Nach 79 Tagen hoffen die Wohnungseigentümer aus den geräumten Häusern, dass sie endlich nach Hause können. Noch herrscht aber Uneinigkeit, welche Brandschutzmaßnahmen dafür ausreichen.

Bergkamen

, 02.08.2019, 17:48 Uhr / Lesedauer: 3 min

Günter und Rita Luft haben zu tun. Günter Luft malt seinen Protest auf einen großen Pappkarton. „Die Würde des Menschen ist u“, steht dort bis jetzt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar: außer in Bergkamen“, soll dort stehen, verrät er. Das Plakat will er ins Fenster des Schlafzimmers hängen. „Bis wir dort wieder einziehen dürfen“, sagt er.

Geräumte wollen endlich wieder zurück in ihre Wohnungen

Das Ehepaar zählt auf einem Kalender die Tage des Exils. Jetzt sind sie schon bei Tag 79 angekommen. © Marcel Drawe

Schon 79 Tage in der Notunterkunft

In dem Schlafzimmer darf das Ehepaar seit mittlerweile 79 Tagen nicht mehr schlafen. Es befindet sich in ihrer Wohnung in dem Haus Töddinghauser Straße 137. Das ist eines der beiden Hochhäuser, die am 15. Mai von der Stadt innerhalb weniger Stunden wegen Brandschutzmängeln geräumt wurden. Seitdem lebt das Ehepaar Luft in einem Ein-Zimmer-Appartement in der städtischen Notunterkunft an der Fritz-Husemann-Straße.

Rita Luft hat auf einem kleinen Wandkalender jeden Tag notiert, seit sie aus ihrer Wohung mussten. Auf einer der ersten Seiten hatte sie noch darüber geschrieben „Im Knast“.

Geräumte wollen endlich wieder zurück in ihre Wohnungen

Rita Luft hat das Kalenderblatt mit dem Termin aufbewahrt, als das Ehepaar aus der Wohnung musste. Seit dem 15. Mai wohnt es in der städtischen Notunterkunft. © Marcel Drawe

Nur der Fernseher bietet etwas Abwechslung

So fühlt sich das Ehepaar auch in seiner neuen, ungeliebten Heimat auf Zeit. In dem Appartement steht die stickige Luft nach den vergangenen warmen Tagen. Ein Ventilator, den Freunde vorbeigebracht haben, sorgt allenfalls unzureichend für Frischluft. Unter den Betten stapelt sich alles, was die Lufts nicht in dem schmalen Blechschrank unterbringen konnten, den ihnen die Stadt mittlerweile zur Verfügung gestellt hat. Das ist eine Menge, wenn man so lange nicht nach Hause kann.

Mittlerweile hat das Ehepaar zumindest einen Fernseher aufgestellt, um sich die Zeit zu vertreiben. „Ich habe mich manchmal dabei ertappt, dass ich die Blätter an dem Baum vor dem Haus gezählt habe – und dann habe ich gedacht, ich drehe durch“, sagt Rita Luft.

Geräumte wollen endlich wieder zurück in ihre Wohnungen

Seit kurzem hat das Ehepaar Luft zumindest einen Fernseher, der etwas Abwechslung in ihren tristen Alltag bringt. © Marcel Drawe

Experten diskutieren über die erforderlichen Maßnahmen

Wann das Ehepaar Luft und die anderen Bewohner der geräumten Häuser in ihre Wohnungen zurückkehren können, steht immer noch nicht fest. Zurzeit diskutieren die Experten, ob die Brandschutzmängel schnell behoben werden können oder ob dafür noch umfangreichere Maßnahmen notwendig sind.

Geräumte wollen endlich wieder zurück in ihre Wohnungen

Die Wohnhochhäuser Töddinghauser Straße 135 und 137 dürfen schon seit fast 80 Tagen nicht mehr bewohnt werden. Dort lebten knapp 100 Menschen. © Marcel Drawe

Experte der Eigentümer sieht kein Hindernis für Wiedereinzug

Nach Ansicht von Thomas Albrecht, dem Brandschutzexperten, den die Wohnungseigentümer engagiert haben, spricht nichts gegen einen schnellen Wiedereinzug. Die in der Ordnungsverfügung der Stadt aufgelisteten Brandschutzmängel lassen sich nach seiner Ansicht schnell beseitigen oder sind schon gar nicht mehr vorhanden. Wie Albrecht sagt, haben die Stadt und die Brandschutzstelle des Kreises Unna vor allem drei Dinge bemängelt:

  • die Abwurfschächte der Müllschlucker, durch die sich Brandrauch und Kohlenmonoxid (CO) schnell in den beiden Wohnhäusern ausbreiten können.
  • die Lüftungsleitungen für die fensterlosen Bäder und Küchen, über die sich Brandrauch und CO ebenfalls ausgebreitet hätten.
  • diverse offene Durchbrüche für Rohre in Wänden.

