Kein Zünder an der Bombe: Bergkamen kommt um Evakuierung herum

dzWeltkriegsbombe

Experten legen in Bergkamen eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg frei. Dabei stellen sie fest, dass sie keinen scharfen Zünder mehr hat. Eine große Evakuierung ist nicht nötig.

Bergkamen

, 06.08.2019 / Lesedauer: 4 min

„Wir haben da immer Verstecken gespielt. Es ist ein komisches Gefühl, dass unter uns eine Bombe vergraben war“, sagt Anil. Der Junge wohnt an der Konrad-Adenauer-Straße – dort, wo am Montag eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg geborgen wurde. Um 10 Uhr morgens war Anil mit seiner Mutter Sevda Sevenc zum Gymnasium gegangen, dessen Mensa als Ausweichquartier für die Bergkamener fungierte, die von einer Evakuierung betroffen gewesen wären. Gegen 13 Uhr hieß es für Sevenc und ihren Sohn dann aber Aufatmen: Die Bombe war nicht scharf, der Zünder fehlte. Niemand musste seine Wohnung räumen, Sevenc und ihr Sohn hätten zu Hause bleiben können. Die Erleichterung steht der jungen Mutter ins Gesicht geschrieben: „Ich hatte Angst.“

Kein Zünder an der Bombe: Bergkamen kommt um Evakuierung herum

Sevda Sevenc wohnt mit ihrem Sohn Anil an der Konrad-Adenauer-Straße. Sie haben schon morgens ihre Wohnung verlassen. Das wäre nicht nötig gewesen wie sich später herausgestellt hat. © Pott

Bis zum Mittag war nicht klar, ob es überhaupt eine Bombe ist

Keine Angst hatte indes Rüdiger Elze, Truppführer der Kampfmittelräumungs-Firma. „Ich habe Respekt, aber keine Angst. Angst wäre der falsche Ratgeber.“ Mit zwei Kollegen und einem kleinen Bagger begann er am Montag schon vor 9 Uhr, sich den Weg zu dem Sprengkörper freizuschaufeln. Dass es sich dabei um eine Bombe handelte, war zwar wahrscheinlich, aber nicht gewiss. „Ich gehe davon aus, dass es eine Bombe ist. Aber ich weiß es erst, wenn ich sie sehe“, sagt Elze am Morgen. Er habe in seinen rund 40 Berufsjahren auch schon Stahlträger aus der Erde gegraben. „Wie auch immer die dahingekommen sind.“ Elze war es, der dem Kampfmittelbeseitigungs-Spezialisten der Bezirksregierung Arnsberg, Andreas Brümmer, die frohe Botschaft übermittelte, dass sich kein Zünder an der Bombe befindet. Brümmer, dessen Aufgabe es gewesen wäre, die Bombe zu entschärfen, kontrollierte die Fünf-Zentner-Bombe, die senkrecht im Boden steckte, und gab offiziell Entwarnung.

Kein Zünder an der Bombe: Bergkamen kommt um Evakuierung herum

Rüdiger Enze ist Truppführer der Kampfmittelräumer. Seit 40 Jahren buddelt er Bomben aus der Erde – manchmal sind es aber auch nur Stahlträger. © Claudia Pott

Ohne Zündeinrichtung ist eine Bombe transportfähig

Warum kein Zünder an der Bombe entdeckt wurde, kann Brümmer nicht mit Sicherheit sagen. Er kann beim Aufschlag abgefallen sein oder sich beim Abwurf herausgedreht haben. Auch sei es möglich, dass die Bombe damals entschärft und mangels Kapazitäten in der Erde gelassen wurde. Für Brümmer gibt es am Montag wenig zu tun. „Wenn man schon da ist, will man eigentlich auch entschärfen“, gesteht er. Elze kann sich derweil über einen frühen Feierabend freuen. „Ich bin immer froh, wenn die Bombe raus ist, ob mit oder ohne Zünder.“ Elze kümmerte sich noch um den Abtransport, der schnell von der Bühne ging, denn ohne Zünder kann eine Bombe ohne Probleme transportiert werden. Dann hieß es für Elze: Feierabend.

