Statt normal zu arbeiten, mussten die Jobcenter-Mitarbeiter am Montag fürchten, dass sie mit einer giftigen Substanz in Berührung gekommen waren. Ein komisches Gefühl, wie eine Betroffene berichtet.

Bergkamen

, 30.07.2019, 17:04 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Vielleicht hat man doch was und es kommt erst drei Tage später?“ Fragen wie diese schwirrten am Montag einigen der Jobcenter-Mitarbeiter durch den Kopf. Nachdem man am Morgen eine unbekannte, nach Chlor riechende Flüssigkeit im Briefkasten entdeckt und die Polizei alarmiert hatte, durften die Mitarbeiter das Gebäude nicht mehr verlassen. Keiner wusste, ob der Stoff gefährlich war und die Mitarbeiter gefährdet oder gar ansteckend waren. Als Angst würde Marianne Oldenburg ihr Gefühl während des ABC-Einsatzes der Feuerwehr nicht beschreiben.

Oldenburg ist die Bereichsleiterin Nord, Bergkamen ihr fester Wohnsitz. Oldenburg hat die Flüssigkeit gemeinsam mit dem Hausmeister entdeckt und war den ganzen Tag im Gebäude. Als zuständige Bereichsleiterin war sie das Bindeglied zwischen Einsatzkräften draußen und Mitarbeitern drinnen. „Es war ein komisches Gefühl. Es war beunruhigend “, sagt sie. Zwar gab es bei niemandem körperliche Anzeichen wie gerötete Augen oder Hautausschlag. Doch Oldenburg kann nicht ausschließen, dass es einige Mitarbeiter sehr bealstet hat, nicht zu wissen, was das für eine Flüssigkeit war oder was noch passieren konnte. Jeder Mensch gehe mit so etwas anders um. Einige hätten gearbeitet, um sich abzulenken, doch andere konnten – vor allem, wenn hochkompliziertere Aufgaben anstanden – nicht arbeiten. Immer wieder blickten die Mitarbeiter des Job-Centers aus dem Fenster, wo sich Polizisten, Feuerwehrmänner und Spezialisten tummelten.

Feuerwehreinsatz am Jobcenter: So erlebte ihn eine Mitarbeiterin

Die Dokumente, die mit der Flüssigkeit in Berührung gekommen sind, wurden von Jobcenter-Mitarbeitern auf einem Tisch ausgebreitet, damit sie trocknen können. Es handelt sich dabei auch um Post von Kunden. © privat

Mögliche psychische oder körperliche Folgen

Bevor die Mitarbeiter gegen 17.30 Uhr das Gebäude verlassen durften, sprachen Feuerwehr, Notarzt und die Geschäftsführer des Jobcenters, die die ganze Zeit vor Ort waren, mit den rund 40 Betroffenen. Jeder habe einen Notfallseelsorge-Flyer bekommen, sagt Oldenburg, „denn man weiß ja nie, wie so etwas nacharbeitet.“ Vielleicht komme man zu Hause zur Ruhe und frage sich, „Was wäre, wenn es doch etwas Schlimmes gewesen wäre?“ Auch für den Fall, dass nachts etwas passiert und doch ein Ausschlag, Reizungen oder gar Atemlähmung auftritt, wurden die Mitarbeiter gerüstet. Sie sollten dann umgehend in ein Krankenhaus. Da die Substanz von den Experten der Analytischen Task Force aus Dortmund jedoch als nicht gesundheitsgefährdend eingestuft wurde, versuchten die Einsatzkräfte, die Mitarbeiter zu beruhigen. Dass im Nachhinein noch etwas passiert, sollte sehr unwahrscheinlich sein – ganz ausschließen konnte das aber keiner.

Feuerwehreinsatz am Jobcenter: So erlebte ihn eine Mitarbeiterin

Der geleerte Briefkasten und die schon teils aufgewischte Flüssigkeit auf dem Boden. © privat

Bereichsleiterin war beim Fund der auffälligen Flüssigkeit dabei

Marianne Oldenburg ist Frühaufsteherin. Gemeinsam mit dem Hausmeister entdeckte sie gegen 6.10 Uhr die Flüssigkeit im Briefkasten und darunter auf dem Boden.

