Friedhofs-Rundgang mit Gerd Koepe gewährt spannende Einblicke in Bergkamens Vergangenheit

dzGästeführerring

Gerd Koepe bot am Sonntag zum ersten Mal eine Führung über einen Freidenker-Friedhof an. Uralte Grabsteine und Denkmäler luden die Teilnehmer zu einer Reise durch die Vergangenheit ein.

von Niklas Mallitzky

Weddinghofen

, 02.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Reste eines Freidenker-Denkmals, der Grabstein von Bergkamens erstem Arzt und Gräber, die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wecken. Der alte Friedhof in Bergkamen-Mitte wurde vor 19 Jahren aufgelöst, trotzdem finden sich dort auch heute noch Zeugnisse von über 100 Jahren einer bewegten Geschichte.

Es ist das erste Mal, dass Gerd Koepe vom Gästeführerring eine barrierefreie Führung über das ehemalige Friedhofsgelände anbietet. Rund 15 Besucher folgen dem erfahrenen Gästeführer auf der Tour. Das sind immerhin so viele, dass Koepe bereits am Sonntag ankündigt: „Diese Führung werde ich im nächsten Jahr wieder anbieten!“

Freidenker lehnen religiösen Glauben, Gottesglauben und kirchliche Dogmen ab

Seine Führung startet Koepe am Sonntagmorgen am Südeingang des alten Friedhofs, gelegen an der Landwehrstraße. Abgesondert vom restlichen Friedhof, erinnert heute nur noch der Sockel einer Statue an diejenigen, die dort begraben liegen. „Das ist der Freidenker-Friedhof“, erklärt Koepe seinen Zuhörern. Bis heute gebe es auch in Bergkamen noch einen Freidenkerverein, seine Angehörigen lehnen jeden religiösen Glauben, Gottesglauben und kirchliche Dogmen ab. „Typisch für die Freidenker ist die Einäscherung des Leichnams“, erklärt Koepe. „Deswegen konnten sie früher auch nicht auf dem christlichen Teil des Friedhofs beerdigt werden.“ Erst in den 1960er-Jahren wurde die Feuerbestattung von der katholischen Kirche akzeptiert, die evangelische Kirche erlaubt dies bereits seit den 1920er-Jahren.

Denkmal für Vertriebene: Die Heimkehrer hatten es nicht einfach

Ein paar Meter weiter können die Besucher ein etwa drei Meter hohes Kreuz bestaunen. Eine Tafel verrät, dass es im Jahr 1953 entstanden sein muss.

„Typisch für die Freidenker ist die Einäscherung des Leichnams. Deswegen konnten sie früher auch nicht auf dem christlichen Teil des Friedhofs beerdigt werden.“
Gerd Koepe, Gästeführer

Aufgestellt worden sei es von Vertriebenen, die damit den deutschen Kriegsgefangenen gedenken wollten, die sie für immer verloren glaubten, erklärt Koepe. Nur zwei Jahre später reiste allerdings der ehemalige Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau, um dort die „Heimkehr der Zehntausend“ zu verhandeln. Doch obwohl endlich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, gestaltete sich das wiedergewonnene Leben der Heimkehrer nicht immer einfach. „Viele waren gar nicht mehr in der Lage, sich in die Gesellschaft einzubringen“, weiß Koepe. „Zudem hatten viele Frauen ihre Männer tot geglaubt und waren mittlerweile neu verheiratet. Das hat natürlich zu vielen neuen Problemen bei den Heimkehrern geführt.“

Grabstein aus der Zeit des Ersten Weltkriegs

Auch am Grabstein von Doktor Dietrich Bohe macht Koepe halt. Als einer der ältesten, erhaltenen Grabsteine ist ihm dieses Relikt besonders wichtig: „Ansonsten gibt es hier keine Grabsteine mehr aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die wurden alle während des Zweiten Weltkriegs zerstört.“ Er selbst habe den Stein wieder sauber geputzt, bevor die weiße Schrift neu aufgepinselt wurde.

Früher stand noch ein weiteres Denkmal auf der Südseite des Friedhofs, die heute durch die Hubert-Biernat-Straße von der Nordseite getrennt ist.

Kapp-Putsch Denkmal erinnert an die Schlacht von Pelkum

Das Kapp-Putsch Denkmal, nun Teil des Ehrenfriedhofs auf der Nordseite, erinnert an die Bergkamener Opfer der blutigen Schlacht von Pelkum und die darauffolgende Besetzung Bergkamens im April 1920. Denn gegen den rechts-konservativen Putschversuch bildete sich im Ruhrgebiet eine linke Gegenbewegung, die eine Räterepublik nach sowjetischem Vorbild einführen wollte. In Pelkum trafen am ersten April Regierungstruppen und Teile der lokalen Ruhrarmee aufeinander. Die Ruhrarmee war schnell geschlagen, am zweiten April nahmen die Regierungstruppen Bergkamen ein. Erschießungskommandos töteten auch in Bergkamen mehrere Aufständische, oder Menschen, die sie für diese hielten. Die Namen der getöteten Bergkamener an den zwei Tagen sind bis heute auf dem Denkmal verewigt.

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