Die Wohnungseigentümer aus den geräumten Häusern beantragen, dass die Stadt ihre Ordnungsverfügung aufhebt und sie wieder einziehen lässt. Falls nicht, drohen sie mit rechtlichen Schritten.

Bergkamen

, 07.08.2019, 16:08 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jörg Suttrop hofft, dass seine Mutter bald wieder in ihre Wohnung einziehen kann. Die fast 83-Jährige gehört zu den Bewohnern der Häuser Töddinghauser Straße 135 und 137, die von der Stadt am 15. Mai innerhalb weniger Stunden wegen Brandschutzmängeln geräumt wurden. Suttrop hat seine Mutter vorübergehend in einer anderen Mietwohnung in Bergkamen untergebracht. Glücklich ist sie dort nicht, wie ihr Sohn schildert, der Eigentümer ihrer Wohnung ist. Seine Mutter werde immer depressiver, sagt der Wohnungseigentümer. „Sie fühlt sich wie als Kind im Krieg, als die Familie ausgebombt war“, sagt Suttrop.

Geräumte wollen in ihre Wohnungen zurück und setzen der Stadt eine Frist

Gutachter Thomas Albrecht zeigt Stellen im Keller, die von den Wohnungseigentümern ausgebessert worden sind. © Marcel Drawe

Stadt soll ihre Brandschutzverfügung aufheben

Wenn es nach dem Brandsachverständigen Thomas Albrecht geht, können die Bewohner der beiden Häuser bald wieder in ihre Wohnungen zurück. Er hat an diesem Mittwoch einen Antrag bei der Stadt abgegeben, die Ordnungsverfügung vom 15. Mai aufzuheben und damit den Weg für den Wiedereinzug frei zu machen. Nach seiner Ansicht sind die in der Verfügung aufgelisteten Mängel entweder behoben oder waren von vornherein gegenstandslos.

Geräumte wollen in ihre Wohnungen zurück und setzen der Stadt eine Frist

Die ehemaligen Müllabwurf-Schächte in den Häusern sind inzwischen verschlossen und so versiegelt, dass weder Rauch noch Gas eindringen können. © Marcel Drawe

Frist nur bis zum 14. August

Viel Zeit wollen Albrecht und die Wohnungseigentümer der Stadt nicht lassen, eine Entscheidung zu treffen. Der Anwalt, der die Eigentümer vertritt, hat der Stadt eine Frist von nur einer Woche gesetzt. Wenn sie dem Antrag nicht statt gibt oder bis zum 14. August keine Entscheidung trifft, drohen die Eigentümer mit einer gerichtlichen Entscheidung.

Sie wollen vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen gegen die Stadt Bergkamen klagen. Albrecht geht davon aus, dass das Gericht in diesem Fall ausnahmsweise kurzen Prozess macht und sich die Auseinandersetzungen nicht über Monate und Jahre hinziehen. Ein Eilverfahren sei bereits im Vorfeld abgesprochen, sagt der Gutachter.

Geräumte wollen in ihre Wohnungen zurück und setzen der Stadt eine Frist

Thomas Albrecht zeigt ein Loch, durch das Rohrleitungen verlaufen, das die Wohnungseigentümer mittlerweile geschlossen haben. © Marcel Drawe

Gutachter sieht keine Grundlage für Forderung nach „Konzept“

Albrecht kritisiert auch Aussagen von Bergkamens Bürgermeister Roland Schäfer, dass bisher kein verbindliches Brandschutzkonzept vorliege. Schäfer hatte Anfang der Woche gesagt, dass die Stadt die Wiederherstellung der Brandsicherheit in den Gebäuden nicht beurteilen könne. Das sieht Albrecht anders: „Die Forderung nach einem solchen Konzept gibt die Landesbauordnung nicht her“, sagt er. Ein Brandschutzkonzept sei nur bei einer Nutzungsänderung oder bei einem Neubau erforderlich – nicht aber bei Häusern, die schon seit gut 45 Jahren unverändert als Wohnhäuser genutzt werden.

Geräumte wollen in ihre Wohnungen zurück und setzen der Stadt eine Frist

Auch diese Durchführung von Rohrleitungen ist mittlerweile abgedichtet. © Marcel Drawe

Vorwürfe an die Stadt

Die Eigentümer und ihr Gutachter werfen der Stadt ihrerseits vor, sich nicht an Absprachen gehalten zu haben. In einem mehrstündigen Gespräch am 15. Juli mit Behördenvertretern, Gutachtern und Vertretern der Eigentümer seien erforderliche Brandschutzmaßnahmen festgelegt worden. Wenn sie erfüllt würden sei die Aufhebung der Ordnungsverfügung signalisiert worden. Nur wenige Tage später habe die Stadt jedoch weitere Forderungen gestellt, die erheblich mehr Kosten verursacht hätten, sagt Albrecht. Diese Forderungen seien auch nicht durch die Ordnungsverfügung gedeckt. „Wenn sie zu dem Schluss kommt, dass diese Mängel zusätzlich bestehen, müsste sie eine weitere Ordnungsverfügung erlassen“, meint Albrecht.

Geräumte wollen in ihre Wohnungen zurück und setzen der Stadt eine Frist

Die beiden Häuser, die auf den ersten Blick wie eine Einheit wirken, sind in den Wohngeschossen komplett voneinander getrennt wie die Fuge zeigt. © Marcel Drawe

Eigentümer haben selbst Maßnahmen getroffen

Suttrop wirft der Stadt vor, einen eigentlich vereinbarten Termin am vergangenen Montag ohne weitere Begründung verstreichen lassen zu haben. Bei dieser Gelegenheit sollten die Behördenvertreter die Maßnahmen begutachten, die von den Eigentümern getroffen wurden, um die Brandschutzauflagen zu erfüllen.

Sie hätten mittlerweile die Einwurfschächte der Müllschlucker rauch- und gasdicht abgedichtet, brennbare Einbauten und Teppiche aus den Fluchtwegen entfernt und sogar Maßnahmen in den benachbarten Turmarkaden getroffen, obwohl sie dort nicht zuständig sind, sagt Suttrop, der zum Krisenstab der Wohnungseigentümer gehört. Dort hätten die Eigentümer Löcher an Rohrleitungen geschlossen, durch die Rauch in die Häuser dringen könnte, schildert er.

Zweifel daran, dass Messwerte so dramatisch waren

Albrecht bezweifelt zudem, dass die Situation beim Brand im Keller der benachbarten Turmarkaden wirklich so dramatisch war. Der Wert von 200 ppm Kohlenmonoxid (CO) sei von der Feuerwehr nur an einer Stelle im Treppenhaus gemessen worden, sagt Albrecht – aber nicht in einer der Wohnungen. Suttrop hofft, dass der Antrag der Wohnungseigentümer Erfolg hat, auch im Interesse seiner Mutter. Der Mietvertrag für die Ersatzwohnung gilt nur noch für den August. „Was dann werden soll, weiß ich noch nicht“, sagt er.

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