Geräumte Häuser: Protestkundgebung bei Grillwürstchen

dzAber Solidarität sieht anders aus

„Rückkehr für alle! Sonst gibt‘s Krawalle“ oder „Friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand!“ Bewohner der geräumten Häuser machen beim Grillen auf ihre missliche Lage aufmerksam.

von Klaus-Dieter Hoffmann

Kamen

, 03.08.2019, 16:37 Uhr / Lesedauer: 2 min

Solidarität sieht anders aus. Recht überschaubar blieb am Samstagmittag die Zahl der interessierten Bergkamener, die sich an den geräumten Wohnhäusern Töddinghauser Straße 135 und 137 eingefunden hatten, wo deren Wohnungseigentümer zu einer Protestkundgebung bei Grillwürstchen und selbstgemachtem Nudelsalat eingeladen hatten.

Schon von Weitem konnte man auf großformatigen Transparenten lesen, worum es bei dieser „Demo“ eigentlich gehen sollte. Mal waren die Parolen darauf schon deftig, wenn da steht: „Rückkehr für alle! Sonst gibt‘s Krawalle“ oder „Friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand!“, mal waren es eher emotionale Aussagen, wie: „Dieses Haus ist unser Haus, so schnell schmeißt ihr uns nicht raus!“.

Geräumte Häuser: Protestkundgebung bei Grillwürstchen

Gutachter Thomas Albrecht (r.) informiert über den Stand der Untersuchungen. © Stefan Milk Stefan Milk

Auch das Alte Testament zitiert

Etliche Plakate in kleinerem DIN A 2 Format gaben zudem Ausdruck darüber, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, die seit fast zwei Monaten von der plötzlichen Räumung ihrer Wohnungen betroffen sind. Einer dieser Appelle ging direkt an die Bergkamener Stadtverwaltung: „Kommt zur Vernunft, wir wollen raus aus der Notunterkunft!“ Mit dem Psalm 91 „Du bist meine Zuflucht und meine sichere Festung“ wurde aber auch schon mal das Alte Testament der Bibel zitiert.

„Viele unserer Wohnungseigentümer nutzen verständlicherweise die jetzige Situation, um nun lieber in einem engen Hotelzimmer in Spanien Urlaub zu machen, als in einer städtischen Notunterkunft zu wohnen“, versuchte Jörg Suttrop vom Krisenstab der betroffenen Bewohner das Fehlen einiger Wohneigentümer zu erklären.

Geräumte Häuser: Protestkundgebung bei Grillwürstchen

Plakate am Haus spiegeln den Unmut der früheren Bewohner wider. © Stefan Milk

Wie man das Leben von jetzt auf gleich umstellt

Diejenigen Bewohner aber, die geblieben waren, hatten natürlich viel zu berichten. So erzählt eine trotz allem immer noch gut gelaunte ältere Dame, die ihren Namen aber nicht preisgeben möchte, wie sie von jetzt auf gleich ihr Leben umstellen mußte.

„Ich habe in der zweiten Etage eine schöne Wohnung mit 76 Quadratmetern. Gegenüber ist Kaufland, an der Ecke die Bushaltestelle und alles ist hier barrierefrei. 44 Jahre war alles okay, nie gab es irgendwelche Probleme. Selbst die vielen Kinder und alten Menschen haben hier einträchtig miteinander gelebt. Und jetzt hat mich die Stadt mit meinen über achtzig Jahren in eine Notunterkunft verfrachtet. Ich kann das alles nicht nachvollziehen.“

Geräumte Häuser: Protestkundgebung bei Grillwürstchen

Die Botschaften sind mit unterschiedlicher Wucht formuliert - sie zielen aber alle auf den selben Sachverhalt. © Stefan Milk

Wohnung für zwei Monate privat gemietet

Auch Jörg Suttrop überkommt heute noch ein kalter Schauer, wenn er an den damaligen Anruf seiner Mutter denkt: „In fünf Stunden muss ich hier raus sein, sagte sie mir am Telefon.“ Wegen ihres kleinen Hundes „Babette“ war die Unterbringung in der städtischen Notunterkunft nicht möglich. „Also haben wir privat eine Wohnung für zwei Monate gemietet, die jetzt aber auch rum sind und wir uns fragen: Was nun?“

Auch Gutachter Thomas Albrecht, der ebenfalls zu diesem „Happening“ gekommen war, ist die andauernde Weigerung der Stadt Bergkamen, die Menschen endlich wieder in ihre Wohnungen zurückkehren zu lassen, nicht nachvollziehbar. „Alle der beanstandeten Punkte sind doch inzwischen behoben!“

Geräumte Häuser: Protestkundgebung bei Grillwürstchen

Weitere Plakate sind im Umkreis des Hauses an den Absperrungen angebracht worden. © Stefan Milk

Auch Gerüchte gehen um

Natürlich brodelt inzwischen auch die Gerüchteküche, erzählt Mario Keller vom Krisenstab. So würden einige Stimmen behaupten, dahinter stecke eine abgekartete Sache, um die Eigentümer auf diese Art zu enteignen, und um das Gebäude dann abzureißen zu können. Der als so wichtig hingestellte Wert von 200 ppm Kohlenmonoxid basiere, so hieß es am Samstag vor Ort, zudem auf einer einzigen punktuellen Messung, die nicht erneut bestätigt worden sei. „Außerdem sind 200 ppm nicht tödlich, sondern bereiten gerade mal nur Kopfschmerzen…“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Für Jäger und Hundefreunde

Das neue Schießzentrum in Bergkamen boomt – aber Laien trauen sich noch nicht so recht

Hellweger Anzeiger Ehedrama in Bergkamen

Kinder finden tote Mutter: Mann bringt seine Frau und dann sich selbst um

Meistgelesen