vereine die Vereinbarung unterzeichnet und die Zeugnispflicht eingeführt.

Das wiederum bedeutet, dass die Dokumente inzwischen fünf Jahre alt sind und aktualisiert werden müssen. Den Vereinsverantwortlichen sei das auch bekannt, meint Scharwey auf Nachfrage. Gleichwohl will er den Ablauf der Fünf-Jahres-Frist zum Anlass nehmen, um im Laufe des Jahres eine weitere Informationsveranstaltung zu dem Thema anzubieten.

Und die wird möglicherweise nicht ganz so kontrovers verlaufen, wie die Vereinsversammlung vor rund fünf Jahren. Damals wurden unter anderem datenschutzrechtliche Bedenken laut. Schließlich enthält so ein Führungszeugnis auch Details, die nicht gegen ein Engagement als Jugendbetreuer sprechen, aber auch nicht unbedingt im Verein bekannt werden sollten.

Jugendbetreuer der Vereine müssen ihre Führungszeugnisse verlängern lassen

Christian Scharwey vom Jugendamt hat die Vereinsvertreter im Dezember 2013 über die damals neue Regelung informiert. Im Laufe des Jahres will er eine weitere Informationsveranstaltung anbieten. © Stefan Milk

Vereine finden praktiable Wege

Im Lauf der Zeit hätten die Vereinsvorstände Wege gefunden, mit dieser Problematik umzugehen, berichtet der Vorsitzende der Stadtsportgemeinschaft, Dieter Vogt. Er weiß, wovon er spricht: Vogt ist auch 2. Vorsitzender von TuRa Bergkamen - und kümmert sich in dieser Funktion um die Erfüllung der Vereinbarung. „Ich überprüfe die Führungszeugnisse der Jugendbetreuer“, berichtet er. Außerdem ihm bekommt niemand die Dokumente zu sehen, zudem unterliegt er natürlich der Schweigepflicht. Wenn neue Jugendleiter zu TuRa kämen, akzeptierten sie die Zeugnis-Pflicht im Allgemeinen, sagt Voigt. Und bisher habe er auch niemand ablehnen müssen. Aber die Regelung erfülle ja auf diese Weise ihren Sinn, meint der Sportfunktionär: „Wer eine entsprechende Verurteilung im erweiterten Führungszeugnis hat, der bewirbt sich gar nicht als Jugendbetreuer.“

Anfangs war Überzeugungsarbeit notwendig

Ähnlich sieht das der Präsident des SuS Oberaden, Herbert Littwin: „Für uns war das nie umstritten“, sagt er. Beim SuS nimmt er die Führungszeugnisse in Augenschein. Das ist mit einem gewissen Maß an Arbeit verbunden, meint Littwin: „In so seinem großen Verein gibt es eine gewisse Fluktuation bei den Jugendbetreuern.“ Und wer neu dazu kommt, müsse natürlich ein erweitertes Führungszeugnisse vorlegen: „Mir ist kein Fall bekannt, in dem sich jemand geweigert hat und wir ihn ablehnen mussten“, sagt der Präsident.

Der Vorsitzende des TuS Weddinghofen, Knut Bommer, hingegen musste anfangs schon Überzeugungsarbeit leisten. Insbesondere bei den altgedienten Übungsleitern: „Einige haben gesagt: ,Ich bin seit 20 Jahren in der Jugendarbeit - und jetzt soll ich so ein Zeugnis vorlegen‘“, berichtet Bommer. Aber letztlich hätten alle die neue Regel akzeptiert. Das, so meint der TuS-Vorsitzende, hänge sicherlich auch damit zusammen, dass dem Verein finanzielle Nachteile drohten, wenn er sich nicht an die Zeugnispflicht hält.

Stadtsportgemeinschaft und Stadtjugendring bekommen pro Jahr 36.500 beziehungsweise 27.500 Euro aus Spenden-Mitteln der Sparkasse, die sie an ihre Mitgliedsvereine verteilen dürfen. In den Genuss des Geldes kommen aber nur jene Clubs, die auch die Vereinbarung mit dem Jugendamt unterzeichnet haben.

Jugendamt bietet Beratung

Christian Scharwey will es nicht dabei belassen, dass die Vereine die Vereinbarung über die Vorlage von erweiterten Führungszeugnissen unterzeichnen. Er bietet ihnen auch individuelle Beratung an - gemeinsam mit der Stadtsportgemeinschaft, die wiederum auf die Experten vom Landessportbund zurückgreifen kann. Es komme auch durchaus vor, dass sich Vereinsvertreter beim Jugendamt melden, berichtet Scharwey. Konkrete Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch in Sportvereinen habe es in Bergkamen aber bisher zum Glück nicht gegeben. Vielmehr wollten die Vereinsverantwortlichen zumeist wissen, wie sie sich in bestimmten Situationen zu verhalten, um Gefahren von vorneherein auszuschließen. „Da geht es um das Umarmen bei Siegerehrungen oder um das Verhalten bei gemischtgeschlechtlichen Freizeiten“, sagt Scharwey. Auf den Expertenrat von den Landessportlern musste er bisher nicht zugreifen: „Die Fragen konnten wir mit eigenen Mitteln beantworten.“

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