Kein Zünder an der Bombe: Bergkamen kommt um Evakuierung herum

Die Fliegerbombe ist etwa 1,20 Meter lang. Sie saß senkrecht in der Erde. © Stefan Milk

Nach der Entwarnung ging das normale Leben direkt weiter

Auch die anderen Kräfte vor Ort rückten schnell ab. Polizei, Feuerwehr, das Deutsche Rote Kreuz, das Technische Hilfswerk, Hilfskräfte des Kreises und Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamts hatten sich gegen 9 Uhr auf dem Schulhof des Gymnasiums versammelt und waren auf das Schlimmste gefasst. Gegen 10 Uhr sollte eigentlich klar sein, ob evakuiert werden muss. 1800 Anwohner wären betroffen gewesen. Da sie jedoch schon am Donnerstag benachrichtigt worden waren, hofften die Einsatzkräfte, dass nur noch wenige Hunderte aus ihren Wohnungen geklingelt werden mussten, sagt Svenja Wundrock, Einsatzleiterin der Polizei. Doch die Zeit verstrich und noch immer war keine Bombe in Sicht. Um kurz vor zwölf Uhr hieß es von Elzer und seinen Kollegen dann, dass die Bombe tiefer liegt, als gedacht.

Kein Zünder an der Bombe: Bergkamen kommt um Evakuierung herum

Mithilfe eines Krans befördern die Experten der Kampfmittelräumung die Bombe zum Auto. © Stefan Milk

Zünder befindet sich am Heck

In einer Tiefe von etwa 4,80 Metern stießen die Kampfmittelräumer schließlich auf den Kopf der etwa, 1,20 Meter langen Bombe. „Dann musste an der Bombe vorbeigegraben werden, da sich der Zünder am Heck befindet“, erklärt Brümmer. Noch vor 13 Uhr war das Heck freigeschaufelt, doch kein Zünder in Sicht. Erleichterung machte sich bei den Einsatzkräften breit. „Ich wäre natürlich auch erleichtert gewesen, wenn es gar keine Bombe gewesen wäre“, sagt Stefan Klement vom Ordnungsamt der Stadt. Klement und seine Mitarbeiter hätten die Anwohner aus den Wohnungen holen müssen. Wegen der Personalsituation hätte das zur Herausforderung werden können. Weil einige von Klements Mitarbeitern derzeit im Urlaub sind, mussten auch Auszubildende und Bufdis helfen. Es wäre ihr erster Einsatz dieser Art gewesen. Ob die Räumung der Häuser friedlich vonstatten gegangen wäre, kann Klement nicht sagen.

Kein Zünder an der Bombe: Bergkamen kommt um Evakuierung herum

Der Bereich in der Konrad-Adenauer-Straße, an der die Bombe gefunden wurde, blieb abgesperrt © Stefan Milk

Einsatzkräfte und 1800 Menschen wurden verschont

BOMBE AUS DEM ZWEITEN WELTKRIEG

EINSCHLAGSPUNKT AUF EINEM LUFTBILD ENTDECKT

  • An der Konrad-Adenauer-Straße sollte eine Fernwärmeleitung verlegt werden. Bevor die GSW sich an die Arbeit machten, wurden Luftbilder der Alliierten überprüft. Darauf entdeckten die Experten den Einschlagpunkt einer Bombe. Das war schon im Mai.
  • Nachdem Statiker die Umgebung des Hauses überprüft hatten, erlaubten sie, dass die mutmaßliche Bombe ausgegraben und entschärft werden darf. An diesem Montag stellte sich heraus, dass der Zünder fehlte und die Bombe nicht scharf war. Es musste nicht evakuiert werden.
  • Es handelte sich bei dem Exemplar um eine Fünf-Zentner-Bombe, eine sogenannte 250er Bombe. Es ist der Bombentyp, den die Alliierten im Zweiten Weltkrieg überwiegend bei Angriffen auf die Chemischen Werke Bergkamen eingesetzt hatten.

