Grubenwasser-Anstieg macht Gelsenwasser Sorgen – ums Trinkwasser und um Gebäude

dzBergbau

Nicht nur von den Umweltverbänden gibt es Widerstand gegen das Ansteigen des Grubenwassers. Auch Gelsenwasser hat Bedenken – und Experten fürchten, dass es zu neuen Gebäudeschäden kommen kann.

Bergkamen, Kamen

, 27.02.2020, 16:46 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn Bernd Hartung, der Sprecher der Gelsenwasser AG, auf das Ansteigen des Grubenwassers angesprochen wird, dann hat er eine ganze Reihe von Bedenken. Das Unternehmen geht davon aus, dass – einfach gesagt – durch den Grubenwasseranstieg im Untergrund einiges in Bewegung gerät. Es geht davon aus, dass das Wasser Grubengas nach oben drückt. „Es kann zu unkontrollierten Gasaustritten kommen und die Bodentektonik verändern“, sagt Hartung. Das werden sich vermutlich auch auf die Fundamente von Häusern auswirken.

Das Grubenwasser unter Tage ist salzhaltig und mit diversen Schadstoffen belastet.

Das Grubenwasser unter Tage ist salzhaltig und mit diversen Schadstoffen belastet. © picture alliance / dpa

Der Anstieg hat schon begonnen

Der Anstieg des Grubenwassers hat schon begonnen. Die RAG hat die Genehmigung bekommen, den Grubenwasserspiegel auf von über 1000 auf 600 Meter unter der Geländeoberfläche ansteigen zu lassen. Auf der ehemaligen Zeche Haus Aden, über die das Unternehmen die Wasserhaltung im östlichen Ruhrgebiet betreibt, sind die Pumpen schon seit einiger Zeit abgestellt.

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Die RAG hat ausgerechnet, dass sie erst wieder 2023 damit beginnen muss, denn dann ist der vorgesehene Grubenwasserstand von minus 600 Metern erreicht. Bis dahin sollen Tauchpumpen installiert werden, um wieder Grubenwasser in die Lippe zu pumpen.

Die Gelsenwasser AG fürchtet besonders um das Trinkwasser aus den Haltener Sanden.

Die Gelsenwasser AG fürchtet besonders um das Trinkwasser aus den Haltener Sanden. © Holger Steffe (Archiv)

Gelsenwasser fürchtet um Trinkwasserreservoir Halterner Sande

Gelsenwasser fürchtet jetzt nicht nur um Gebäude, sondern vor allem um das Trinkwasser. Dabei geht es vor allem um das Trinkwasserreservoir in den Halterner Sanden, aus dem auch der nördliche Kreis Unna zum Teil versorgt wird. Dabei handelt es sich um eine 200 Meter starke Sandschicht, die von der letzten Eiszeit übrig geblieben ist. In ihr befindet sich das Wasser, das Gelsenwasser in Haltern als Trinkwasser fördert.

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„Zu dieser Sandschicht gibt es keine Schutzschicht“, erklärt der Gelsenwasser-Sprecher. Falls das Grubenwasser mit ihr in Kontakt kommt, würde das Trinkwasser unbrauchbar. Das Grubenwasser ist nicht nur salzhaltig, sondern auch mit diversen Schadstoffen belastet. Unter anderen gehen Experten davon aus, dass PCB mit ausgespült wird.

Kritiker gehen davon aus, dass das Grubenwasser auch unter Tage verwendetes PCB ausspült.

Kritiker gehen davon aus, dass das Grubenwasser auch unter Tage verwendetes PCB ausspült. © Borys sarad

Wasserversorger fürchtet Aufsteigen durch Kapillarwirkung

Zwar ist der Abstand zwischen Gruben- und Trinkwasser mit 400 Metern noch recht groß. Experten wollen aber auch nach Hartungs Angaben nicht ausschließen, dass Grubenwasser durch die Kapillarwirkung durch Erdspalten auch noch höher aufsteigt.

