Homeoffice hat viele Vorteile. Das finden auch die Bayer-Mitarbeiter, die nicht zu Hause arbeiten können. Doch auch sie wollen wahrgenommen werden. Denn Homeoffice bedeutet mehr Arbeit für sie.

Bergkamen

, 24.10.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn Kay Kaintoch und Simone Haronska mit ihrer Schicht zu ihrem Arbeitsplatz gehen, dann nehmen sie den Weg durch ein anderes Gebäude. Die Schicht, die sie ablösen, verlässt den Arbeitsplatz kurz vorher über die Tür nach draußen. Die beiden Gruppen begegnen sich also nicht. Nur die zwei Wartenfahrer treffen sich für eine kurze Übergabe. Eine gemeinsame Übergabe, bei der jeder seinen Aufgabenbereich persönlich an den nächsten übergibt und dabei eine angenehme Schicht wünscht, gibt es seit Beginn de Corona-Pandemie nicht mehr. So wenig Kontakte wie möglich lautet die Devise.

Kaintoch und Haronska arbeiten in der Destillation am Bergkamener Bayer-Standort. Sie stellen aus den Stoffgemischen wieder Lösemittel her, das dann wieder für die Produktion benötigt wird. Die Destillation recycelt die Lösemittel, damit diese wieder für chemische Prozesse eingesetzt werden können. Maschinen trennen die Lösemittel von jenen Stoffen mit denen sie vermischt wurden – vereinfacht gesagt.

Nicht alle Bayer-Mitarbeiter können von zu Hause aus arbeiten

Als die Corona-Pandemie im März auch über Deutschland hereinbrach, hatten Kaintoch und Haronska nicht die Möglichkeit, ins Homeoffice zu wechseln. Sie müssen vor Ort bei den Rechnern und Maschinen bleiben und regelmäßig persönlich kontrollieren, dass alles rund läuft. Haronska ist Chemikantin und Kaintoch Schichtleiter.

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Sie und ihe Kollegen halten die Stellung, während viele andere Bayer-Mitarbeiter ins Homeoffice gewechselt sind. Für die beiden ist das kein Problem. Haronska hat einmal einen Tag während einer Schulung im Homeoffice verbracht und sagt: „Das ist nichts für mich.“ Kaintoch kann sich zwar gut vorstellen, von zu Hause aus zu arbeiten, aber das ist nun einmal nicht möglich.

Dass ihr Arbeitgeber diese Arbeitsform aber für jene ermöglichte, die von zu Hause aus arbeiten können, schätzen sie. Auch, dass der Bayer-Standort während des Shutdowns unkonventionell und flexibel reagiert hat und bei Betreuungsproblemen auch Freistellungen von der Arbeit anbot, finden die zwei gut.

Aktuelle Diskussion zum Thema Homeoffice sollte ausgeweitet werden

Man merkt, dass sie sich nicht beschweren wollen, doch gleichzeitig wollen sie bei der aktuellen Diskussion zum Thema Homeoffice auch ihre Interessen vertreten. Denn während die Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob Homeoffice vielleicht sogar gesetzlich festgelegt werden sollte, fragt sich kaum jemand, wie es jenen ergangen ist, die während der ganzen Zeit im Betrieb Einsatz waren.

Kay Kaintoch ist der Schichtleiter und hat ein eigenes Büro.

Kay Kaintoch ist der Schichtleiter und hat ein eigenes Büro. Zum Schichtwechsel fährt er den Rechner hoch, über den später auch Skype-Konferenzen und Kurznachrichten mit den Kollegen im Homeoffice ausgetauscht werden können. © Marcel Drawe

Eigentlich dürfen all jene, die trotz Krise überhaupt noch Arbeit hatten, froh sein. Und das sind die beiden Chemikanten auch. Doch mit Blick auf zukünftiges Arbeiten und die Diskussion rund ums Homeoffice ist ein Blick auf die vergangenen Monate sehr wichtig – und zwar nicht nur ein Blick auf die heimischen Schreibtische, sondern auch in die Betriebe. Denn Kaintoch und Haronska haben nicht nur auf soziale Kontakte während des sonst lebendigen Schichtwechsels verzichtet und auf die gemeinsame Mittagspause mit ihren Kollegen.

Präsenzarbeiter übernehmen kleine Aufgaben für Kollegen zu Hause

Nein – sie übernehmen auch mehr Aufgaben, damit ihre Kollegen problemlos im Homeoffice arbeiten können. „Es sind viele kleine Aufgaben dazugekommen“, erklärt Kaintoch. Früher habe er 30 Telefonate angenommen, heute sind es 65. Informationen, die früher auf dem Flur ausgetauscht wurden, werden jetzt telefonisch oder in Videoschalten geklärt – und das ist auch in anderen Unternehmen so.

Simone Horanska und Kay Kaintoch sind Chemikanten bei Bayer.

Simone Horanska und Kay Kaintoch sind Chemikanten bei Bayer. Sie können nicht im Homeoffice arbeiten. Das stört sie weniger. Eine bessere Strukturierung, damit an ihnen nicht mehr Arbeit hängen bleibt, würden sie aber begrüßen. © Marcel Drawe

Außerdem müssen Kaintoch und Haronska auch mal vor Ort etwas für die Kollegen nachschauen oder Unterschriften leisten. Zusätzlich kommunizieren sie über Videochat, nehmen an digitalen Konferenzen teil und dann ploppt auf dem Bildschirm auch immer mal wieder der Kurznachrichtendienst auf.

„Man hat sich dran gewöhnt“, sagt Kaintoch über den Mehraufwand. Schön wäre es seiner Meinung nach aber, wenn an der Struktur gearbeitet würde – indem zum Beispiel digitale Unterschriften eingeführt würden oder die Besprechungskultur strikter würde. Denn damit die Kollegen die Vorteile des Homeoffice nutzen können, fangen Präsenzarbeiter wie Kaintoch und Horanska vieles auf. Und das könnte auch anders laufen. „Ich finde, dass wir offen diskutieren sollten, was nötig ist, damit das besser läuft“, sagt Kaintoch.

Homeoffice ist gut – wenn alle Seiten berücksichtigt werden

Womit wir wieder bei der öffentlichen Diskussion zum Thema Homeoffice wären: Denn Kaintoch, Horanska und ihre Kollegen wollen sich wie gesagt nicht beschweren. Sie loben, dass durch diese Möglichkeit die Arbeit weiterlaufen kann und betonen, dass sie lieber zusätzliche Aufgaben von Kollegen bewältigen, als dass der Standort möglicherweise wegen steigender Erkrankungen schließen muss. Auch dass durch Homeoffice CO2 eingespart wird, weil nicht jeder mit dem Auto zur Arbeit fährt, finden sie gut.

Sie wünschen sich lediglich, dass in die öffentliche Homeoffice-Diskussion auch einfließt, wie den Arbeitern vor Ort zusätzlicher Aufwand erspart werden kann.

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