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Die Situation der meisten Bewohner aus den geräumten Häusern an der Töddinghauser Straße hat sich nicht verbessert. Eine Familie ist aber auf dem Weg in ein neues Leben mit neuer Wohnung.

Bergkamen

, 24.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Tanja Michaelis ist völlig verzweifelt. Die Bergkamenerin hat in der vergangenen Woche in wenigen Stunden ihre Wohnung verloren und jetzt auch noch ihren Arbeitsplatz. Sie gehört zu den Bewohnern der beiden Häuser an der Töddinghauser Straße, die von der Stadt Bergkamen am Mittwoch der vergangenen Woche wegen Brandschutzmängeln für unbewohnbar erklärt wurden und noch am gleichen Tag geräumt werden mussten.

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Verzweifelt in einen Wohnwagen gezogen

In ihrer Verzweiflung ist die 45-Jährige zusammen mit ihrem Lebensgefährten Ralf Günther in einen fest installierten Wohnwagen gezogen, der ihr gehört.

„Wie sollten wir als Mieter solche Mängel erkennen?“
Ralf Günther, Betroffener

„Das war reiner Zufall. Den Wagen habe ich erst zehn Tage vorher geschenkt bekommen“, sagt sie. Eine schlechte Entscheidung, den Wohnwagen der städtischen Notunterkunft vorzuziehen, wie sich im Nachhinein herausstellte. Der Wohnwagen steht auf einem Campingplatz bei Bramsche, einige Kilometer hinter Osnabrück. Von dort war es der Bergkamenerin unmöglich, jeden Tag zu ihrem Arbeitsplatz bei einem Unternehmen in Kamen zu kommen. Die Konsequenz: Mittlerweile hat sie die Kündigung bekommen. „Man hat mir mitgeteilt, dass ich nicht mehr einplanbar bin“, sagt sie.

Isoliert auf dem Campingplatz

Auf dem Campingplatz fühlt sie sich isoliert. Zu ihrem Vermieter, dem die Wohnung an der Töddinghauser Straße gehört, habe sie keinen Kontakt. Die Stadt Bergkamen habe ihr ein Schreiben geschickt, indem es um Paragrafen geht, die sie nicht kenne. Sie will sich jetzt einen Anwalt nehmen, der ihre Interessen vertritt und überlegt, schweren Herzens doch in die städtische Notunterkunft an der Fritz-Husemann-Straße zu ziehen.

Nomadendasein auf den Sofas von Freunden

Auch andere Bewohner der geräumten Häuser haben Probleme, eine Unterkunft zu finden. Einer von ihnen berichtet, dass er seit der vergangenen Woche ein Nomadendasein führt. Er schläft bei Freunden auf der Couch, mal bei dem einen, mal bei dem anderen. Wenn er Glück hat, kann er auch mal zwei Nächte bleiben. „Mehr ist für einen längeren Zeitraum für alle Seiten nicht zumutbar“, sagt er. Zu seinen Eltern kann er nicht: Sie haben ebenfalls in einem der geräumten Häuser gewohnt und mussten sich bei Verwandten eine Unterkunft suchen.

Geräumte Häuser: Erst die Wohnung verloren und dann die Arbeit

Einer der Bewohner aus den geräumten Häusern will eine Whatsapp-Gruppe gründen. Er hat einen Hinweis an dem Bauzaun aufgehängt, der die Häuser umgibt. © Dörlemann

Whatsapp-Gruppe für Betroffene

Er will eine Whatsapp-Gruppe gründen, bei der sich die Geräumten anmelden können. Dabei geht es darum, Informationen auszutauschen und sich gegenseitig zu helfen. Mittlerweile hat er Informationszettel an den Bauzaun gehängt, der die geräumten Häuser umgibt und bietet Betroffenen an, sich zu melden.

Geräumte Häuser: Erst die Wohnung verloren und dann die Arbeit

Christian Florian ist schon dabei, die neue Wohnung in Kamen zu renovieren. Zum 1. Juni will die vierköpfige Familie einziehen. © Stefan Milk

Bei der Schwägerin untergekommen

Es gibt aber auch Schicksale, die erfreulicher verlaufen sind. Christian Florian hat mit seiner Frau Susanne und den beiden Söhnen Samuel (zweieinhalb) und Aaron (ein Jahr) zur Miete in einem der geräumten Häuser gewohnt. Die junge Familie ist nach der Räumung in ein Zimmer bei der Schwester von Susanne Florian gezogen. „Das geht aber auf Dauer gar nicht“, sagt Christian Florian.

Geräumte Häuser: Erst die Wohnung verloren und dann die Arbeit

Susanne Florian mit ihren Söhnen Samuel (zweieinhalb) und Aaron (ein Jahr). Sie freut sich über ihre neue Wohnung in Kamen. © Stefan Milk

Neue Wohnung durch Zeitungsanzeige

Er hatte Glück: Mittlerweile hat die Familie durch eine Zeitungsannonce eine leerstehende Wohnung in Kamen gefunden. Sein Arbeitgeber hat ihn freigestellt, damit er sie renovieren kann. Das Ehepaar verbringt den ganzen Tag in der Wohnung, um sie zu renovieren. Zum 1. Juni wollen sie ihre Möbel aus Bergkamen holen und einziehen.

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Weiter 15 Menschen in der Notunterkunft

Für die 15 Bewohner, die in die städtische Notunterkunft an der Fritz-Husemann-Straße ziehen mussten hat sich dagegen noch nichts entscheidendes geändert. Noch wohnen alle dort, sagt Sozialdezernentin Christine Busch. Die Stadt versuche, ihnen die unkomfortable Situation zumindest etwas komfortabler zu machen. Mittlerweile haben zumindest alle ein eigenes Zimmer mit Küchenblock und Bad, wenn sie nicht ausdrücklich bereit sind, mit jemand anderem zusammen zu wohnen.

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Erkenntnis, dass die Stadt kaum anders handeln konnte

Die meisten der Bewohner können sich immer noch nicht gut damit abfinden, wie schnell sie in der vergangenen Woche aus der Wohnung mussten. Bei einzelnen macht sich allerdings auch die Erkenntnis breit, dass die Stadt kaum anders handeln konnte. „Das war wohl richtig so“, sagt Ralf Günther. Als Opfer fühlt er sich trotzdem. „Wie sollten wir im vergangenen Jahr, als wir die Wohnung gemietet haben, solche Mängel erkennen“, sagt er.

Gespräch mit Gutachter verschoben

Alle, die nicht wie Familie Florian ein neues Zuhause gefunden haben, müssen wahrscheinlich noch lange warten, bis sie wieder einziehen können. Eigentlich wollte sich die Stadt an diesem Freitag mit dem von der Hausverwaltung bestellten Brandschutzgutachter zusammensetzen. Er soll den Sanierungsaufwand abschätzen, der für ausreichenden Brandschutz notwendig ist. Der Termin ist auf die nächste Woche verschoben, wie Christine Busch mitteilt. Der Aufwand, sich einen Überblick zu verschaffen, ist wohl zu groß für die kurze Zeit.

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