Vor dem Radio sitzen und zuhören ist Schnee von gestern. Für einige Jugendliche heißt jetzt ab in die Aufnahmekabine, ran ans Mikrofon und selbst zum kleinen Popstar werden.

von Jan Dreher

Bergkamen

, 17.08.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schon von draußen schallt durch die offenstehende Tür des Jugendheims ein eindringlicher Beat. Hin und wieder huscht eine mehr oder weniger kleine Gestalt an der Tür vorbei in die eine oder andere Ecke des Gebäudes. Knackige Basedrums, Kick und Snare, der Rhythmus eingängig, hier beherrscht ganz klar Hip Hop das Haus.

Der Blick ins Innere des Jugendheims Spontan in der Nähe der Marina bestätigt den Verdacht. Direkt neben dem Eingang verschwinden immer wieder aufgeregte Jugendliche in einer Tür, hinter der das Tonstudio liegt. Ein letztes Mal den Text durchgehen, Tipps abholen und ab ans Mikrofon. Einen Raum weiter wird getanzt, an Texten gefeilt oder getratscht. Eine dicke Boombox kämpft mit durcheinanderwirbelnden Stimmen um die Vorherrschaft innerhalb der vier Wände.

In zwei Tagen wirst du kaum einen professionellen mega musikalischen Song machen. Es geht viel mehr darum, den Jugendlichen ein Gefühl zu vermitteln.“
Eymen, Rapper

Unbeeindruckt von all dem Gewusel um sie herum sitzen die drei Verantwortlichen für diesen Aufruhr: Imke Vogt, Arne Vogt und Sabrina Püschel vom Streetwork-Team Bergkamen, das Teil des Jugendamtes ist. Über insgesamt drei Wochen organisieren und betreuen sie das Ferienprojekt „Szenentreff“, bei dem, wie der Name schon sagt, verschiedene Jugendszenen im Mittelpunkt stehen.

„Wir haben uns einfach mal angeschaut, welche verschiedenen Szenen es so in Bergkamen gibt“, sagt Arne Vogt. „Unser Job als Streetworker ist es ja, mit der Zeit zu gehen“, skizziert er die Ideenfindung zum Projekt. Auf Graffiti, Parkour, Tanz, Skaten und eben Musik ist das Team dabei gestoßen. Dabei sollten die Jugendlichen die Möglichkeit bekommen, mal in die entsprechenden Szenen unter professioneller Anleitung reinzuschnuppern. „Die Jugendlichen, die hier sind, sind jetzt keiner speziellen Szene zuzuordnen, die sind alle sehr offen und machen bei allem mit“, ergänzt Imke Vogt.

In Bergkamen entsteht ein hippes Musikvideo: Jugendliche spucken große Töne

Pakiza (12) probiert sich am Keyboard. © Marcel Drawe

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Professionelle Künstler unterstützen die Jugendlichen

Damit die Schnuppertour in den verschiedenen Szenen funktioniert, hat sich das Streetwork-Team professionelle Verstärkung dazu geholt. Für lyrische Unterstützung sorgt dabei Rapper Eymen aus Dortmund, der neben seiner eigenen Sprachgesangskarriere auch Sozialpädagoge ist. „In zwei Tagen wirst du kaum einen professionellen mega musikalischen Song machen“, sagt der Wortartist, „es geht viel mehr darum, den Jugendlichen ein Gefühl zu vermitteln.“

Da ist eine kleine kulturelle Geschichtsstunde inklusive. „Rap hören die alle, das kennen die“, aber wo die Musik herkommt und warum Rap und Hip Hop immer schon Sprachrohr für Minderheiten ist, das will Eymen den Jugendlichen auch zeigen. „Es geht aber vor allem darum, dass sie Spaß haben“, sagt er. „Die bringen ja alle was mit und damit arbeite ich dann“.

Dazu gehört nicht nur das Schreiben der Texte, sondern auch die Aussprache und der sogenannte Flow, die Art und Weise die Wörter gekonnt und ästhetisch der Jugendlichen anzupassen. Immer wieder fragen ihn die Kinder nach Rat, immer wieder fordert er sie auf, ihm zu zeigen, was sie bisher gemacht haben und gibt letzte Tipps, bevor es in die Aufnahmekabine geht.

In Bergkamen entsteht ein hippes Musikvideo: Jugendliche spucken große Töne

Jojo Boedecker erkärt als Anleiter alle Schritte, auch den Zusammenschnitt am Computer. © Marcel Drawe

Verschiedene Einflüsse

Der Song ist dabei von vorne bis hinten unter der Regie der Jugendlichen entstanden. Den instrumentalen Teil des Songs haben sie dabei mit der Hilfe von Jojo Boedecker, seines Zeichens Musiker, entwickelt. „Wir hatten ursprünglich auch Punk oder Metall als Stilrichtung mit im Gepäck, aber die Wahl ist dann eher auf die Richtung Hip Hop gefallen“, erklärt Boedecker.

Grundlagen wie die Begriffe Refrain oder Strophe wurden dabei zunächst geklärt, um dann aus vielen kleinen Soundelementen gemeinsam den Beat zu basteln. „Das ist eine Art kreatives Chaos“, meint der Musiker im positiven Sinne. „Wir haben sogar ein bisschen Arabisches mit drin“, ergänzt Miralem Muhrie, der als Tontechniker für das Zusammenfügen von Musik, Gesang und Rap zuständig ist: Eine Saz, ein Zupfinstrument aus dem arabischen Raum hat es als Teil des Instrumentalarrangements in den Song geschafft.

„Wir hatten ursprünglich auch Punk oder Metall als Stilrichtung mit im Gepäck, aber die Wahl ist dann eher auf die Richtung Hip Hop gefallen.“
Jojo Boedecker, Musiker

Bei den Texten geht es nicht weniger bunt zu. Alles, was die Nachwuchsmusiker in ihrem Leben beschäftigt, findet Einzug in ihre Liedzeilen. Linn schreibt etwa passend zum Bundesligastart über ihren Lieblingsverein Borussia Dortmund und ihr Stürmeridol Paco Alcacer.

„Für den Text hab ich nur eine halbe Stunde gebraucht“, sagt die Elfjährige, die selbst gerne Rap hört. Nicoleta eifert lieber ihrem Vorbild Beyonce nach und lässt das in ihren Gesang einfließen. „Tanzen, Singen und Lachen“ ist dabei ihr Credo. Wieder andere lassen ihrem Ärger über die Hausaufgaben freien Lauf oder beschäftigen sich mit den größeren Problemen dieser Welt, die sie aufregen.

Am Ende wird zu dem fertigen Song dann ein Musikvideo gedreht. Dabei fließen alle Elemente des Szenentreffs mit ein, also auch Parkour, Graffiti usw. Die tänzerischen Elemente stehen dabei noch aus. Wer also noch Lust hat, am großen Projekt mitzuarbeiten kann gerne Montag und Dienstag von 18 bis 21 Uhr in Rünthe am Jugendheim Spontan mittanzen.

In Bergkamen entsteht ein hippes Musikvideo: Jugendliche spucken große Töne

Die Jugendlichen lernen die Bergkamener Jugendszenen kennen. Dazu gehört auch Musik. © Marcel Drawe

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