„Es sah erst so aus, als ob eine Putzfrau ihren Eimer umgeschmissen hat, aber es roch wie früher im Schwimmbad.“
Marianne Oldenburch, Bereichsleiterin des Jobcenters

„Es sah erst so aus, als ob eine Putzfrau ihren Eimer umgeschmissen hat, aber es roch wie früher im Schwimmbad.“ Dass kein Eimer umgefallen ist, war schnell klar. Jemand musste eine Flüssigkeit in den Briefkasten gekippt haben, der dann ausgelaufen war. Am Rand war die Flüssigkeit auf dem Boden salzig – „so als ob jemand gewischt hätte, aber mit Salz.“ Sie habe nach dem Fund direkt den Zentralen Service über den Vorfall informiert und der Hausmeister habe die in der Flüssigkeit getränkten Umschläge und Dokumente mit Schutzhandschuhen in einen Besprechungsraum im Erdgeschoss gebracht. „Wir haben die Dokumente auf dem Tisch ausgebreitet, damit sie trocknen. Es war Post von Kunden, die wir noch verwenden wollten.“ Die Türen des Raumes ließ der Hausmeister offen stehen, damit Frischluft hineingelangen konnte.

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Mitarbeiter des Jobcenters wurden mental von den Einsatzkräften unterstützt

Doch der merkwürdige Geruch ließ die Mitarbeiter nicht los. „Was, wenn da nicht nur Chlor enthalten ist, sondern noch ein anderer Stoff?“ hätten sich die Mitarbeiter des Job-Centers gefragt. „Es war uns blümerant.“ Sie entschieden sich gegen 11 Uhr, doch die Polizei zu informieren. „Und dann ging die Maschinerie los“, schildert Oldenburg. Feuerwehr und Polizei eilten in die Louise-Schröder-Straße. „Gegen 13.15 Uhr war dann klar: Es geht keiner mehr raus.“ Ein Team der Analytischen Task Force aus Dortmund betrat das Gebäude mit Schutzanzügen, entnahm eine Probe und untersuchte die Flüssigkeit. Was wann passierte, wussten die Mitarbeiter im Gebäude die ganze Zeit über. Oldenburg stand telefonisch mit den Einsatzkräften in Verbindung. Sie wurde gefragt, ob die Mitarbeiter etwas brauchen und wie es ihnen geht. „Wenn etwas gewesen wäre, dann wären sie für uns da gewesen. Das war sehr beruhigend“, sagt Oldenburg. Sie und die anderen Mitarbeiter haben sich nicht allein gelassen gefühlt – im Gegenteil. „Wir wurden mental unterstützt und haben uns nie abgeschirmt gefühlt.“ Das sei auch ein Grund dafür gewesen, dass alle Mitarbeiter ruhig geblieben sind.

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ABC-Einsatz am Jobcenter in Bergkamen

Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen.
29.07.2019
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Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann
Ein verdächtiger Geruch aus einem Briefkasten sorgte am Montag, 29. Juli, für einen Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei am Jobcenter an der Louise-Schroeder-Straße in Bergkamen. © Michael Neumann

Nach Reinigung: Jobcenter öffnet am Mittwoch wieder

Von dem Schrecken erholen dürfen sich die Mitarbeiter am Dienstag. Eine Reinigungsfirma war schon morgens vor Ort, um das Jobcenter zu reinigen und alles zu desinfizieren. Es wäre logistisch nicht möglich gewesen, alle Mitarbeiter auf andere Standorte zu verteilen, sagt Pressesprecherin Katja Mintel. Am Mittwoch soll das Center aber wie gewohnt öffnen. Für die Mitarbeiter geht dann der Alltag weiter, während in einem Labor intensiv untersucht wird, was für ein Stoff für den Großeinsatz gesorgt hat.

Es könne noch über eine Woche dauern bis die Ergebnisse vorliegen, sagt Thomas Röwekamp, Sprecher der Kreispolizei Unna. Nachdem der Stoff als ungefährlich eingestuft worden sei, habe man nun keinen Druck mehr. Die Polizei nimmt indes die Spur nach dem Täter auf, doch das könnte laut Röwekamp kompliziert werden. Die Polizei hofft auf eine neue Spur oder einen Zeugen, der etwas gesehen hat. Wem also am Wochenende etwas in der Nähe des Jobcenters aufgefallen ist, der meldet sich bei der Polizei in Bergkamen unter Tel. (02307) 921 7320 oder 921 0.

Feuerwehreinsatz am Jobcenter: So erlebte ihn eine Mitarbeiterin

Das Jobcenter blieb am Dienstag geschlossen. Am Mittwoch öffnet es wieder wie gewohnt. © Stefan Milk


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