An diesem Samstag

Protest vor den beiden Häusern geplant

Die Wohnungseigentümer aus den geräumten Häusern planen an diesem Samstag, 3. August, ab 12 Uhr eine Protestkundgebung auf ihrem Grundstück vor den beiden Häusern. Sie wollen bei Essen und Getränken über ihre Situation informieren. Dazu sind alle Interessierten eingeladen. Auch der Brandschutzgutachter der Eigentümer, Thomas Albrecht, kommt.

Diese Mängel sind nach Albrechts Ansicht „zu 98 Prozent“ beseitigt. Die Abwurfschächte seien mittlerweile fast komplett rauchdicht verschlossen. Durch die Lüftungsschächte habe sich der Brandrauch von dem Kellerbrand in den Turmarkaden gar nicht ausbreiten können. Albrecht hat sie mithilfe eines Endoskops untersucht. Das Ergebnis: „Sie beginnen erst in etwa 1,50 Meter Höhe über dem Fußboden der untersten Wohnetage und haben keinerlei Verbindung zum Keller“, wie der Experte sagt.

Dass sich über die Lüftungsstränge der Rauch eines Wohnungsbrandes in den Gebäuden ausbreiten kann, hält er für ausgeschlossen. Das habe der Brand einer Wohnung vor einigen Jahren bewiesen. Damals sei der Brandrauch nicht in andere Bereiche gezogen. Die Durchbrüche und andere Bereiche, durch die Rauch ziehen könnte, seien fast komplett geschlossen.

Außerdem haben die Wohnungseigentümer in Eigenhilfe Holzeinbauten in Fluchtwegen und brennbare Teppiche beseitigt.

Geräumte wollen endlich wieder zurück in ihre Wohnungen

Die Bewohner dürfen immer noch nicht zurück in die Häuser, die als Vorbeugung gegen Vandalismus und Einbrecher ständig überwacht werden. © Marcel Drawe

Behörden halten Maßnahmen für unzureichend

Die Bergkamener Bauordnung und die Brandschutzstelle des Kreises sehen aber noch längst nicht alle Auflagen erfüllt. Der Entwurf, den Albrecht eingereicht habe, könne nicht die Grundlage für ein genehmigungsfähiges Brandschutzsanierungskonzept sein, sagte Baudezernent Dr. Hans-Joachim Peters. „Wenn es so eingereicht wird, müssen wir es ablehnen.“

Nach Angaben von Peters vermissen seine Experten noch wesentliche Elemente, damit der Brandschutz wieder ausreichend hergestellt ist. Albrecht weist die Forderungen jedoch als ungerechtfertigt zurück, weil die Häuser nach seiner Ansicht in diesen Bereichen Bestandsschutz genießen.

Gegenseitige Zweifel an der Kompetenz

Außerdem zweifeln beide Seiten jeweils gegenseitig ihre Kompetenz an. Albrecht, der sein Gutachten nicht nachbessern will, hat schon angedeutet, dass der Streitfall notfalls vor Gericht geklärt werden muss. Die Befürchtung, dass sich die Verfahren zu Lasten der Eigentümer über Jahre hinziehen könnten, hat er nicht unbedingt. Die Entscheidung könne auch in einem Eilverfahren fallen, hofft er.

Geräumte wollen endlich wieder zurück in ihre Wohnungen

Rita Luft an dem Zwei-Platten-Herd in der Notunterkunft. Mehr als Kotelett und Salat kann sie nicht zubereiten, scherzt sie. Da die Töpfe oft verrutschen, hat sie sich schon häufiger die Hand verbrannt. © Marcel Drawe

Die Gefühlslage der Geräumten ist eindeutig

Günter Luft hat jedenfalls keine Lust, noch lange zu warten. Seine Gefühlslage hat er auf ein Pappschild gemalt, dass er sich an diesem Samstag um den Hals hängen will, wenn die Wohnungseigentümer vor ihrem Haus zu einer Protestversammlung einladen. Die Botschaft ist unmissverständlich: „Wir haben die Schnauze voll“.

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