Falls nicht, wäre aber die Polizei um Einsatzleiterin Sonja Wundrock zur Stelle gewesen. „Wir begleiten die Räumung, weil die städtischen Mitarbeiter in zivil unterwegs sind“, sagte Wundrock, als noch nicht klar war, ob evakuiert werden muss. Eingreifen musste sie letzendlich nicht. Auch der Baubetriefshof war umsonst auf den Bergkamener Straßen unterwegs. Mitarbeiter hatten schon zeitig Warnbaken an betroffenen Straßen bereitgestellt, um sie schnell zu sperren. Hätte die Bombe entschärft werden müssen, hätte es geheißen „Alle raus, keiner mehr rein“, sagt Wundrock. Betroffen gewesen wären die Töddinghauser Straße, die Ernst-Schering Straße, die Erich-Ollenhauer-Straße und die Hubert-Biernat-Straße. Auch zahlreiche Buslinien wären von der Evakuierung betroffen gewesen.

Doch all das ist nicht eingetroffen. Als die Bombe in den Wagen des Kampfmittelräumungsdienstes geladen wird, geht das normale Leben schon wieder weiter. Während Anil und seine Freunde zur Einsatzstelle rennen, um die Bombe zu betrachten, wirkt Sevda Sevenc noch deutlich aufgelöst. Ihr Sohn ist derweil begeistert und streckt seine Arme weit von sich: „So groß war die!“

Bombenräumung in Bergkamen
Liveticker abgeschlossen
Der Kampfmittelbeseitigungsdienst legt eine Fliegerbombe an der Konrad-Adenauer-Straße frei. Falls sie noch scharf ist, muss ein Gebiet mit 1800 Bewohnern geräumt werden.
  • 09:26 Uhr06.08.2019

    Die Arbeiten haben begonnen

    Der Kampfmittelbeseitigungsdienst hat begonnen, die Bombe freizulegen. Erst wenn sie komplett sichtbar ist, können die Experten beurteilen, ob sie noch scharf ist. Sie liegt in etwa 4,5 Metern Tiefe. Die Experten rechnen damit, dass sie den Sprengkörper gegen 11 Uhr weit genug freigelegt haben. Dann soll die Evakuierung beginnen.

  • 09:31 Uhr06.08.2019

    Einsatzkräfte für Liegendtransporte

    Der Kreis Unna hat bereits jetzt Kräfte für mögliche Liegendtransporte geschickt. Kranke Menschen, die ihre Wohnung nicht aus eigener Kraft verlassen können, müssen transportiert werden.

  • 09:35 Uhr06.08.2019

    Verdacht schon seit Mai

    Der Kampfmittelbeseitigungsdienst weiß schon seit Mai, dass die mutmaßliche Bombe vor einem Mehrfamilienhaus in der Erde liegt. Als eine Fernwärmeleitung umgelegt werden sollte, hat es eine Luftbildauswertung gegeben. Eine Probebohrung und eine Untersuchung mit einem Metalldetektor bestätigten den Verdacht.

  • 09:39 Uhr06.08.2019

    Vorsicht auf den letzten Zentimetern

    Truppführer Rüdiger Elze und seine Männer können nur zu Beginn der Arbeiten den Minibagger nutzen. Kurz bevor sie auf die Bombe stoßen, müssen sie die Erde mühsam per Hand mit dem Stemmhammer entfernen. Die Grube wird mit 1,5 Meter hohen Verbauringen gestützt.

  • 10:38 Uhr06.08.2019

    Keine Evakuierung vor 11 Uhr

    Sonja Wundrock, Einsatzleiterin der Polizei, sagt, dass die Evakuierung vor 11 Uhr nicht beginnen wird. Derzeit warten Polizei, Feuerwehr, DRK, Rettungsdienst und Ordnungsamt auf dem Schulhof des Gymnasiums, dass es los geht. 

  • 10:42 Uhr06.08.2019

    Baubetriebshof kann Straßen jeden Moment sperren

    Der Baubetriebshof steht schon mit Warnbaken bereit. Er sperrt die Straßen, wenn evakuiert werden muss. Die Töddinghauser Straße und die Schering Straße werden teils gesperrt und auch auf der Ollenhauer Straße wird es keine Durchfahrt geben, wenn die Bombe entschärft wird. Die Hubert-Biernat-Straße ist ebenfalls betroffen. "Dann heißt es: Keiner rein, alle raus", sagt Sonja Wundrock von der Polizei. 

  • 10:51 Uhr06.08.2019

    Bayer nur über Justus-Liebig-Straße erreichbar

    Das Gelände des Unternehmens Bayer an der Ernst-Schering-Straße 14 ist im Falle einer Evakuierung nur über die Justus-Liebig-Straße erreichbar. Dort befindet sich das Tor 2. 

