Direkt an der Erft war die Demontage einer Brücke notwendig. Ihr Fundament war unterspült worden. © Stephanie Tatenhorst
Hochwassereinsatz

Helfer aus Kamen und Bergkamen holen Sechs-Tonnen-Brücke aus der Erft

Länger als zunächst geplant blieb das THW Kamen/Bergkamen in Bad Münstereifel im Einsatz. Aus zwei bis drei Tagen wurden sechs. Inzwischen sind die Helfer zurück. Müde, erschöpft, aber zufrieden.

Am Donnerstagmittag vergangener Woche um 13 Uhr wurde die heimische Abschnittskomponente des THW Bergkamen/Kamen angefordert. Die auf Hochwasser und Abstützarbeiten spezialisierten THW-Mitglieder sollten in Bad Münstereifel Gebäude absichern, wo es nur ging.

Wie immer konnte Ortsverbandsvorsitzender Uwe Hauptreif, der sich inzwischen auf die Verwaltungstechnischen Dinge konzentriert und die praktische Arbeit vor Ort Zugführer Tim Ramin überlässt, auf seine rein freiwillige Truppe verlassen. „Von unseren 61 Helfern waren 59 einsatzbereit. Von den beiden anderen war einer mit seiner Frau auf dem Weg in den Kreißsaal und ein anderer saß auf einer Nordseeinsel fest und konnte die Fähre nicht mehr erwischen. Zwei gute Gründe, nicht zu kommen.“ Doch, so sagt Hartreif: „Man unterschreibt bei uns freiwillig, aber dann ist man verpflichet, zu kommen.“

Truppe nahezu komplett einsatzbereit

Die anderen waren daher zur Stelle, auch wenn nicht alle mit nach Bad Münstereifel fuhren, sondern im Quartier an der Werner Straße Hintergrundarbeit leisteten. Da lagen hinter der THW-Ortsgruppe aber auch so schon anstrengende Zeiten. Hauptreif schreibt am 46. Einsatzbericht für dieses Jahr. „Das hatten wir noch nie.“ Erst war das THW im Pandemieeinsatz und baute einen Impfdrive in in Schwelm auf und unterstützte den mit Personal, dann begannen die Unwetter. Zunächst mit Schneechaos im Februar, nun die Regenfälle.

Das Erkunden war vorrangigste Aufgabe von Zugführer Tim Ramin – um dann zu entscheiden, wen er wohin schicken konnte. Junge Kräfte mussten vor schlimmsten Bildern geschützt werden, Ältere durften hinsichtlich ihrer Kräfte nicht überfordert werden. „Glücklicherweise hatten wir es aber weder mit Kadavern noch mit Leichen zu tun. © Tim Ramin THW © Tim Ramin THW

Zunächst waren die Kräfte in Fröndenberg im Einsatz, wo ein Fischteich leer gepumpt werden musste, dann wurden im Auftrag des Kreisbrandmeisters der Feuerwehr Sandsäcke für den Kreis Unna und den Märkischen Kreis als vorbeugende Maßnahme gefüllt. Dass die 6000 Säcke kurz darauf gebraucht würden, ahnte niemand.

Denn vom Abfüllplatz in Werne ging es direkt zum Einsatz nach Oberaden, wo Wassermassen beseitigt und das Pumpwerk am Pantenweg gesichert werden mussten. „Wir sind für die Infrastruktur zuständig“, erklärt Tim Ramin. Und so ist das THW Bergkamen/Kamen seit dem 14. Juli im Dauereinsatz. Die Kräfte rückten von Oberaden weiter nach Altena, Plettenberg, Lüdenscheid, Iserlohn, Mühlheim, Köln und nun Bad Münstereifel. „Es ist schon ein sehr intensives Jahr“, sagt Hauptreif.

