Der Kamener Schriftsteller Gerd Puls hat ein politisches Gedicht über das Grubenunglück 1946 auf der Zeche Grimberg 3/4 geschrieben. © privat
Schriftsteller

Gerd Puls schreibt politisches Gedicht über das Grubenunglück von 1946

Als der Kamener Schriftsteller Gerd Puls von Heeren-Werve zum Stadtmuseum in Bergkamen radelte, hatte er die Idee zu einem Gedicht über das Grubenunglück von 1946. Es erscheint zum Jahrestag des Unglücks im Februar.

Gerd Puls hat oft Ideen für Gedichte oder Geschichten, wenn er sich an der frischen Luft bewegt. Deshalb war es wohl auch kein Wunder, dass er die Idee zu einem Gedicht über das tragische Grubenunglück 1946 auf der Zeche Grimberg 3/4 hatte, als er mit dem Fahrrad unterwegs war. „Beim Fahrradfahren habe ich immer den Kopf frei“, sagt Puls.

Die Inspiration kam gleich von zwei Seiten. Er fuhr auch durch Weddinghofen, den heutigen Stadtteil, in dem es am 20. Februar 1946 zum schwersten Unglück in der deutschen Bergbaugeschichte kam.

Das Unglück war auch der Anlass für die Fahrt nach Bergkamen. Er wollte zum Stadtmuseum, weil er eingeladen war, sich an der Ausstellung zum 75. Jahrestag des Unglücks zu beteiligen. Das liegt nahe, denn der Schriftsteller aus Heeren-Werve beschäftigt sich schon seit Jahren in seinem Werk mit der Arbeitswelt im Ruhrgebiet.

Die Explosion unter Tage war so stark, dass es sogar zu Zerstörungen an den Tagesanlagen der Zeche kam. Zwei Beschäftigte kamen auch über Tage ums Leben © Archiv © Archiv

Das Gedicht über das Grubenunglück ist wie viele seiner Werke nicht etwas poetisch Schönes, sondern die Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt im Bergbau – und mit dem Schmerz und der Trauer, die in vielen Bergkamener Familien die Folge des Unglücks war. Puls nennt seine Gedichte „politische Gedichte“. Vor einigen Jahren hat er sich beispielweise in einem seiner Werke mit der Atomkatastrophe von Fukushima beschäftigt, die in Deutschland zum endgültigen und beschleunigten Ausstieg aus der Atomenergie führte.

Gedicht erschient in einem Band des „Verlag am Park“

Das Gedicht soll Ende Februar in einer Anthologie des kleinen Berliner Verlages „Verlag am Park“ erscheinen – eigentlich pünktlich zur Leipziger Buchmesse im März. Die ist jedoch wegen der Corona-Pandemie mindestens auf den Mai verschoben. Was Puls besonders erschüttert: Das Unglück traf Weddinghofen und viele Familien aus dem heutigen Bergkamen in einer besonders unglücklichen Situation.

Der Zweite Weltkrieg war damals noch nicht einmal ein Jahr vorüber, die meisten Menschen lebten unter kargen Bedingungen und waren froh, dass sie überlebt hatten – und dann brachte das Unglück auf Grimberg 3/4 neues Unheil über sie.

Für den verheerenden Unfall macht er auch die mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen auf der Zeche verantwortlich, die immer als gefährlich galt, weil die Methangas-Konzentration unter Tage besonders hoch war.

Das Gedicht über das Unglück hat er vorab zur Verfügung gestellt:

Grimberg, 75 Jahre

Buntes Laub, die Blätter fallen, Zeit

Vor die Tür zu gehen, bevor der Winter kommt

Der Wind weht von West. Schöner Herbsttag

Trotz Corona und all dem anderen Mist. Heute fahr ich

Mit dem Rad über die alte Zechenbahntrasse Richtung

Bergkamen, und, obwohl damals noch nicht geboren

Ist plötzlich alles ganz nah: 1946 war es, 20. Februar

Schnellregen und Hagelschauer über Weddinghofen

Und die umliegenden Dörfer, ganz anders damals

Vor 75 Jahren als heute in der letzten Oktoberwoche

Zu Fuß, per Fahrrad kommt die Morgenschicht

Zur Zeche, trüber Tag, Hungerwinter nach dem Krieg

In der Lohnhalle für jeden der 400 Männer

Ein Teller Bohnensuppe und ab in den Schacht

Blitze zucken, ein Wintergewitter, 20. Februar

Mittwoch Mittag, 12.05 Uhr, die blaurote Stichflamme

Schießt dreihundert Meter hoch aus dem Schacht

In den Himmel, und die Erde bebt. 466 Männer

Unten im Schacht. Was sagen schon Zahlen?

Vor ein paar Wochen die Atombomben abgeworfen

Über Hiroshima und Nagasaki. So viel Leid, so viele Tote

Weddinghofen, kleiner Bergbauort. Der Krieg gerade vorbei

Endlich befreit, und alles zerstört und nichts mehr da

Außer Mangel und Not, die Engländer wollen

Reparationen, die Kohle muss kommen, so oder so

Ganz egal wie, auch wenn alles längst ausgebeutet

Zugrunde gerichtet von den Nazis, eine Stichflamme

Eine Explosion, tief unten mehr als 400 Tote

Der Schacht schwer beschädigt, kann es da noch

Überlebende geben, gibt es da noch etwas zu retten?

Retten, womit? Retten, mit was? Leere Hände

Über Schacht Grillo fahren tatsächlich paar

Handvoll Überlebende aus. Auf Flöz Ida ist kein einziger

Mehr zu finden, aber elf Überlebende auch

Auf der zweiten Sohle. Dann Nachexplosionen

Und das Rettungsseil zu kurz. Weitersuchen?

Die sind doch alle längst tot. Alle. Zumauern

Und abdämmen also, eine Rettung für die

Kann es nicht geben. Doch, doch, hinter

Der Mauer! Ruft Emil. Da sind noch

Kumpels, ich weiß es genau! Tut was, die warten

Auf Rettung unterhalb der zweiten Sohle

Wir hören auf, was soll das noch? Letzte Überlebende

Fahren aus. Wir machen dicht. Endgültig. Dienstag drauf

Keine Woche vergangen, die wenigen Bergungsversuche

Abgebrochen, endgültig. Auf Grimberg 405 Tote

Hinterbliebenenrenten weit unter dem Existenzminimum

Wer fragt danach? Bergkamen 2020, schöner Herbsttag

Letzte Blätter fallen, der Wind weht von West

Über den Autor
Redaktion Bergkamen
Geboren 1960 im Münsterland. Nach dem Raumplanungsstudium gleich in den Journalismus. Mag Laufen, Lesen, Fußball und den BVB ganz besonders. An den Bergkamenern liebt er ihre Offenheit. Die Stadt ist spannend, weil sie sich im Strukturwandel ganz neu erfinden muss und sich viel mehr ändert als in anderen Städten.
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