  • 11:04 Uhr06.08.2019

    Noch kein Kontakt zur Bombe

    Laut Einsatzleiterin Sonja Wundrock wird sich eine mögliche Evakuierung noch verzögern. Noch ist die mutmaßliche Bombe nicht freigelegt. 

  • 11:30 Uhr06.08.2019

    1800 Menschen müssten ihre Wohnungen räumen

    1800 Menschen müssen den Bereich um die Bombe verlassen, wenn die Experten tatsächlich eine Bombe freischaufeln. Sollte sich unter der Erde keine Fünf-Zentner-Bombe, sondern eine größere verbergen, muss die Evakuierung höchstwahrscheinlich verschoben werden. Denn dann müsste ein doppelt so großer Bereich geräumt werden.

  • 11:34 Uhr06.08.2019

    Ausweichquartier in der Mensa des Gymnasiums

    Lange kann es bis zur möglichen Evakuierung nicht mehr dauern. Betroffene Anwohner, die ihre Wohnungen jetzt schon verlassen möchten, finden Unterschlupf in der Mensa des Gymnasiums an der Hubert-Biernat-Straße 1. Dort ist ein Ausweichquartier eingerichtet.

  • 11:55 Uhr06.08.2019

    Bombe liegt tiefer als gedacht

    Die Arbeiten verzögern sich um eine weitere Stunde. Der Trupp, der die mutmaßliche Bombe freilegt, hat festgestellt, dass sie einen Meter tiefer in der Erde liegt als gedacht. Sie befindet sich etwa 5,50 Meter tief in der Erde.

  • 11:59 Uhr06.08.2019

    VKU bereit, Busse umzuleiten

    Die VKU ist darauf vorbereitet, die Buslinien zu verlegen, die durch den Bereich fahren, der evakuiert werden muss. Das sind viel, denn der Bergkamener Busbahnhof liegt unmittelbar an der Sicherheitszone. Betroffen wären die Linien R 12, R 13, S 20, S 30, R  81 und S 81.

  • 12:09 Uhr06.08.2019

    "Respekt, aber keine Angst"

    Rüdiger Elze, Truppführer des Kampfmittelräumungsdienstes, wirkt gelassen. Er habe Respekt, aber keine Angst. Elze macht den Job bereits seit 40 Jahren und hat schon viele Bomben ausgegraben. "Angst wäre der falsche Ratgeber", sagt Elze. Er wird die Bombe identifizieren, wenn sie freigelegt ist. Entschärft wird sie von einem staatlichen Spezialisten. 

  • 12:59 Uhr06.08.2019

    Entwarnung: Es ist kein Zünder an der Bombe

    Die Gefahr ist schneller vorbei als gedacht. Als die Bombe freigelegt ist, stellen die Experten fest, dass sie keinen scharfen Zünder mehr hat. Die Evakuierung kann abgeblasen werden.

  • 13:20 Uhr06.08.2019

    Bombe abtransportiert

    Die Fliegerbombe ist verladen und wird jetzt abtransportiert. Ohne Zünder ist der Sprengkörper ungefährlich. Die Experten verladen ihr Material. In der Umgebung geht das gewohnte Leben weiter. Der Einsatz hat sich insgesamt verzögert, weil die Bombe tiefer lag, als zuvor vermutet. Weil die Bombe senkrecht in der Erde steckte, musste an ihr vorbeigeschaufelt werden, um den Zünder zu erreichen – den es in diesem Fall aber nicht gab. 

  • 13:50 Uhr06.08.2019

    LEG entscheidet, was nun mit dem Loch passiert

    Ein knapp fünf Meter großes Loch klafft nun in einem Hinterhof an der Konrad-Adenauer-Straße. Wie es zugeschüttet wird, entscheidet nun der Eigentümer, die LEG. Es gebe laut Stefan Klement vom Ordnungsamt zwei Möglichkeiten. Das Loch kann schichtweise mit Kies und Erde gefüllt werden oder nur zugeschüttet. Dann können aber immer wieder Kuhlen in der Erde entstehen. 

  • 13:51 Uhr06.08.2019

    Ende des Livetickers

    Unser Liveticker endet an dieser Stelle. In Kürze lesen Sie hier eine Zusammenfassung des Einsatzes. 

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