Tim Ramin und Uwe Hauptreif vom THW Kamen/Bergkamen haben bis jetzt 46 Einsätze gezählt. So viele gab es in einem Jahr noch nie – und es ist erst Juli. © Stephanie Tatenhorst © Stephanie Tatenhorst

Was aber auch die professionellen Helfer begeistert, ist der Zusammenhalt aller. „Es gibt keinen Konkurrenzkampf mit anderen Hilfsorganisationen“, und auch die vielen Freiwilligen, die mit anpacken wollten, seien toll. „Es gibt aber einfach Aufgaben, die müssen die Profis machen. Sperrmüll beseitigen und Keller von Schlamm befreien, das kann jeder. Wir vom THW erneuern aber Infrastruktur, bauen die Trinkwasserversorgung wieder auf, generieren Strom“, zählt Ramin die Aufgaben auf. In Altena fuhr man mit einem Sachverständigen die Lenne ab, damit die Brücken kontrolliert werden konnten. „Da war teilweise paddeln angesagt“, weiß Ramin, dass seine Kameraden am Abend ihre Muskeln spürten.

Doch an der Erft war es noch eine Spur schlimmer. Man war am Tag 8 nach der Kastrophe vor Ort – „und da war noch immer Chaosphase“, sagt Ramin. Noch immer waren Bereiche nicht erkundet und gesichert. Das heimische THW wurde dazu eingesetzt, das Flussbett freizuschneiden und Treibgut zu entfernen. „Wir haben ein Auto aus der Erft geboren und Leitplanken entfernt“, beschreibt Ramin, zudem wurden Wehre und Überläufte von Matratzen und Gartenmöbeln befreit.

Wie soll man an so einer Einsatzstelle weiter vorgehen? Das heimische THW unternahm daher auch so manche Fachberatung zum weiteren Vorgehen der Einsatzkräfte. © THW Tim Ramin © THW Tim Ramin

Die beeindruckendste und nicht alltägliche Aufgabe für die THWler war es aber, eine sechs Tonnen schwere Brücke aus der Erft zu holen, in der sich Treibgut gefangen hatte. „Dazu brauchten wir einen 100-Tonnen-Kran und jede Menge Flex-Arbeiten. So eine Nummer hat man nicht jeden Tag“, sagt Ramin.

Brückengelände hat nun Wellenform

Ein Brückengeländer mit klassischen Streben hätte nun eine Wellenform gehabt. „Selbst so mancher Helfer war überrascht, was Wasser für eine Kraft entwickeln kann“, sagt Ramin. Dabei sei die Erft an sich ein Bach wie die Seseke. Die ist normalerweise 30 bis 50 Zentimeter tief. Doch im Unwetter zog sie mit 50 bis 70 Metern Breite und einem Wasserstand von fünf bis sechs Metern durch Bad Münstereifel. Für den Fachmann galt es daher, Schadstellen zu erkunden und Sicherungsmaßnahmen durchzuführen.

Und so wurden aus den geplanten drei Tagen plötzlich sechs, an denen in Zwölf- Stunden-Schichten malocht wurde. Ein paar Mitglieder der Truppe wurden zwischenzeitlich zum Teil ausgetauscht, weil sie andere Verpflichtungen hatten, doch Ramin und ein Großteil blieb über sechs Tage. „Wir müssen den Arbeitgebern wirklich danken, dass sie das so mitgetragen haben“, sagt Hartreif.

Mit leichten Blessuren und Eindrücken zurück

Am späten Dienstagnachmittag kehrten die heimischen Technischen Helfer zum Standort an der Werner Straße zurück – geschafft und mit leichten Kratzern und Blessuren. „Das bleibt nicht aus“, sagt Ramin. Deshalb sei der vollständige Impfschutz so wichtig, sagt Hartreif. Vor Ort ließen die THWler Schaufeln, Besen und Handschuhe. Mit nach Hause nahmen sie unvorstellbare Eindrücke. Tim Ramin selbst beschäftigte ein verwüsteter Friedhof am meisten. Dass Urnen plötzlich immer Wasser lagen. „Da verlieren die Leute nicht nur Haus und Hof, sondern auch noch ihre Gedenkstätte“, sagt der Rünther, der gedanklich sofort Parallelen zum Rünther Friedhof zog, wo seine Ahnen begraben sind.

Schon am Abend hätten die Kräfte wieder zum nächsten Einsatz ausrücken können. Wieder kam der Hilferuf aus dem Ertftal. Aber Tim Ramin setzte auf die nötige Erholungsphase. Denn an Schlaf war an den sechs Tagen nicht wirklich zu denken gewesen.

Über die Autorin

Unna am Abend

Täglich um 18 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.