Geknebelt und erstickt: Polizei rollt 22 Jahre alten Mord an Bergkamenerin neu auf

dzPolizei in Bergkamen

Über 22 Jahre ist es her, dass Anne Saußen in ihrer Wohnung in Oberaden ermordet wurde. Der Täter wurde nie gefasst. Nun haben Staatsanwaltschaft und Polizei Hoffnung, ihn doch noch zu finden.

Bergkamen

, 13.11.2020, 10:27 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sandra Lücke war im März 1998 noch keine Staatsanwältin. Aber über die Ermittlungen zu einem Raubmord, der sich damals in Oberaden ereignete, ist sie bestens informiert: Der „Fall Saußen“. Der Mörder der 84-jährigen Oberadenerin Anne Saußen wurde nie gefasst.

Ein „Cold Case“, wie das im Fachjargon heißt, den man aus dem TV-Krimi kennt. Nun hofft Lücke, die für die Staatsanwaltschaft Dortmund arbeitet, den Täter doch noch zu ermitteln.

Das Mordopfer Anne Saußen war verwitwet und lebte alleine in Bergkamen-Oberaden. Sie wohnte in der Straße Am Boirenbusch 15 im ersten Obergeschoss.

Das Mordopfer Anne Saußen war verwitwet und lebte alleine in Bergkamen-Oberaden. Sie wohnte in der Straße Am Boirenbusch 15 im ersten Obergeschoss. Der Überfall auf sie ereignete sich in der Nacht zum 24. März 1998. © Stefan Milk

Nein, einen konkreten Verdächtigen gibt es nicht, sagt die Staatsanwältin am Telefon. Aber die Ermittler haben die Spuren archiviert, die der Täter am Tatort hinterlassen hat: der Wohnung im ersten Obergeschoss des Hauses Am Boirenbusch 15 in Oberaden, in der die verwitwete Anne Saußen lebte. Der oder die Täter drangen in der Nacht zum 24. März 1998 dort ein, knebelten Anne Saußen und durchsuchten ihre Wohnung. Das Opfer erstickte und wurde erst am nächsten Morgen tot aufgefunden.

Das LKA nimmt sich regelmäßig ungelöste Fälle vor

Staatsanwaltschaft und Polizei rollen den Fall nach über 9000 Tagen noch einmal auf, weil sich die Spezialisten vom LKA in Düsseldorf solche „Cold Cases“ regelmäßig vornehmen – zumindest, wenn es sich um Kapitalverbrechen handelt.

Die DNA-Analysetechnik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so verfeinert, dass es immer mal wieder spektakuläre Fahndungserfolge in lange zurückliegenden Fällen gibt. Auf einen solchen hoffen nun auch Staatsanwältin Lücke und der Leiter der eigens gegründeten Mordkommission „Saußen“, Georg Schmidt.

Wo genau die Ermittler die DNA-Spuren gefunden haben, will Lücke nicht verraten. Aber sie nennt etliche Details zu der Tat. Der oder die Täter stiegen mit Hilfe einer Ausziehleiter über das Badezimmerfester in die Wohnung von Anne Saußen ein. Die Leiter stammt vermutlich aus einem Diebstahl aus der Hammer Filiale der damaligen Baumarktkette „Götzen“ in Hamm.

Täter haben sich ihr Opfer gezielt ausgesucht

Auch über das Motiv ist sich die Staatsanwältin sicher: Der oder die Räuber waren auf der Suche nach Geld und Wertgegenständen. Und die gab es wohl bei Anne Saußen zu holen. „Es spricht einiges dafür, dass der oder die Täter sich das Opfer gezielt ausgesucht haben“, sagt Lücke. Dann haben sie womöglich einen Bezug zu Oberaden.

Die Täter stiegen durch das Badezimmerfenster in die Wohnung ihres Opfer im ersten Obergeschoss ein.

