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Lange hat die Videothek an der Ebertstraße der Online-Konkurrenz widerstanden. Doch das Geschäft mit dem Video-Verleih lohnt nicht mehr. Nun schließt die fast letzte ihrer Art im Kreis Unna.

Bergkamen

, 05.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Günter Haumann könnte Kindern erklären, wie einst VHS-Videokassetten ausgesehen haben. Die Kassetten waren früher sein Kerngeschäft. Seit 1987 betreibt Haumann die Videothek „Video Planet“. Erst in den Turmarkaden, seit 1999 an der Ebertstraße. Klassische Kassetten stehen dort längt nicht mehr. Und nun geht die Video-Ära auch in Bergkamen zu Ende. Der Schlussverkauf läuft, voraussichtlich im August schließt die Videothek - als beinahe letzte ihrer Art im Kreis Unna. Nur in Lünen gibt es noch einen DVD- und BlueRay-Verleih.

Das große Videotheken-Sterben

Eigentlich ist es schon fast erstaunlich, dass „Video Planet Bergkamen“ so lange durchgehalten hat. „1990 gab es in Deutschland 15.000 Videotheken“, sagt Günter Haumanns Sohn Heiko, der seit 2007 im Geschäft ist. „Heute sind es weniger als 300.“ Die Ursache dafür ist klar: Das Internet, genauer gesagt Raubkopien und vor allem die Streamingdienste, die Filme ohne großen Aufwand ins Wohnzimmer bringen - und zu überschaubaren Kosten. „Noch ist das Streamen günstig“, meint Heiko Haumann. Allerdings muss man unter Umständen mehrere Dienste abonnieren, um alle Filme und Serien zu sehen, die einen interessieren.


In der letzten Videothek gehen bald die Lichter aus

Günter Haumann hat mit dem Verleih von VHS-Kassetten begonnen. Später stellte der dann auf DVD und dann auch Blue-Rays um. © Stefan Milk


Zugriff auf 20.000 Titel

Auf den rund 500 Quadratmeter im Bergkamener „Video Planet“ standen zu Spitzenzeiten 8000 bis 10.000 Titel. „Mit dem Archiv mit unserem Stamm-Sitz an der Bodelschwingher Straße in Dortmund haben wir Zugriff auf etwa 20.000 unterschiedliche Filme“, sagt Heiko Haumann. Doch die Online-Konkurrenz wurde immer mächtiger: „Seit 2016 ging der Umsatz jedes Jahr um 20 bis 30 Prozent zurück“, sagt Heiko Haumann. Und das gilt nicht nur für die Filme. Die Haumanns haben auch immer Videospiele vermietet. „Bergkamenen war sogar unser stärkster Standort dafür“, sagt Heiko Haumann, dessen Familie in guten Zeiten fünf Videotheken betrieben hat. Nach dem Aus in Bergkamen bleiben noch zwei.

In der letzten Videothek gehen bald die Lichter aus

Die Videospiele waren einst ein wichtiger Umsatzfaktor in der Bergkamener Videothek. Inzwischen laden immer mehr Spieler die Spiele aus dem Internet herunter. © Stefan Milk


Einst brachten Video-Spiele den größten Umsatz

Auch ihre Spiele können sich die Computer-Freunde längst direkt aus dem Netz herunterladen. „Demnächst kommen sogar Konsolen auf den Markt, die gar kein Laufwerk mehr haben“, sagt Heiko Haumann. „Dann muss man auch keine DVDs mehr leihen.“ Inzwischen haben sich die Umsätze der Videothek verschoben: „Heute machen wir 10 Prozent mit Spielen, 40 Prozent mit Filmen - und 50 Prozent mit Erotik.“ Die gibt es in einem Nebengebäude, zu dem nur Erwachsene Zutritt haben. Aber der „Video Planet“ ist durchaus auch eine Familienangelegenheit.

In der letzten Videothek gehen bald die Lichter aus

Der Schlussverkauf läuft, voraussichtlich im August ist die Video-Ära an der Ebertstraße zu Ende. © Stefan Milk


Kunden aller Altersklassen

„Wir haben in den Sommerferien immer Aktionen angeboten.“, sagt Heiko Haumann. Mädchen und Jungen, deren Familien einen Mitgliedsausweis haben, konnte da auch schon mal einen Film umsonst ausleihen. „Damit wollten wir die Kinder an das Medium heranführen“, sagt Heiko Haumann. Das ist im Grunde auch gelungen: „Wir haben Kunden aus jeder Altersklasse - nur eben nicht genug.“ Weil die Zahl der Gelegenheitsbesucher immer stärker abnahm, halfen auch die treuen Stammkunden irgendwann nicht mehr, um die Videothek noch wirtschaftlich zu führen: „Die waren traurig und schockiert, als sie erfuhren, dass wir schließen“, sagt Heiko Haumann. Aber während die Kosten immer weiter stiegen, konnten die Haumanns die Ertragsseite kaum steigern. Die Leihgebühr für eine DVD beträgt für einen Tag 1,75 Euro, für eine Blue-Ray 2 Euro. „Für die VHS-Videokassetten haben wir damals 10 D-Mark pro Tag genommen“, erinnert sich Günter Haumann. Allerdings kosteten die im Einkauf auch 260 DM pro Stück.


Mitarbeiter finden andere Jobs

Auch bei den Haumanns macht sich Wehmut breit, wenn ihr Blick über die wegen des Schlussverkaufes leerer werdenden Filmregale streift. Immerhin müssen sie sich keine Sorgen um die Beschäftigten ihrer Bergkamener Filiale machen. „Zwei Mitarbeiter haben wir kurzfristig aus ihren Verträgen entlassen, weil sie schnell etwas Neues gefunden haben“, sagt Günter Haumann. Eine langjährige Bergkamener Mitarbeitern wird mit in die Dortmunder Zentrale ziehen. Bis an der Ebertstraße die Video-Ära endgültig zu Ende geht, hat sie dort aber noch zu tun., wie ein Flyer in einem Ständer neben dem Ausleihtresen beweist. Er trägt die Aufschrift „Die besten Filme im Juni 2019“ und wirbt unter anderem für „Green Book“, der in diesem Jahr den „Oscar“ für den besten Film gewonnen hat. „Die Neuerscheinugen bekommen wir noch rein“, sagt Heiko Haumann. „Und wir verleihen sie natürlich auch noch, bis wir endgültig schließen.“

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