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„Wir werden deshalb sehr genau darauf achten, was beim Grubenwasseranstieg geschieht“, sagt Hartung. Vor allem müsse sichergestellt sein, dass die Pumpen, die das Grubenwasser unten halten, sicher sind. „Sie dürfen nicht auf einmal vier Wochen lang ausfallen.“ Zu einer Gefährdung der Trinkwasserversorgung dürfe es auf keinen Fall kommen.

Durch die dicken Rohre am Schacht Haus Aden 2 wurde das Grubenwasser zur Lippe gepumpt. Die RAG hat das Pumpen schon vor einiger Zeit eingestellt.

Durch die dicken Rohre am Schacht Haus Aden 2 wurde das Grubenwasser zur Lippe gepumpt. Die RAG hat das Pumpen schon vor einiger Zeit eingestellt. © Borys sarad

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Markscheider geht von Hebungen aus

Auch Gebäudeeigentümer, deren Häuser sich in ehemaligen Bergbaugebieten wie Bergkamen oder Kamen befinden, sollten in den kommenden Jahren genau hinschauen, ob sie neue Schäden feststellen.

Klage gegen Bergamt

Urteil im Saarland wohl nicht einfach übertragbar

  • Gegner des Grubenwasseranstiegs machen darauf aufmerksam, dass im Saarland Kommunen erfolgreich gegen den Grubenwasseranstieg geklagt haben.
  • In der Tat hatte das Oberverwaltungsgericht (OVG) des Saarlandes Mitte Dezember einer Klage der Gemeinde Nalbach stattgegeben.
  • Sie hatte dagegen geklagt, dass die RAG das Grubenwasser im ehemaligen Bergwerk Saar auf minus 400 Meter ansteigen lassen wollte.
  • Es wies Berufungen der RAG und des Bergamtes Saarbrücken gegen ein Urteil aus einer niedrigeren Instanz zurück.
  • Der Fall liegt aber wohl anders als im Ruhrgebiet. Das Bergamt hatte den Anstieg 2013 über einen Sonderbetriebsplan genehmigt.
  • Der Antrag der RAG bezog sich auf eine wasserrechtliche Erlaubnis aus dem Jahr 2007, die sich aber auf den damals noch aktiven Grubenbetrieb bezog.
  • Das OVG ging deshalb davon aus, dass die Genehmigung des Bergamtes rechtswidrig ist.
  • Die RAG muss dort weiter pumpen.

Dr. Volker Baglikow, der für den „Verband der Bergbaugeschädigten Haus- und Grundeigentümer“ (VBHG) als Markscheider arbeitet, geht ebenfalls davon aus, dass es durch den Grubenwasseranstieg zu Hebungen „im Dezimeterbereich“ kommt, die ähnliche Wirkungen wie Bergsenkungen haben.

Baglikow rechnet zwar damit, dass es in großen Teilen des Ruhrgebiets zu gleichmäßigen Hebungen kommt, die wenig bis keine Auswirkungen auf Gebäude haben. Überall dort, wo es sogenannte Störungen im Untergrund gibt, kann es nach seiner Einschätzung auch wieder zu Schieflagen und Rissen an Gebäuden kommen.

Forderung nach regelmäßigen Messungen

Er verlangt deshalb ein sorgfältiges „Monitoring“ wie sich der Anstieg des Grubenwassers auf die Tagesoberfläche auswirkt. Das bedeutet: Die RAG müsste die Erdoberfläche vermessen und Messlinien festlegen, an denen sie regelmäßig Veränderungen kontrolliert.

Das würde es Hauseigentümern es zumindest leichter machen, Schadenersatzansprüche an die RAG-Stiftung zu stellen. Sie könnten beweisen, dass die Schäden auf Hebungen zurückzuführen sind.

Anders als im Saarland werden sich Bergkamen und andere Ruhrgebietskommunen wohl nicht gegen den Grubenwasseranstieg zur Wehr setzen. Er können bisher keine Bereitschaft dazu bei anderen Kommunen erkennen, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende und Bürgermeisterkandidat Bernd Schäfer. Einen Bergkamener Alleingang schließt er aus.

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