Die Täter stiegen durch das Badezimmerfenster in die Wohnung ihres Opfer im ersten Obergeschoss ein. © Stefan Milk

Deshalb wollen sich die Ermittler nicht allein auf die DNA-Analyse verlassen. Sie suchen auch gezielt nach Zeugen. „Sich nach über 22 Jahren an etwas zu erinnern ist schwer“, weiß die Staatsanwältin. Aber vielleicht führe so ein Aufruf dazu, Erinnerungen an ungewöhnliche Beobachtungen rund um den 23. und 24. März 1998 in Oberaden zu wecken.

Der oder die Täter sind damals mit Hilfe einer Ausziehleiter über das Badezimmerfenster in die Wohnung des Opfers im ersten Obergeschoss eingestiegen.

Der oder die Täter sind damals mit Hilfe einer Ausziehleiter über das Badezimmerfenster in die Wohnung des Opfers im ersten Obergeschoss eingestiegen. © Polizei Dortmund

Allerdings hofft Mordkommissionleiter Schmidt nicht allein auf Zufallszeugen: „Wir wissen von vielen ähnlich gelagerten Fällen, dass Täter, Tatbeteiligte oder Mitwisser die seelische Last einer solchen Tat oft lange mit sich herumtragen.“, sagt er. „Deshalb gilt unser Aufruf insbesondere den Personen, die etwas über diesen Fall wissen, uns aber bisher noch nichts dazu gesagt haben.“

Für sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung des Täters oder der Täter führen, hat die Staatsanwaltschaft eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro ausgelobt.

Vielleicht will der Täter endlich sein Gewissen erleichtern

Der Ermittler denkt aber noch in eine andere Richtung: „Auch der Täter könnte jetzt nach über zwei Jahrzehnten des Schweigens endlich sein Gewissen erleichtern.“ Ein Geständnis wäre aus Sicht der Staatsanwaltschaft der Idealfall, um den „Cold Case“ aus Oberaden aufzuklären.

Ein altes Passfoto zeigt das Mordopfer Anne Saußen.

Ein altes Passfoto zeigt das Mordopfer Anne Saußen. © Polizei Dortmund

Ansonsten kommt auf Lücke und die Polizei mit Sicherheit noch Ermittlungsarbeit zu. Selbst, wenn sich durch eine Vergleichsprobe ein Tatverdächtiger finden ließe, dem die DNA zugeordnet werden kann. Das würde zunächst einmal nur beweisen, dass er am Tatort war. Wie sich darauf eine gerichtsfeste Anklage aufbauen lässt, müsse man sehen, das hänge vom Einzelfall ab, sagt Lücke.

Eine Garantie, dem Mörder von Anne Saußen auf die Spur zu kommen, will und kann die Staatsanwältin trotz des neuen Ermittlungsansatz nicht. Aber wer mit ihr am Telefon spricht, bekommt den Eindruck, dass sie den „Fall Saußen“ keineswegs als eine Routineangelegenheit betrachtet.

Es gibt Beispiel für spektakuläre Fahndungserfolge

So oft bekomme die Staatsanwaltschaft einen „Cold Case“ und die Chance, ihn vielleicht doch noch zu lösen, schließlich nicht auf den Tisch, meint sie. Es gibt Beispiele für Fahndungserfolge in lange zurückliegenden spektakulären Verbrechen: So wurde im Februar dieses Jahres in Baden-Württemberg ein 69-Jähriger verhaftet, der im Verdacht steht, im Juli 1995 in Sindelfingen eine 35-jährige Frau ermordet zu haben.

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Es gibt aber lange Zeit ungeklärte Mordfälle, in denen die Polizei zwar einen Tatverdächtigen ermittelt, der allerdings bereits tot ist. Das ist in dem Cold Case von Oberaden zumindest denkbar. In so einem Fall gibt es kein Strafverfahren, sagt Staatsanwältin Lücke: „Aber auch das ist ja eine Erkenntnis.“

Personen, die sachdienliche Hinweise zum Raubmord an Anne Saußen geben können, können sich bei der Kriminalwache der Dortmunder Polizei unter Tel. (0231) 132-7441 oder per E-Mail an kwache.dortmund@polizei.nrw.de melden.
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